Mindstate Malibu
Starfruit Publications

Alles geil. Hyperironie und Ultraromantik

Konsumpanik. Und der vermeintliche Erlöser: „Man muss nicht echt sein, um etwas echt zu machen“.

Tief eingebettet in einer kapitalistischen Marktwirtschaft befinden sich, zusammen mit dem Güterkonsum (Materielle Bereicherungen, etc) auch der Konsum von Bedeutung (Bedeutungskonsum in Werbung und in Ästhetik, grüner Rasen, alles sauber, hübsche Schenkel). Beinahe ignoriert wird aber der Aspekt der Kommunikation mit Wörtern, nicht nur in Bedeutung, in Sinn, sondern in Form von „Wahrheiten“, also, Grundsteine, also, wie ich es nennen werde, der Wahrheitskonsum (ob wir Wahrheit kaufen bzw. „jemanden etwas abkaufen“).

Ultraromantik, ja, da sah ich noch die Wahrheit, den Ernst, die Wirklichkeit und Ironie, das Gefühl, die Empfindung, ich sah es ganz genau. Ich sah es noch ganz konkret, wie physisch, wie verkörpert vor mir, isoliert und eindeutig, wie ein Gemälde zu betrachten. Da sah ich es, tatsächlich, aber ich sah es nicht als Erkenntnis- und

Kommunikationsphilosophie, etwas soziologisches, philosophisches, kultur- und kunsthistorisches. Nun begehen wir uns mit dieser Anthologie in die Debatte der Reaktion: Der Politik. Die Frage nicht nach der Wahrheit, sondern die Frage, nach der Handlung nach dem Ende der Wahrheit, oder die Handlung vor der Gefahr der Wahrheitslosigkeit oder vor dem Überdruss an Scheinwahrheiten, an Performance, an neoliberal/anarchistischen Idealen, also nach der in gewisser Weise Pop-politischen und Popreaktionären Kunst, die Frage nach unserer Macht, unserer gespalteten, undefinierten, molekularen Macht, und wie wir mit dieser umgehen.

(Ich bin heute sehr Wortmüde. Wortmüde wäre ein Euphemismus. Mein Kopf ist hkjhkjgjfsd)

Erstens: Was unterscheidet Bedeutungskonsum von Wahrheitskonsum? Bedeutungskonsum verbinde ich mit dem Gefühl, den die Ästhetik mit sich schwingt, um etwas zu „verwahrheitlichen“, den die Schönheit vor sich schiebt, der sich synästhetisch in jedem Gegenstand befindet. Es ist die Schminke. Die schöne Typografie im Wort kauf mich ich bin grün.
Wahrheitskonsum ist das, was dahinter liegt, beziehungsweise was sich vor und nach der Bedeutung befindet: die Wörter an und für sich, lesbar, weitergegeben anhand verschiedener Medien.
Wahrheitskonsum wäre folgender Fall: Ein Tweet in dem gesagt steht, grün ist gut für die Gesundheit.
Bedeutung ist so zu sagen, die Farbe und was mit der Farbe mitschwingt. Die Wahrheit ist die, an die man glaubt. Ohne diese Wahrheit stünde die Bedeutung für sich alleine (Gefühl / Glaube). Bedeutung wäre: Grün ist schön, ästhetisch. Wahrheit wäre: „Grün ist gesund, weil…“

Diese Anthologie behandelt die Situation des Wahrheitskonsums im Internet. Es hat, aufgrund der Anthologieform einen Synthesecharakter. Auf hyperironischer Weise enthält es sich jeglichen Dogmatismus in dem es viele verschiedene Dogmen vereint in einer Publikation. Es ist eine kulturelle Einbildung, eine ausgestellte Sichtweise aus vielen Sichtweisen, ein Versuch der Vereinheitlichung popkultureller Strömungen, die Verbildlichung der aktuellen Szene. Weil popkulturelle Erscheinungen so flüchtig sind und so unterschiedlich und unvereint erscheinen wird mit diesem Buch die Materialisierung ersucht, ein Weg in die bessere Kommunikation. Auch verhält es sich kritisch gegenüber dem Realitätskonsum und dem Marketing -durch welche alles schwammig wird.

Authentizität in postfaktischen Zeiten. Postfaktisch erscheint hier aber im ständigen Versuch der Akzeptanz dessen. Man will darüber hinweg, darüber hinaus. Gezeigt werden viele theoretische und kunstkulturelle Methoden. Sei es der Grind (die Übernützung oder das Ausnützen), der Überrealismus (eine realistische Realität im Netz schaffen), das Alles Real (die Fabeln annehmen), die Überaffirmation (den Computer überheizen), oder der Power Dada (bürgerliche Kunst zerstören mit Figaro, Figaro, lololo), alles ist hyperironisch, alles hat die Asynchronität und die Zweideutigkeit und die Zweigleisigkeit und die Ambivalenz von Wahrheit, Welt und Leben verinnerlicht, hat es als Grundstein angenommen, und baut darauf auf. Alles behandelt Themen wie die Aufmerksamkeit, die Frage der Authentizität, der Wahrheit. Alles behandelt Performance, nur ganz klar im Netz orientiert, in der Frage der schwammigen Identität und parallelen Wahrheitskultur und Wahrheitsparallelität. Alles behandelt dies, nur im Kontext des Konsums von Bedeutung und Wahrheit im Internet.

