Ghostwriter
Von SlimVirgin - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25528360

Alter Deus zu vermieten

Spannendes Material direkt von der Quelle ist für jeden Schriftsteller ein idealer Ausgangspunkt. Die Persönlichkeit ist herausragende Expertin für ihr Leben. Darüber hinaus ist sie meistens aber noch Expertin in einem ganz anderen Feld. Ein erlernter Beruf, ein Studium oder eine Leidenschaft. Oft ist das zentral im Leben und im Buch. So ein Expertentum verändert die Sichtweise auf die Welt. Für einen Autor bietet das ein ganzes Register an Komplikationen.

Diese Expertenperspektive muss der Ghostwriter imitieren, aber auch übersetzen können. Dazu kann es gehören extrem verworrene Fälle aus dem Juristendeutsch für die Leser verständlich zu machen, wofür er das Fach zuerst selber verstehen muss. Eine gute Reportage gibt einem Laien zwar einen Einblick, aber die meisten Experten werden darin oft Fehler entdecken. Das liegt in der Natur der vergleichsweise knappen Form.

Ein Sachbuch geht wesentlich tiefer unter die Oberfläche. Fehler schleichen sich leichter ein und bilden Folgefehler. Wenn der Ghostwriter die Materie nicht versteht, kann er sie auch nicht vermitteln. Hier beginnt der Balanceakt. Er muss sich in die Themen so tief verbeißen wie sonst nur ein Wissenschaftler oder vielleicht ein gewissenhafter Romancier. Und wenn er erst mal drinnen ist, läuft man selber in Gefahr Fachidiot zu sein. Wer zu nahe an der Persönlichkeit und ihrem Fachjargon ist verliert leicht den Leser und damit den Text oder sogar die Persönlichkeit.

Die Persönlichkeit zu verlieren ist das fatalste, das dem Ghostwriter vor der Veröffentlichung passieren kann. Der Umgang mit ihr kann wesentlich komplizierter sein, als der mit der Materie, und ist in jedem Fall der wichtigere Teil der Arbeit. Gerade Menschen, die sich für Biografien eignen, haben oft einschneidende Erlebnisse, die eine bestimmte Sensibilität erfordern. Einigen ist die professionelle Distanz, beispielsweise das Siezen, wichtig. Die meisten verlieren diese Distanz aber schnell. In der sehr begrenzten Zeit, die man mit der Persönlichkeit zur Verfügung hat, muss man binnen weniger Stunden bis zum Kern der Geschichte vordringen. Das heißt in die finsteren Untiefen einer geschundenen Seele.

Wer bereits viel an sich gearbeitet hat, eine Therapie oder sogar Psychoanalyse hinter sich hat, ist dafür grundsätzlich zugänglicher, und weiß wahrscheinlich auch wie sie dem Ghostwriter zuspielen kann.

Ein weniger reflektierter Mensch hat oft Schwierigkeiten  brauchbares Material zu liefern. Hier muss man mit sehr subtilen Mitteln nachhelfen an die Substanz zu kommen. Oft muss jede einzelne Barriere mühevoll mit der Hand entfernt werden, wie beim Schälen einer Zwiebel, und oft wird einem erst dann klar, ob sich der Kern zum weiterverarbeiten eignet.

Ein Ghostwriter bedient sich immer journalistischen Arbeitsweisen. Dazu gehören auch die Interview-Klassiker. Offene Fragen stellen, Augenkontakt herstellen und die größte Waffe im Arsenal: Das Schweigen. Immerhin hat der Ghostwriter keine eigene Stimme, sondern sucht nach der seiner Persönlichkeit. Die hat genug zu erzählen und füllt die Stille gerne.

Manche haben schwere Schicksale, über die sie kaum reden können. Viele haben versucht selber niederzuschreiben, was ihnen vorgefallen ist und konnten ihre Hand nicht heben. Der Ghostwriter muss in einem semi-therapeutischen Akt schon im Interview die Worte der Persönlichkeit finden. Unter den literarischen Schreibern braucht der Ghostwriter wohl die meisten sozialen Kompetenzen.

Die Zeit, die er so verbringt, ist deutlich länger als die Zeit, die Journalisten in der Regel mit ihren Quellen verbringen. Es wird ein osmotische Vorgang einsetzen, bei dem er sich langsam anpasst, angleicht und assimiliert. Er wird zum alter deus der Persönlichkeit. Zu seinem schöpferischem Geist. Das ist nicht nur für die Vertrauensbasis wichtig, sondern auch für die Hauptaufgabe des Ghostwriters. Um die richtige literarische Stimme zu finden, muss man zu dem werden, was man produzieren will. Das Material ist mehr als die Geschichte, es ist die Persönlichkeit.

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