Bachmannpreis
Bachmannpreis Klagenfurt 2019 © ORF/Johannes Puch

Das Schatz im Wörthersee

Ankowitsch, das ist der Moderator im Studio, seine Kollegin Zita Bereuter interviewt und moderiert im Garten. Ankowitsch übernimmt aber noch eine andere Funktion, die dem Fernsehauge verschwiegen bleibt. Die Funktion des Maßreglers. Nach dem Ende jeder Jurydiskussion hastet das Publikum aus dem Studio, während Ankowitsch noch die nächsten Lesenden anmoderiert. Das Wuseln schluckt seine Worte. Der Bachmannpreis sei keine „Wurstbudenveranstaltung“, konstatiert er eines Morgens vor der Livesendung. Während der Vorstellungsfilme dürfe jeder rein und raus wie ihm es beliebe. Dass Ankowitsch für seine Bitte in seinen österreichischen Heimatdialekt wechselt, erzielt keine Effekte. Die Mahnung bleibt folgenlos. Das Wuseln geht weiter.

In einer Mittagspause zwischen zwei Leseblöcken suchen wir nach Kärntner Nudeln mit Grammeln. Im Schatten des Landhauses finden wird sie. Auf einer Gedenktafel wird an die „Besetzung des Landes durch die Slawen“ erinnert. Das Wort „Slawe“ enthält etwas Mythologisches. Die Besetzung fand 1918 statt. Wir stellen uns einen Carinthian Standoff vor. Man sagt nicht ohne Grund, Kärnten sei das Texas Österreichs. Die konservative Landesmentalität, im Grenzland zu Mexiko aka Slowenien gelegen und heute brütend heiß wie die Mittagshitze in San Antonio, die dir den noch das letzte Quäntchen Verstand aus dem Schädel drückt. Jeden Morgen um halb zehn sehen wir dieselben Existenzen mit ihrem blauen Puntigamern vor den Saloons der Stadt sitzen.
Dass eines Abends ein/e Bachmannpreisträger/in aus der Tiefe des ORF-Gartens auftaucht und uns ein Ständchen singen möchte – was wir ob der Skurrilität des Angebots werde annehmen, noch ablehnen – klingt wirklich nach einem hitzeverursachten Fiebertraum. Aber es ist passiert, einigt sich die Gruppe. Das Ständchen fand statt.

Das größte Konzert der Woche gibt aber zweifelslos Ed Sheeran, der parallel zum Bachmannpreis Tourstopp in Klagenfurt macht. In der Dunkelheit pilgert die Jugend in Hotpants Nachhause und verstärkt das Festivalgefühl. Denn nichts anderes als ein Festival ist der Bachmannpreis. Vier Tage Lesen und Diskutieren im strukturkonservativen Fernsehkorsett. Abends in den Liegestühlen des Lendhafens hängen oder im „Theatercafé Cho Cho San“ Schnaps trinken. Morgens punkt zehn wieder im oder vorm ORF-Studio sitzen. Trotz Push-Nachrichten für ein paar Tage den Kontakt zur Außenwelt verlieren.
Ein experimentelles oder hedonistisches Spektakel wie das Literaturfestival Prosanova in Hildesheim ist der Bachmannpreis, bzw. sind „Die Tage der deutschsprachigen Literatur“, nicht. Aber inhaltlich trennt Klagenfurt und Hildesheim gar nicht so viel. Mühelos hätte man sich die Hälfte aller Lesenden des aktuellen Jahrgangs im Line-Up des Prosanova 2017 vorstellen können, das auf Diversität und Jüngere setzte. Autorin Birgit Birnbacher war und ist gar auf beiden Festivals vertreten.

Tom Kummers Text „Von schlechten Eltern“ beendet den zweiten Lesetag. Beim Tauchen im Zürichsee überkommen den Großstadtcowboy die Phantasmen. Bei Kilchberg, einer kleinen Gemeinde im Kanton Zürich, verlässt der Erzähler das Wasser wieder. Auf dem idyllischen Friedhof von Kilchberg liegt Thomas Mann begraben. An dessen Grab steht der Protagonist von Christian Krachts „Faserland“ am Höhepunkt seiner Odyssee, bevor er den Gang in den Zürichsee antritt, dessen Ergebnis der Phantasie der Leserschaft überlassen bleibt. Ob sein Ende des Textes die Antithese zu Krachts Szene sei, frage ich Tom Kummer. „Wer will das wissen?“, antwortet Philip Marlowe.

Bild mit freundlicher Genehmigung von © ORF/Johannes Puch
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