Netflix - Streaming
Netflix - Streaming

Beziehungsstatus: vergeben an Netflix

Wir kannten uns schon länger, sind uns den einen oder anderen Abend bei Freunden begegnet und ich kann im Nachhinein nicht leugnen, dass es nicht damals schon zwischen uns beiden gefunkt hat. Dann kam Corona. Ich war viel allein in meiner Wohnung, hatte Ze it zum Nachdenken und wünschte mir zum ersten Mal seit langem wieder jemanden an meiner Seite. Jemanden für einen kuscheligen Abend zu zweit, jemanden, der mich zum Lachen bringt und mit dem ich traurig sein kann.

All das (und auch die Tatsache, dass ich irgendwann dann doch genug von der ArteMediathek hatte) hat mich schließlich dazu bewogen, den ersten Schritt zu machen. Heute bin ich mehr als glücklich darüber, denn ich kann nun stolz von mir behaupten: Ich bin in einer Beziehung mit Netflix.

Mit Netflix kann ich endlich die Filme und Serien schauen, die ich schon immer schauen wollte, von denen meine Freund*innen schon immer wollten, dass ich sie schaue, und die ich nie schauen wollte und jetzt verstörenderweise doch sehr unterhaltsam finde. Netflix lenkt mich ab, wenn ich mich nach einem Tag außer Haus sehne und leistet mir Gesellschaft beim Essen, damit ich nicht aus dem Küchenfenster starren und Leute beobachten muss. Netflix verurteilt mich nicht, wenn ich mich gegen Produktivität und für einen spontanen Serienexzess entscheide und wieder zum 16jährigen Fangirl werde (definitiv #TeamPaxton). Außerdem sind Netflix‘ Partys tatsächlich ziemlich cool und eine der wenigen gesellschaftlich etablierten Formen, sich allein vorm Fernseher zu betrinken.

Manchmal frage ich mich allerdings, ob Netflix mich und meine guilty pleasures nicht etwas zu gut kennt. Neulich habe ich nämlich Twilight geschaut aus rein wissenschaftlichen Gründen natürlich und jetzt geht Netflix davon aus, dass ich auf kitschige Teenie- Romanzen mit verstörender Message stehe. Sollte ich als Ausgleich vielleicht einen Film aus der Kategorie „Preisgekrönte Filme“ schauen? Oder eine Doku über Minimalismus? Ich möchte in dieser Beziehung ausnahmsweise einmal Dinge richtig machen und es nicht vermasseln, nur weil mein Filmgeschmack zu Teilen manchmal eventuell fragwürdig sein könnte.

Ich wüsste jetzt gar nicht mehr, wie ich meine Zeit ohne Netflix verbringen würde. Was hätte man vor 15 Jahren in dieser Situation gemacht? Hätte ich immer und immer wieder meine drei DVDs (Pulp Fiction, König der Löwen, Unsere Ozeane) in Reihe schauen sollen? Wäre ich gezwungen gewesen, in eine Videothek zu gehen? Hätte ich gar ein Buch lesen müssen? Welch ein grausames Szenario.

Ein Leben ohne Netflix ist für mich jetzt schon gar nicht mehr vorstellbar. Vielleicht habe ich deshalb so Angst vor dem Zeitpunkt, an dem die Welt vollständig zum Normalzustand zurückgekehrt ist. Kann ich danach überhaupt noch ins Theater gehen oder ist das dann schon Betrug? Werden wir unsere intensive Beziehung aufrechterhalten können? Ein Teil von mir wünscht sich das sehr, während ein anderer Teil in mir fragt, wie mein Umfeld wohl darauf reagieren wird. Aber eigentlich will ich mir über solche langfristigen Fragen noch keine Gedanken machen müssen. Ich möchte den Moment genießen und endlich das Staffelfinale von Never Have I Ever schauen. Bin schon ganz aufgeregt.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Netflix

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