Betreff: Von Nachteule an Sternhai

Von: Casjen
An: Buchclub

01.07.2020, 23:39 Uhr

Hey ihr alle,
ich hab gerade ein Buch beendet und habe ziemlichen Redebedarf, also:
Es heißt An Nachteule von Sternhai, ist im Juli 2019 beim Hanser-Verlag erschienen, hat 288 Seiten und wurde von Holly Goldberg Sloan und Meg Wolitzer geschrieben. Total spannend finde ich neben dem E-Mail-Format auch das Material des Buchs, das sich irgendwie ziemlich besonders anfühlt. Auch wenn ich weiß, dass oft nicht die Autor*Innen dafür verantwortlich sind, sondern die Herstellungsabteilung des Verlags und die zuständigen Lektor*Innen, denke ich, dass sich Gedanken über die Herstellung gemacht wurden.
Aber back to topic: An Nachteule von Sternhai habe ich gelesen, weil Homosexualität thematisiert wird. (Klingt das weird? Ich lese in meiner Freizeit quasi nur Kinder- und Jugendbücher mit queeren Themen, vielleicht als Art Kompensation dafür, dass ich mich früher nie repräsentiert gesehen habe. Ich wünschte, ich hätte dieses Buch damals gehabt.)
Die Väter der beiden Protagonistinnen, Bett und Avery, sind schwul und führen zu Beginn des Buchs eine heimliche Beziehung. Bett findet das heraus und kontaktiert die ihr komplett fremde Avery, um ihr mitzuteilen, dass sie in ein Sommercamp geschickt werden sollen, um sich kennenzulernen und eine Familie zu werden. Das wollen sie aber dringend verhindern.
Das Schwulsein der beiden Väter finde ich super adressiert – es ist ein klares Thema und wird offen angesprochen, allerdings nie problematisiert, was in total vielen Jugendbüchern der Fall ist. (Natürlich gibt es in diesem Buch auch Homofeindlichkeit, was ich aber gut finde, da es einfach die Realität widerspiegelt. Aber die Sexualität der beiden Väter ist kein generelles Problem, das “gelöst” werden muss.)
Ich freue mich auf eure Gedanken!
Casjen

Von: Vital
An: Buchclub
05.07.2020, 19:02 Uhr

Hey Casjen,
ich gehe erst einmal kurz auf das E-Mail-Format ein, das, ist es auch auf den ersten Seiten verwirrend, im weiteren Verlauf und über die Annäherung an die Figuren sein Potenzial erst entfaltet. 
Durch die wechselnden Absender*Innen der Briefe (E-Mails), wird die Perspektive auf die im Verlauf der Geschichte aufkommenden Probleme, in die sämtliche Figuren auf die eine oder andere Art involviert sind, nicht aus der forcierten Sicht einer Einzelperson wahrgenommen, sondern kann von den Lesenden mit der Berücksichtigung mehrerer Standpunkte differenziert betrachtet werden.
Den Schwierigkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation und den sich darüber verändernden Beziehungen wird hier viel Platz eingeräumt. Gleichzeitig wird mit Wissen und Unwissen der Figuren gespielt, wobei, anders als den Figuren, sich den Lesenden ein plastisches Bild der Gesamtsituation öffnet und sie Aktionen und Reaktionen nachvollziehen oder als irrational herausstellen können. In diesem Prozess entwickeln die Lesenden eigene sich unterschiedlich ausprägende Beziehungen zu den Charakteren, werden sie doch in alle Geheimnisse und Ängste immer mit eingeweiht.
Und Casjen, bei der Thematik der Homosexualität, die du angesprochen hast, ist es mir fast wichtiger, wie sie erscheint und nicht das sie erscheint. Hier würde ich An Nachteule von Sternhai als ein gutes Beispiel dafür nennen, wie sich die Landschaft der Kinder- und Jugendliteratur organisch mit den Diskursen der Gesellschaft modernisieren kann und dass es auch möglich ist Homosexualität als Gegebenheit in eine Narration zu integrieren, ohne sie erst herausstellen oder problematisieren zu müssen.
So verbleibe ich erst einmal und grüße dich lieb
Vital

