Bachmannpreis
Bachmannpreis Klagenfurt 2019 © ORF/Johannes Puch

Das Schatz im Wörthersee

Ich springe selber in den See. Ich öffne meine Augen und sehe nichts als grüne Schemen. Von Sonne und Menschen keine Spur mehr. Hätte ich jetzt Gomringers Kiemen, ich könnte ewig hier unten bleiben. Ich könnte selbst zu einem Fisch werden. Ich könnte in der Schwerelosigkeit etwas meditieren und die westliche Philosophie auf neue Grundlagen stellen. Zum Tier werden, das ist eine grandiose Idee. Sie ist aus dem Bachmanntext von Ines Birkhan entlehnt. Wissen, Biologie, Reproduktion anders imaginieren, daran versucht sich auch Katharina Schultens „spekulativer Roman“. Sarah Wiepauer schaut ebenfalls in die Zukunft, was erfrischt. Die Zukunft bei Schultens ist allerdings nicht ohne Katholizismus zu machen. Ebenso so wie das Kärntner Landleben bei Julia Jost. In Daniel Heitzlers Mexiko-Imago tritt der Ahnenglaube auf den Plan, in Ronya Othmanns Reportage köpfen Islamisten Jesiden im Namen des Glaubens. Juryvorsitzender und Rheinländer Hubert Winkels referiert in seiner Auftaktansprache über die katholische Messe, wenn Clemens J. Setz im Interview einen exorbitanten Vergleich sucht, dann sagt er: „So schlau wie Gott“. Er muss darüber selbst schmunzeln. Was haben die Texte gemeinsam? Alles und nichts. Unter der Wasseroberfläche sind Gedanken sich näher als Tatsachen. Bei Schultens wird Mutterschaft neu verhandelt, Lukas Meschik verarbeitet das Leben seines toten Vaters, Andrea Gerster schreibt über eine Großmutter, die ihren Platz in der Familie sucht. Mütter und Väter sind wichtige Nebenmotive bei Leander Fischer, Martin Beyer, Sarah Wipauer … eigentlich in allen Texten. Lexikalisch wird dem Publikum einiges zugemutet. Schultens, Birkhan und Fischer bombardieren uns mit Fachvokabular.

Ganz, ganz still wird es bei Othmanns Ich-Reportage über die jesidischen Opfer des Daesh, einen (versuchten) Genozid. Menschen beginnen zu weinen. Eine Frau setzt ihre große, schwarze Sonnenbrille auf, um die geröteten Augen vor dem Fernsehpublikum zu verstecken. Nora Gomringer und Hildegard E. Keller sehen sich außer Stande den Text literarisch zu bewerten, besonders wenn die Autorin, die auch familiär involviert ist, ihnen gegenübersitzt. Silvia Tschui erzählt über ein Kind im Zweiten Weltkrieg. Viel mehr als Klischees kann die Jury nicht entdecken. Noch schlimmer ergeht es Martin Beyer, der die Hinrichtung der Geschwister Scholl verarbeitet. Eine Allianz aus Klaus Kastberger, Insa Wilke und Hildegard E. Keller schwingt ganz bewusst die Moralkeule. Beyer instrumentalisiere die Opfer des Nationalsozialismus. Michael Wiederstein versucht sich an einer Verteidigung des Textes, doch scheitert. Ich überlege, wie lange meine Luft noch reicht und tauche tiefer. Die Schemen sind nun fast schwarz, der Bodensatz meiner Gedanken so nah. Alle Bachmanntexte überlagern sich, und da schwimmt der größte gemeinsame Nenner: die Autofiktion. Autor/in und Literatur können scheinbar gar nicht mehr ohne identitätspolitische Klammerung gedacht werden, wie eine eigentümliche Äußerung von Insa Wilke zu Ines Birkhans Text belegt. Birkhan studierte Bildhauerei und Tanz, worauf Wilke kritisiert: „Ich hätte mir aber erwartet, dass etwas passiert, was vielleicht eine Art Klangskulptur, eine Art Bildskulptur ist.“ Ist das noch Literaturkritik?

Bild mit freundlicher Genehmigung von © ORF/Johannes Puch
Weitere Beiträge
Anna Basener: Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte
Anna Basener: Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte