Mindstate Malibu
Starfruit Publications

Alles geil. Hyperironie und Ultraromantik

Wie was warum.

Ich bin mir nicht mehr sicher, was Sicherheit bedeutet. Wahrheit ist ein Rhizom!

Warum – deshalb.

Schön das alles wieder seinen Ernst gefunden hat. Die Meisen zwitschern, die Nacht hat seinen Tag. Und so wird Kreativität zu dem was die Jahrhunderte sich gewünscht haben, die Entstehung der Wörter, flexibel und „natürlich“. Nur eines bleibt, zwar als Fundament, trotzdem fern vorheriger Fundamentalismen: die Kritik und Ermächtigung. Das stetige Kopfzerbrechen der Ethik wird von der unpoetischen Realität der Politik aufgehoben. Und wieder die Gedichte, sie entstehen, nicht unter huhediblu und dada sondern durch: „nicht unter jeder lampe könnten wir stehen bleiben wie doisneaus liebespaar und dann einfach weitergehn als wären wir schon immer so teil des bildes”

Schön, dass die Welt wieder seinen Ernst gefunden –und die Hyperironie verinnerlicht hat.

Der Gedanke: Flaneur gibt es nur in maskulin. Und wo sind die Flaneusen? Wovon träumen sie? Sind sie sich dessen bewusst, dass sie träumen? Oder träumen sie utopierealistisch?

Nicht unter jeder Lampe können wir stehen bleiben. Verkürzt spricht dieser Satz die nicht hinterfragbare Wahrheit aus. Nichts ist bipolar, alles „Vergeistung“ und Verwucherung. Und: neugeboren werden die Wörter: Das Kind.

Diese Lektüren haben mir bis jetzt so manches gelehrt.

1. Deine Verzweiflung ist nicht nur „deine“, und sie ist nicht mit dir entstanden / 2. Wörter sind nur da, weil es die Gedanken, und die neuen Gedanken nur, weil es den Wille zum denken gibt / 3. Diese Verzweiflung führt nur zur Ent-, in wenigen Fällen zur Be- Geisterung / 4. Nur das Muss verwirklicht den „Glaube“ / 5. Frage was muss.

Es muss Flaneusen geben. Es muss träumen. Die Romantik ist hier. Sie ruht. Sehr nah an meinen Kissen. Flüstert Poesie in meine Ohren.

„Nicht unter jeder Lampe könnten wir stehen bleiben“.

Der Begriff Flanieren, zusammen mit den B. Flexen: Neuentdeckung. Nicht mehr geht es um die Verschmelzung mit der Umwelt. Mehr um das Sich-Zeigen. Keine reine Beobachtung, sondern ein beobachtet werden, ein sich deutlich machen. Die Utopie darf sich nur nach dem Versuch einer Verwirklichung wirklich Utopie nennen.

Eure Heimat ist unser Alptraum.

Schon der Titel allein gefällt mir, und die Texte sehr interessant, vor allem Max Czolleks mit dem Titel „Gegenwartsbewältigung“, wegen dem hohen Anteil an Ratio, der mich etwas an Max Mannheimers Spätes Tagebuch erinnert, wo Mannheimer mit erstaunlicher Ruhe spricht (trotz den schrecklichen Erfahrungen die er in verschiedenen Konzentrationslagern während des Zweiten Weltkriegs machte). Aber genau so kommt das bei dem Text rüber. Mannheimer schrieb seine Erfahrungen ja aus einer Täuschung auf, denn er dachte, der Arzt würde ihn verheimlichen, dass er Krebs habe und bald sterben würde. Das macht auch die besondere Kargheit und Kürze des Erzählens aus, ohne prosaischen oder poetischen Hintergrund, ohne lyrischer Absicht. So zu sagen, sehr nah an einem Protokoll. Die Reflexionen scheinen mir, mit dem Hintergrund der Hyperironie, eine Art Bewältigung zu beinhalten, ein zurück gewonnenes Vertrauen, an Alles. Am Ende, ist es wohl das: Vertrauen.

Kein schöner Land

Man kann ein Ei nicht zurückkochen! Ja klar, natürlich nicht, man soll es nämlich essen, das ist ja der Sinn an der Sache, man kocht ein Ei, hofft, erwartet das es so ist, wie man es sich wünscht, bricht die Schale und isst es. Sobald es offen ist, kann es nicht geschlossen werden, die Schale ist kaputt. So etwas nennt man allgemeinphilosophisch Entropie. Ein Land besteht somit aus abertausenden von Menschen die alle, jeder einzige von ihnen, ihr eigenes Ei kochen wollen, und immer wieder wird die Schale zerbrochen und es tönen die beschwerden, oder sie wird zerbrochen und es riecht, muffelt. Aber das Ei, das Ei als Form, als Idee von Staat ist eine sehr schöne Sache. Ein konstanter Prozess der Deterritorialisierung und Reterritorialisierung: die Grenze als Schale, die jegliche Idee von Ei beinhalten kann. Das Ei ist eine Melange, aus allem, die Schale der Versuch eines Gesetzes, so wie die Gedanken Formen und Gerüche sind und ihre Äusserung die Wörter.

Freiheit! Mehr hyperironischer Raum!
In der Kritik, das heisst, in den Rezensionen besteht angeblich meistens die Gefahr der Überinterpretation (ich mach hier auf den Spannbogen vom ersten zu diesen Eintrag gefasst), und genau das sollte man vielleicht, eben aus dem Grund, das es eine Annahme ist welche allgemein geteilt ist, hinterfragen, sogar umdrehen: Kritik soll interpretieren, und Kritik, ja, soll Diskutieren, Überinterpretieren. Ein Buch endet nicht in den letzten Wörtern, sondern in den darauffolgenden Gedanken. Somit beende ich: Huhediblu.

Mindstate Malibu, Starfruit Publications 2018

Kein schöner Land. Angriff der acht auf die deutsche Gegenwart, C.H. Beck 2019

Eure Heimat ist Euer Albtraum. Ullstein 2019

FLEXEN. FLÂNEUSEN* SCHREIBEN STÄDTE. Verbrecher Verlag 2019

Leonhard Hieronymi, Ultraromantik, Korbinian Verlag 2017

Mindstate Malibu
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