Von: Marie
An: Buchclub
07.07.2020, 13:21 Uhr

Hallöchen ihr beiden eifrigen Lesenden,
ich bin nun auch fertig mit dem Buch – ihr wisst, ich bin nicht die schnellste Leserin – und möchte mich bei dir Casjen, für diesen großartigen Lesetipp bedanken. Denn obwohl auch ich (wie wir alle) deutlich über der Altersempfehlung liege, fühlte ich mich wirklich ganz wunderbar unterhalten. Ich hab mit den Mädchen, ihren Vätern und all den großen und kleinen Problemen mitgefiebert und mich sogar dabei erwischt, wie ich beim Lesen angefangen habe zu kichern und zu glucksen (als wäre ich selbst wieder 12). 
Mir gefällt auch, dass neben Homosexualität noch viele andere Themen, wie der Umweltschutz, die Pubertät, der Tod und sogar die Menstruation – oder wie sie es nennen „wenn der Zwerg mit der roten Mütze kommt“ – mit in die Geschichte eingeflochten werden. Gerade die Periode bei jungen Frauen ist oft ein heikles Thema, das meines Erachtens in Kinder und Jugendromanen viel zu wenig Beachtung findet und dass es in An Nachteule von Sternhai auf so leichte, natürliche Weise behandelt wird, ist umso schöner.
Lasst uns aber auch noch mal über den Anfang des Buches sprechen: Bett kontaktiert Avery, um den Plan der Väter – die wollen, dass sich die beiden Mädchen im gemeinsamen Sommercamp anfreunden – zu sabotieren. Aber wie? Bett findet Averys E-Mail-Adresse über deren Schulwebsite heraus und schreibt ihr. Zwar ist Avery sichtlich irritiert von der Nachricht: “Woher soll ich wissen, dass du nicht irgendein Hacker aus der Ukraine bist” und dennoch gibt sie private Details und Information preis. Für mich wurde dieser Umstand im Buch nicht genügend aufgegriffen und verhandelt. Ich finde es wichtig, noch mal für alle Kinder und Jugendlichen da draußen zu betonen, dass Mails, Nachrichten (oder sonstiges) von Fremden nicht beantwortet werden sollten, ohne die Eltern oder einen Erwachsenen zurate zu ziehen. Auch die Weitergabe von persönlichen Informationen und Details ist äußerst problematisch. Avery hatte in diesem Fall Glück, dass Bett wirklich Bett war. (Das musste ich unbedingt noch mal loswerden!)
In freudiger Erwartung auf eure Antworten,
Marie

Von: Vital
An: Buchclub
10.07.2020, 18:06 Uhr

Liebe Leute,
einen Punkt wollte ich doch noch anbringen. Die Homosexualität ihrer alleinerziehenden Väter begreife ich als initial verbindendes Element von Avery und Bett -ist es ja auch dem Kennenlernen dieser beiden Elternteile geschuldet, dass die Mädchen überhaupt zusammenfinden- hierbei könnte man diesen familiären Umstand durchaus als besonders beschreiben und annehmen, dass er das Identifikationspotenzial vieler Lesender eher vermindert. Was den Autorinnen jedoch gelingt, ist es, über die sich dynamischen entfaltenden Charakteristika der Figuren, die identifikatorische Ebene breit zu halten, gleichzeitig aber die Diversität einer modernen Gesellschaft mit einzuschließen.
Mit anderen Worten: Man muss weder ein zwölfjähriges Mädchen, homosexuell oder mit einem alleinerziehenden Elternteil aufgewachsen sein, um An Nachteule von Sternhai etwas abgewinnen zu können. Durch die charmante und pointierte Anordnung der E-Mails und den distinkten Figuren, die sie schreiben, entflieht das Buch elegant der Nische.
LG
Vital

