Ghostwriter
Von SlimVirgin - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25528360

Alter Deus zu vermieten

Wenn es für einen Leser stimmt, dass er mit jedem Buch ein weiteres Leben führen darf, ist dieser Effekt für den Ghostwriter ins Unermessliche potenziert. Wer die Erfahrung gemacht hat die Regeln und Denkweisen aus einem Text in seine Realität mitzunehmen, oder wer vielleicht sogar unbewusst die Marotten eines literarischen Charakters angenommen hat, kann sich vorstellen, wie sehr die Persönlichkeit einen Ghostwriter übernehmen kann. Durch die osmotisch Assimilation hat er, wenn er seinen Job gut gemacht hat, die Persönlichkeit im Ganzen begriffen und in sein eigenes Inneres geschlossen, dass er nun verwendet, um eine passende Form, eine passende Stimme zu finden. Als Außenstehender kann man wohl nicht näher in ein anderes Umfeld eindringen.

Um von diesem Punkt aus als Mittler zu agieren, muss der Ghostwriter aber noch ganz andere Vorarbeit geleistet haben. Starköche, Politiker, Soldaten, Beamte, YouTuber, Rapper, Rockstars, Polizisten, Detektive, Yogalehrer, Flugbegleiter, Sportler, HARTZ IV-Empfänger, Junkies, Bauarbeiter, Ärzte, Informatiker, Wissenschaftler und Models haben alle eines gemeinsam: Sie haben ein sehr stark ausgeprägtes Image, das in den Medien kursiert und oft unhinterfragt durch Filterblasen und Rampenlicht verstärkt wird. In vielen Fällen hat das nichts mit der Realität zu tun.

Spätestens durch den Beruf ist Persönlichkeit vor dem Erstkontakt nie ein unbeschriebenes Blatt. Der Ghostwriter kennt auch die Geschichte und das Thema grob, vielleicht hat man ein paar Live-Auftritte gesehen, und macht sich dementsprechende Gedanken. Es bilden sich Vorurteile und Vorurteile wird man nicht los, egal wie sehr man es sich wünscht. Eine Persönlichkeit oft schon viel zu weit weg von der Außenwahrnehmung, denn genau so wie der Leser und der Ghostwriter mit Vorurteilen über einen ihnen unbekannten Berufsstand behaftet sind, ist sie in ihrer eigenen Perspektive gefangen. Der Ghostwriter als externer alter deus kann hier eine Distanz mitbringen, die einem einzelnen Autobiografen unmöglich ist.

Es ist nur scheinbar sensibel die Vorurteile zu verdrängen und auf keinen Fall anzusprechen. Mit Vorurteilen ist das generell eine schlechte Herangehensweise. Stattdessen ist es am fruchtbarsten direkt durch sie hindurch zu stoßen. Für den Ghostwriter können sie zu einem wertvollen Werkzeug werden, wenn sie die Persönlichkeit offen damit konfrontiert. Die interessantesten Gespräche entwickeln sich, wenn ein Politiker mit Lobbyismus konfrontiert wird oder ein Supermodel mit Schönheitswahn. Wenn ein Banker der Deutschen Bank diplomatisch aber offen darauf angesprochen wird, dass seine Firma eine Teilschuld an der Wirtschaftskrise nachgesagt wird, wird das Buch in aller Regel besser.

Natürlich bestätigt sich vieles im Nachhinein doch. Nach dem Gespräch mit drei Juristen kann es beispielsweise überraschen wie nahe die TV-Serie Suits an der Realität der High-Class Advokaten kommt. Bis hin zu den altmodischen Dreiteilern, mit denen nur noch Anwälte durchkommen.

III – Spricht denn der Ton zum Töpfer: Was machst du mit mir?

Wenn der Ghostwriter sein Gespräch beendet, seine Recherche zu den angeschnittenen Themen durchgeführt hat und sich die Audioaufnahmen anhört, die er im Interview mit der Persönlichkeit gemacht hat, durchlebt er die Geschichte ein zweites Mal. Sein hermeneutisches Vorwissen und der Teil der Persönlichkeit, den er bereits angenommen hat, macht viele Geschichten nur noch effektvoller. Eine romantische Szene, in der eine Frau ihren zukünftigen Mann kennen lernt, steht in einem ganz anderen Licht da, wenn man weiß, dass es dieser Mann war, der sie später erst vergewaltige, dann prostituierte und dadurch in eine endlose Spirale des Unglücks stürzte. Geheimnisse sind am wirkungsvollsten, wenn man Mitwisser ist.

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