Blick aus dem Fenster 2
© Kristina Andabak

Blick aus Fenster #2

Seit Tagen hat der Wecker keinen Zweck mehr für mich. Zwar schließen sich die Augen, doch der Verstand nicht mehr. Rast- und Appetitlosigkeit blockieren all meine Synapsen und verweigern mir klare Gedanken. Alles schmeckt gleich, alles fühlt sich gleich an. Mein Kokon erdrückt mich und das Echo meiner Stimme ist mir schon längst zuwider. In Garage #3 sehe ich nämlich einen einzelnen Stuhl stehen, und ich weiß einfach nicht … wieso. Zunächst habe ich mir nichts dabei gedacht. Manchmal stehen Garagen nun mal leer, und irgendein Gegenstand müsste den Damm ja zum Brechen bringen. Warum also kein Stuhl. Man könnte auf dem Stuhl sitzen und sich währenddessen um das Arrangement der anderen Gegenstände in der Garage kümmern. Logisch, praktisch, der Beginn von etwas Größerem. Doch auch am Folgetag konnte der Blick nach draußen keines dieser Versprechen einlösen. An keinem der 31 Folgetage. Die Garage blieb geöffnet, der Stuhl blieb stehen, ich blieb in Position. Stillstand. Kein Besen. Kein Farbstrich an der Wand. Kein einziger Autoreifen. Welch gequälter Seele hat der Wahn derartig übel mitgespielt, dass sie sich des Bespielens einer Projektionsfläche von solchem Potenzial gänzlich verweigerte? Jemand könnte ihr diesen Stuhl stehlen, oder sich setzen. Mit sich selbst ins Reine kommen.

Text von Marcel Schütte

Bild mit freundlicher Genehmigung von Kristina Andabak | Pfeil und Bogen
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