Ich merke, ich bin wortmüde. Ich weiß jedoch, was ich sagen will. Es lässt sich ganz leicht zusammenfassen: Dieses Buch ist eine Anthologie und hat einen Synthesecharakter, der Versuch, die Diskussion weiterzubringen. Deswegen will ich mich nicht wiederholen. Ich bin gespannt auf die folgenden Texte und erwarte vieles. Selbst wenn ich kein Popmensch bin: Ich finde diese Fragestellungen genial. Sehe sie immer im Kontext der missglückten Kommunikation. Teilnehmende Beobachtung.

Extra:

Ich habe mir das ganze in der letzten Woche durch den Kopf gehen lassen, nun sehe ich vieles nicht so sehr mit einer hyperironischen, sondern eher mit einer analytisch kritischen Krisenbrille.

Dass wir gelangweilt sind, dass wir uns dem Exzess begeben, dass wir vergessen „um was es geht“, „was wir mal waren“, das zeugt nur davon, dass wir die Einwohner des Schlosses sind, diejenigen, die im Elfenbeinturm wohnen und sich gegenseitig deswegen beschuldigen (du bist faul, so sollst du dein Glück finden, Spenden macht fröhlich). Wir konsumieren nur noch Entertainment. Warum sollten wir auch was anderes konsumieren, uns ist langweilig. Ist da ausgerechnet Fun die Lösung? Ist nicht eher das Problem, dass wir so viel Fun haben, dass wir nicht mehr wissen, was wir wollen? Wir suchen nicht die Erkenntnis, sondern die Anästhesie. Und das alles deutet, für mich, auf eine sehr interessante Eigenschaft von Wahrheit, und zwar, dass Wahrheit ein altes Konzept ist, das nur insofern wichtig oder „echt“ erscheint, wenn es etwas Strebenswertes, etwas, um das es sich zu kämpfen lohnt, oder etwas, das essenziell oder lebenswichtig erscheint, gibt, aber dass Wahrheit nur noch eine Randerscheinung ist wenn man sich ganz weit oben in der Maslowschen Pyramide, oder wie ich es gerne sagen würde, im Schloss befindet. Wahrheit ist also demzufolge eine Stütze für Meinung, und Meinung insofern wahr wenn es wichtig ist eine Meinung zu haben, und insofern ist diese Wahrheit von der wir immer reden, ein einzel-, ein individuellpolitisches Mechanismus, eine ideelle Stütze für Aktion.

Aber, ja das sage ich mal so, weil uns nun, in unserem Palast, das Strebenswerte, das „Wichtige“, das um zu Kämpfende nicht Sichtbar ist, nicht eindeutig (und wir genau darüber diskutieren, was jetzt eigentlich wichtig ist) fehlt uns auch die Wahrheit als solche, wie wir sie im Normalfall verstehen. Wenn die Diskussion darum geht, was im Exzess, im materiellen Garten Eden fehlt, und wie man damit umgeht, oder was eigentlich echt ist und was nicht, dann heißt das: unsere alte Wahrheit, die ist nicht mehr existent, denn die alte Wahrheit, die hat man wie ein Sturm im innersten des Körpers gespürt. Über die musste man nicht lange überlegen, sie war ein Teil des Habitus. Und damit trauere ich nicht der alten Wahrheit hinterher, ich will nur unterschreiben, dass Fun keine Lösung, kein Heilmittel, sondern ein Nebeneffekt des im Schloss Lebens ist. Aber an diese alte Wahrheit können und wollen wir nicht mehr glauben.

Mir jedenfalls geht es so: will ich noch was? Na ja, natürlich, ich suche ja weil ich zum suchen gezwungen bin, das liegt an meiner Körperlichkeit. Ich muss ja wollen, will etwas. Doch ich bin gesättigt. Ja, stellst du mir einen weiteren Teller Nudeln vor die Nase kotz ich gleich.

Ob wir noch was wollen, ob wir noch was brauchen? Ob wir etwas brauchen wollen um das scheinbar Benötigte zu verbrauchen und wieder etwas zu benötigen?

Weil wir intellektuell nicht mehr wissen, was wir suchen, weil wir selber alles als „Pseudo“ empfinden, alles uns als „Pseudo“ erscheint, weil man sich selbst als Pseudo und alles nur noch als Performance sieht, weil niemand sich dazu gerechtfertigt sieht, sich zu beschweren, weil wir keine starken Gründe und Motivationen zum Suchen haben, deshalb vergehen und verweilen wir.

Im Ironieschloss lebt es sich nicht gut. Der Engel des Fortschritts, er hat uns das auch schon mal erzählt. Es lebt sich peinlich fort, es lebt sich voll Schuldgefühle und Unsicherheit. Es lebt sich mit der Gewissheit der Demokratie und der Ungewissheit von Wahrheit.

Deshalb stelle ich mal die Behauptung:
Wahrheit als etwas Festes und als etwas Eigenes ist in Wirklichkeit nur eine Begleiterscheinung von etwas Strebenswerten, einer essenziellen Suche, die Not etwas zu finden. Wenn es nichts zu kämpfen gibt: sind dann diese ironietrunkenen Wahrheiten überhaupt noch Wahrheiten, und ist der Begriff Wahrheit in dem Fall nicht überfällig?

Bild mit freundlicher Genehmigung von Starfruit Publications
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