Ghostwriter
Von SlimVirgin - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25528360

Alter Deus zu vermieten

Dabei kann es auch oft ein wenig Überwindung kosten. Die ersten Geschichten von Elend können harte Spuren hinterlassen, wenn man diese Art von Leid aus dem eigenen Leben nicht kennt. Darüber hinaus gibt es oft scheinbar unvereinbare Unterschiede. Ein Richter muss Urteile kalt fällen. Wenn die Beweislage es nicht anders zulässt muss er einen Vergewaltiger freisprechen. Auch wenn er von seiner Schuld überzeugt ist. Vielleicht lässt es ihn aber selber nach Jahren der Rechtsprechung schon kalt. In jedem Fall muss der Ghostwriter diese Entscheidung vertreten. Auch wenn sein eigener moralischer Kompass in eine ganz andere Richtung zeigt. Sein Auftrag ist es trotzdem die Motivation der Persönlichkeit klar aufzuzeigen. Da darf kein Zweifel aufkommen, den sie nicht selbst hat. So eine Autobiografie wird selten bewilligt und ist immer unauthentisch.

Mit dem Material, den Interviews, dem Leben, der Persönlichkeit beginnt der Ghostwriter eine Stimme zu formen. Manchmal ganz geisterhaft und ohne weiteren direkten Kontakt, auf hoher Distanz, um den ganzen Input in Ruhe sortieren zu können. Manchmal mit großer Nähe. Vielleicht hat sich eine Freundschaft entwickelt. Für manche Persönlichkeiten kann es gar nicht genug Nähe geben. Stars die aktiv in den sozialen Medien sind und beispielsweise ihren Fans Bilder der eigenen Unterhosen schicken, während sie auf dem Abort Platz genommen haben, kennen generell wenig Berührungsängste.

Egal was für einer Persönlichkeit der Ghostwriter sich gegenüber sieht, an diesem Punkt setzt das Kunsthandwerk ein. Mit dem angeeigneten Wissen trägt man den größten Kampf jeder künstlerischen Arbeit aus: Der Kampf darum Inhalt und Form in Einklang zu bringen. Der Ghostwriter hat alles gesammelt, um seinen Mittlerpflichten nachzukommen. Er sucht jetzt den richtigen Ton für das Buch.

Das ist die größte Leistung des Ghostwriters. In seiner Geisterwelt formt er die Materie von Persönlichkeit und Geschichte zu einer Idee, um sie schließlich aufs Papier zu bringen. Das richtige Konzept, den passenden Ton und eine sinnige Struktur zu finden, ist eine Aufgabe, die jeder Autor kennt. Genau so wie die Herausforderung die Geschichte spannend zu erzählen, was sich bei manchen Kandidaten deutlich schwieriger gestaltet, als bei anderen. Ein toller Künstler hat vielleicht eine große Fangemeinde, die eine Autobiografie lesen will, aber das heißt noch lange nicht, dass er ein spannendes Leben geführt hat. Dementsprechend ist dieser Prozess so einzigartig wie die Persönlichkeit selbst und wie die Bücher, die er für die unterschiedlichen Identitäten schreibt. Manchmal Massenware, manchmal Nischenprodukt. Manchmal Fließband-artige Textproduktion, manchmal handgefertigte Unikate.

Darüber hinaus hat der Ghostwriter aber ein Problem, dass für die meisten Belletristen untergeordnet ist. Seine Künstlerfreiheit hört da auf, wo journalistische Fehler beginnen. Er muss, ganz wie ein Journalist, die faktische Wahrheit erzählen.

Viele Dinge haben sich schlicht und einfach so zugetragen, dass sie nur schwierig literarisierbar sind. Wenn sich ein Ghostwriter für eine schöngeistige Szene seine Integrität opfert und den Relotius macht, wird es auffallen. Ein einziger Dritter, der bei der ein oder anderen Szene vielleicht dabei war, reicht aus, um der Persönlichkeit damit nachhaltigen Schaden zufügen zu können. Der Ghostwriter wird in Ungnade fallen und der Verlag wird ihn – mit Recht – abstoßen. Das ist die letzte Gratwanderung des Ghostwriters. Es muss vollkommen bei der Wahrheit bleiben und es schaffen für diesen Inhalt eine ästhetische Form heranzuziehen.

Ein Ghostwriter kann nicht in das Kinderzimmer der Persönlichkeit schauen. Aber da sie dort viel Zeit verbracht hat, muss er es an der ein oder anderen Stelle beschreiben. Wenn die Persönlichkeit es nicht gut genug beschrieben könnte, um ein wahrheitsgetreues Bild zu malen, bräuchte sie vielleicht keinen Ghostwriter.

Da selten Zeit bleibt jedes Detail zu erfragen, wird er die Leerstellen selber mit einem Angebot füllen. Er füllt sie übergangsweise mit seiner eigenen Fantasie. Er erfindet einen Teppichboden, eine Wandfarbe, ein Bild, das an der Wand hängt. Die Persönlichkeit wird automatisch darüber stolpern. Sie wird das Bild verändern und an die richtige Stelle hängen. Den Teppichboden herausreißen und die Wand neu streichen. Dann kann der Ghostwriter diese Änderungen wieder in Form bringen, neue Leerstellen füllen, und den Prozess wiederholen, bis jeder Satz den journalistischen und  ästhetischen Anforderungen entspricht.

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