Bachmannpreis
Bachmannpreis Klagenfurt 2019 © ORF/Johannes Puch

Das Schatz im Wörthersee

Denn am ersten Lesemorgen scheint die Handlungsfähigkeit der Jury in Gefahr. Es herrscht inoffizieller Fächernotstand. Personen auf der Gästeliste des Preises wird traditionell eine Bachmann-Tasche geschenkt, inklusive eines Fächers. Dieses Jahr nicht. Organisieren Sie nun auf die Schnelle einen Fächer im Sommerhoch! Ein/e Juror/in pumpt deshalb gleich eine Kandidatin an. Den Bedürftigen gibt man gerne, so auch in diesem Fall. Ob sich die Kandidatin so bereits gewollt oder unbewusst eine Extrastimme im Preiskampf ergattert hat? Schiebereien kennt man nicht zuletzt von den ganz großen Jurywettbewerben wie den Oscars, wo sich der Begriff „Kleine Aufmerksamkeit“ längst pervertiert hat. Klagenfurt ist nicht Los Angeles (außer vielleicht im Hinblick auf die Temperaturen). Jurorin Nora Gomringer bestätigt am Abend des zweiten Lesetages den Notstand. Dass sie mittags einen leichten Schwächeanfall erlitt, dabei spielte der fehlende Fächer jedoch keine Rolle. Sie verpasst so drei Textdiskussion. Das ist ihr natürlich hochnotpeinlich. Abends ist sie aber wieder Gomriger-fidel. Nach dem Besuch im Klagenfurter Klinikum fühle sie sich zehn Jahre jünger. Leider, so Gomringer, lehnte die behandelnde Ärztin es aber ab, Gomringer Kiemen zu schneiden, damit sie statt Wasser trinken, einfach Wasser atmen könnte. Der Fächernotstand ist übrigens dem Rebranding von 3SAT geschuldet. Erst im Februar 2019 wurde das neue Logo eingeführt. Nicht genug Zeit, um es rechtzeitig auf die Fächer drucken zu lassen.

Um 20:00 Uhr performt Gomringer mit dem Musiker Philipp Scholz eigene und fremde Texte im Lendhafen. Der Lendhafen, das ist eine dieser verwunschenen Klagenfurt-Locations, nach ORF-Theater und dem vorgelagertem ORF-Garten der dritte Bachmann-Ort, ein Steinwurf vom Studio entfernt. Gerahmt wird die Minimalstbühne von Kanalmauern im Ägypten-Look (Historismus sagt die Wissenschaft) und einer Fußgängerbrücke, die knapp über die Bühne führt. Immer wieder bleiben Radler stehen, um das Geschehen unter ihnen zu verfolgen. Einmal sind es fünf Schwarzbärte in Sportanzügen und mit Red-Bull-Dosen. Sie lachen und zücken ihre Handys, als ein paar Meter unter ihnen Gomringer Ernst Jandls gackernde Poesie zum Leben erweckt. Bachmann ist ganz Klagenfurt, aber nicht ganz Klagenfurt ist Bachmann.

Das freiwillige Publikum in seinen Liegestühlen stört sich nicht am Personenverkehr, während die Umwertung aller Bewertungen stattfindet. Unter den Freiwilligen sind nämlich mindestens vier der sieben Juror/innen und vier der 14 Lesenden. In welchem Wettbewerb wechseln jemals die Rollen von Künstler/in und Kritik? Das Fernsehformat „Sing meinen Song“ bietet eine krasse Ausnahme. Aber in sportlichen Disziplinen? Sagte jemals der Trainer von Roger Federer; „Hey FedEx, kannst du mir mal ein paar Tipps für meine Rückhand geben?“ Oder der Trainer von Katarina Witt: „Hey Kati, würde mich freuen, wenn du mein nächstes Eiskunstlauf-Match bewertest.“ Klagenfurt ist Familientreffen, das merkt man auch, wenn man noch nicht eingeheiratet hat. Zwar schreibe ich von Frau Nora Gomringer und Herrn Christian Ankowitsch, gesprochen habe ich aber in Wirklichkeit mit Nora und Anko.

Bild mit freundlicher Genehmigung von © ORF/Johannes Puch
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