Niegeschichte
Dietmar Dath, Niegeschichte, © Matthes & Seitz

David, Dagmar und Dieter

Hiermit fasst er zudem sehr genau zusammen, was sein Werk tut: Es erzählt die Geschichte der SF selbst, von ihren Anfängen bis zur heutigen Zeit, beschreibt kleine und große Kämpfe, Revolutionen, Vorreiter*innen und stellt uns all die schreibenden Menschen vor, die ihrer Zeit weit voraus waren. Es bespricht, analysiert und interpretiert die wichtigsten Autor*innen, Werke und Debatten, die in der SF-Blase und darüber hinaus in den vergangenen Dekaden herrschten. Hierbei geht er nicht nur auf Literatur, sondern auch auf andere Medien wie Film, Serie, Comic und sogar Manga und Anime ein.

Ich, als Angehöriger der millennialschen Netflix-Generation, habe speziell im Serien-Bereich vergeblich auf die Erwähnung einiger breit rezipierter Erzeugnisse dieses Jahrzehnts gewartet. Die Nicht-Erwähnung habe ich schließlich dadurch entschuldigen können, dass Dath (mir) immer wieder versicherte, dass seine Niegeschichte keinen Anspruch auf Vollständigkeit habe – obwohl die SF noch verhältnismäßig jung ist, gibt es schon jetzt so viele Geschichten, dass sie auf eintausend Seiten nicht alle einen Platz finden können. Das ist im Endeffekt ein Argument für das Genre und kein Argument gegen Niegeschichte.

Nun lauschen wir dem Lied another.wun von potsu. Und ich denke: Obwohl meine Lieblingsserien keinen Platz in seiner ausführlichen Zusammenfassung der Geschehnisse gefunden haben, bin ich dankbar für das literaturgeschichtliche und -wissenschaftliche Wissen, dass er mir vermittelt hat, während er mit seinem Werk vor mir saß und mir alles erzählte, was es gefühlsmäßig überhaupt über die SF zu wissen gibt.

Und nicht nur dafür: auch für einige seiner Formulierungen und sein Mitdenken eines diversen Publikums der SF in seinen Interpretationen, beispielsweise: »Anja Kümmel, eine der wichtigsten Stimmen deutschsprachiger SF der Gegenwart, stellt im Roman Träume digitaler Schläfer (2012) ein Wesen vor, das die Geschlechter-Binarität hinter sich gelassen hat und eine Zahl als Namen führt, was selbst zu den geschlechter-nonkonformen Menschen im Publikum eine deutliche Differenz setzt.«

Seine Analysen angeblicher revolutionärer Umbrüche innerhalb des Genres (hier: Cyberpunk) empfinde ich, während er mir auf eine seltsam emotional-sachliche Weise davon erzählt und in seinem grünen Samtsessel sitzt, als ähnlich divers gedacht: »Es handelte sich [beim Cyberpunk] um einen Jungs-Klub, und wie man so etwas aufzieht und bewirbt, wusste die SF-Community seit Gernsback.« Und weiter: »Ich weise nur darauf hin, dass es einen Grund dafür gibt, warum manche Teile des von der New Wave angezogenen Publikums nicht der Meinung waren, Cyberpunk sei eine rebellische, eine wilde, eine transgressive Angelegenheit, sondern darin viel eher eine Restauration des Status quo ante erblickten: Hochintelligente Jungs wissen es besser als die ganze übrige Welt.«

Ich muss lächeln, als ich auf das Buch in meinen Händen blicke und dann wieder auf ihn und daran denke, dass ich vor ihm nichts über SF wusste, außer, dass ich sie gerne schreibe und nun aber eine Art Kompendium an Wissen besitze, auf das ich jederzeit zugreifen kann. Seine Niegeschichte ist nicht nur ein Geschichtsbuch, nicht nur eine literaturwissenschaftliche Analyse, nicht nur auch ein unterhaltsamer SF-Roman, sondern voll von kritischen Denkansätzen, von Literaturempfehlungen und interessanten Theorien in Bezug auf die SF und ihre verschiedenen Entwicklungsstufen. Ich denke (und weiß): Das alles hat mich nicht nur klüger gemacht, sondern auch zu einem besseren Schreiber.

Als i love being with you von Elijah Who zu spielen beginnt, wird mir klar, dass ich das Buch noch nicht aus der Hand legen möchte.


„Erzähl’s mir nochmal, bitte“, sage ich zu ihm und er nickt, bevor er erneut beginnt wie schon zuvor: »Die späteren werden die Früheren missverstehen; das ist der Lauf der Welt. Wenn die Späteren begreifen wollen, was die Früheren über die Späteren dachten, müssen sie Spuren suchen, an denen sich zeigt, ob die Früheren beim Spekulieren in der Lage waren, von sich selbst abzusehen, um andere, eben: spätere Weltzugänge erkennen zu können als die ihnen vertrauten.«

Bild mit freundlicher Genehmigung von Matthes & Seitz

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