Von: Casjen
An: Buchclub
13.07.2020, 18:05 Uhr

Danke, danke, danke!!! Eure Gedanken bezüglich des Buchs so ausformuliert vor mir zu sehen und immer wieder lesen zu können, bedeutet mir viel.
Marie, beim Lesen ist es mir nicht so aufgefallen, dass der Erstkontakt eigentlich ziemlich weird ist. Ich fand es kurz komisch, wurde dann aber in die Story gesogen. Ich stimme dir aber auf jeden Fall zu! Dass das in einem Buch, in dem mit vielen Themen äußerst vorbildlich umgegangen wird, nicht weiter aufgefangen wird, finde ich auch sehr problematisch. Fiktive Figuren haben bei dieser Zielgruppe ja oftmals noch so eine Art “Vorbildfunktion”. Was mich zu der philosophischen Frage bringt: Gibt es in diesem Buch gute Vorbilder?
“Zielgruppe” ist generell auch ein gutes Stichwort. Bei KiJu-Büchern sagt man, dass die Protagonist*innen ca. zwei Jahre älter sind, als die eigentliche Zielgruppe. Mir ist aber direkt aufgefallen, dass ich als erwachsener Leser* das Buch auch geliebt habe. Und euch ging es ja auch so…
<3 Casjen
P.S.: Ich hänge euch noch ein Foto an, das ich mit dem Buch gemacht habe.

Von: Jacy
An: Buchclub
20.07.2020, 10:21 Uhr

Hallo ihr Lieben,
ich hatte bis heute noch keine Zeit zum Lesen, nachdem ich heute Morgen angefangen hatte, konnte ich das Buch nicht zur Seite legen und habe es bis eben, geradezu verschlungen.
Diese süße Geschichte, über die entstehende Freundschaft zwischen Avery und Bett, hat mich sehr fasziniert und mich an meine eigene Kindheit erinnert. Als mir damals gesagt wurde, dass nebenan eine Familie mit einem Mädel in meinem Alter einziehen würde, habe ich mich, obwohl ich gehofft hatte, dass wir uns anfreunden würden, anfangs auch dagegen gewehrt, doch bald vertrauten wir uns alles Mögliche an. 
Ich kann mich euch nur anschließen: E-Mail Format wurde schön angewandt. Ich mochte es sehr mir aus den einzelnen E-Mail-Puzzleteilen die Geschichte zusammenzubauen und Einblick in die Ansichten und Emotionen der einzelnen Charaktere zu haben. Die von euch erwähnten Themen wurden unglaublich angenehm, oft nur unterschwellig, eingebaut und lassen viel Freiraum zum Diskutieren und Nachdenken.
Marie, ich stimme dir voll zu. Auch ich empfand den Einstieg als zu unreflektiert. Das hätte meiner Meinung nach besser behandelt werden können, um für noch ein bisschen mehr Aufklärung in diesem Bereich zu sorgen. Das wäre auch mein einziger kleiner Kritikpunkt an diesem Buch.
Uii Casjen, sehr gute Frage! Ich hatte während des Lesens nie das Gefühl belehrt zu werden, was mich sonst öfters an Kinderbüchern stört. Stattdessen stellt das Buch immer wieder Fragen, die zumindest mich zum Nachdenken angeregt haben. 
Auf jeden Fall finde ich, die verschiedenen Menschen in dem Buch leben einem vor, wie man offen ist gegenüber anderen Meinungen ohne die andere Person zu verurteilen, und auch trotzdem mit jener befreundet sein kann. Natürlich war an manchen Stellen im Buch das Verhalten der Personen etwas engstirnig, was ich aber aufgrund des Alters der Protagonistinnen realistisch fand.
Grüßchen
Jacy

Von: Marie
An: Buchclub
28.07.2020, 16:09 Uhr

Oh wow ihr Lieben,
ein Buch, das uns allen gleichermaßen gefällt, – ich würde sogar sagen begeistert – hatten wir lange nicht mehr. Aber es zeigt einfach, dass es ganz unterschiedliche Formen von Familie geben kann und dass das Leben voller bunter Farben ist.
Es scheint mir als hätten Goldberg Sloan und Wolitzer, ganz ohne es zu beabsichtigen eine Geschichte geschrieben, welche nicht zuletzt aufgrund ihrer Charaktere wirklich das Zeug hat ein Vorbild zu sein! Nicht nur den jungen Leser*innen gegenüber, sondern vor allem auch in Hinblick auf andere Kinder- und Jugendromane. Wo manch anderes Buch endet, fängt An Nachteule von Sternhai erst an. 
Und so freue ich mich schon darauf, was wir als nächstes Lesen und Besprechen 🙂
Mögen die kommenden Leseerlebnisse mit euch sein!
Marie 
PS: Meine kleine Cousine hat in ein paar Wochen Geburtstag und ich überlege schon eine Weile was ich ihr denn schenken könnte, doch dank An Nachteule von Sternhai ist diese Suche nun offiziell beendet. 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Casjen Griesel | Pfeil und Bogen
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