Ghostwriter
Von SlimVirgin - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25528360

Alter Deus zu vermieten

IV – Also will ich prüfen eure Rede, ob ihr mit Wahrheit umgeht oder nicht

Das Gegenlesens durch die Persönlichkeit birgt nochmal seine ganz eigenen Tücken. Wenn das fertige Manuskript in ihren Händen liegt, trennt sich die Spreu vom Weizen. Ob die Stimme und der Wahrheitsgehalt der Persönlichkeit entsprechen ist die eine Frage. Sie muss dazu in der Lage sein die Passagen öffentlich vorzulesen und zu kommentieren. Die größere Prüfung allerdings ist, ob der Persönlichkeit das Abbild ihrer selbst gefällt oder nicht. Bei allen Einschränkungen hat der Ghostwriter in der Persönlichkeit die seltene Möglichkeit auf Feedback. Jede Ungereimtheit, jeder Widerspruch, alles was unpassend ist, wird der Persönlichkeit auffallen können und der Ghostwriter kann nachschärfen, um ein ganzheitliches Buch zu schreiben. Hier zeigt sich auch wie ehrlich die Persönlichkeit mit dem Ghostwriter war und natürlich mit sich selbst.

Viele kommen aber nicht so weit. Die Reaktionen der Persönlichkeiten sind unberechenbar. Das eigene Schicksal, wie es von fremder Hand niedergeschrieben ist, flimmert plötzlich in einem endgültig wirkenden Dokument über den Computer. Woran genau es liegt, lässt sich nicht verallgemeinern. In vielen Fällen merkt sie, dass sie zu viel preisgegeben hat und zieht sich zurück, wodurch es schwierig wird herauszufinden was genau der Auslöser war.

In manchen Fällen muss man sich ein paar Wochen mehr Zeit nehmen, weil sie sich kurzfristig entschlossen hat auf die Bahamas zu fliegen und es keine Möglichkeit gibt sie zu erreichen. In anderen muss die Veröffentlichung verschoben werden, obwohl sie nicht nur im Programm des Verlages sauber eingetaktet wurde, sondern auch einherging mit einer Reihe von Enthüllungen in anderen Medien.

Manchmal fallen ganze Kapitel sogar komplett weg, weil eine Person, die darin vorkommt sich nicht zu erkennen geben will, oder weil auf 114 Seiten des Buches Verbrechen gestanden werden, für die noch niemand bestraft wurde.

An diesem Punkt kann sich der Ghostwriter nur noch schwierig von der Persönlichkeit distanzieren, auch wenn es seine Aufgabe erfordert. Ihn verbindet jetzt eine Geschichte. Beide haben sie auf unterschiedliche Weise erlebt und beide haben gewisse Ansprüche an – und auf – die Geschichte. Darum ist es kaum verwunderlich, wenn der Ghostwriter von der Reaktino der Persönlichkeit mitgenommen ist.

Immerhin ist es sein Text, der so eine extreme Reaktion verursacht hat. An diesem Punkt zwischen dem Wert der eigenen Arbeit und der Macht der fremden Geschichte zu differenzieren, ist kaum noch möglich. Der Ghostwriter hat sich selber aufgegeben, um zu jemand anderen zu werden, sich der Persönlichkeit zu bemächtigen, um dann ihre Geschichte auszubrüten und groß zu ziehen.

Wenn das entstandene Werk jetzt das biologische Elterntein ins Koma schlägt, ist es schwierig dazu eine Distanz aufzubauen und sich selber dafür nicht zur Verantwortung zu ziehen. Ghostwriter gehören zu den Künstlern, die sich am meisten aus ihren eigenem Werk herausnehmen müssen. Depressionen sind auch unter Ghostwritern verbreitet.

Wenn der Text fertig und bewilligt ist, nehmen der Verlag, der Manager oder sogar die Persönlichkeit selbst das Ruder in die Hand. Manche Ghostwriter machen den schritt ins Rampenlicht mit. Einer schrieb einmal eine Rapper-Biografie. Im Milieu blieb das nicht unbeobachtet und er erhielt schnell eine Widmung durch den Rapper Kollegah: „Doch es hat nen schalen Beigeschmack, wie Venusmuscheln, wie sie ihre Egos pushen. Dennis Sand: Erst hardcore bei Sun Diego lutschen, dann einen auf Bestsellerautor von einer Bio tun, die er nie leben musste. Fotze.“ („Continental“ feat. Nas)

Dennis Sand war kein Fremder in der Welt des HipHop-Journalismus. In dem Moment wurde er vollends in die Welt gezogen, die er sonst als Objekt, also von außen betrachtet. Er wurde Teil der Geschichte, die er selber geschrieben hat. Ein fragwürdiges Privileg. Tatsächlich war er aber schon Teil der Welt, als er das Buch schrieb. Sein Name auf den Cover hat es nur für die Öffentlichkeit kenntlich gemacht. Der Ghostwriter wurde manifest, er wurde zum Co-Autor. Sein Werk wurde verbunden mit seinem Namen. Er wurde als öffentliche Person Teil des Diskurses und Teil des Milieus. Nur dadurch, dass er seinen Namen selbst in die Szene setzte.

Das ist aber eher die Ausnahme und verlässt die Welt des Ghostwritens. Für die meisten Ghostwriter bleibt die Arbeit ein ewiges Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz. Ein Herausnehmen des eigenen Selbst und ein Herantreten an ein anderes. Ein Eindringen in ein fremdes Umfeld und eine kritische Betrachtung aus der Ferne. Ein intimer Umgang mit einem fremden Menschen und eine konstante Hinterfragung. Ein Abarbeiten an einem fremden Leben in der eigenen Schreibkammer. Der Ghostwriter ist ein Autor wie jeder andere. Aber ein Autor, ohne Identität. Ein alter deus der gemietet wurde. Von dem Produkt seiner Arbeit ist er maximal distanziert, seiner Quelle ist er so nah wie nur möglich. Nur die findigsten Leser können in einem Text einen Ghostwriter wiedererkennen und auch nur, wenn sie wissen wonach sie suchen. Der Text gehört zu einer anderen Persönlichkeit, die ihn von Geisterhand geschrieben hat.

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