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Alles geil. Hyperironie und Ultraromantik

Ultraromantik

Hyperironiker im Zug sagte (während ich las):
„Kafka wäre im Jahr 67 krass ein Hippie gewesen und hätte nur noch Gras geraucht“. Überschattet jeglichen Inhalt der Texte.

Es gibt sie (und es gibt sie nicht), die nicht binären, nicht digitalen, sondern quantenphysischen, die nicht starren, sondern gasförmigen Konzepte. Ja, es gibt sie tatsächlich. Oft sind sie und sind sie nicht, zur gleichen Zeit. Genauso oft verzweifeln sie, zerlaufen sich in ihrer eigenen Verzweiflung, annullieren sich selbst. Nichtsdestotrotz ist Sprache, Wert, Konzept genau jenes: ein Spiel aus fälschlichen Gegensätzlichkeiten, aus einem Konsens von Werten, aus verformbarer Regeln die sich in ihre „Gegensätzlichkeiten“ fälschlich verwirklichen, in diesem Sinne einen Schein Materialität annehmen aber als tatsächlichen Gegensätzlichkeiten nicht existieren können, beziehungsweise, ab einen gewissen Grad der Abstraktion ihre Scheinbarkeit verdeutlichen. Wörter wie Falsch und Echt können mit logischen Satzstrukturen, wie z.B. „die fälschliche Echtheit“ und „die echte Fälschlichkeit“ ihre gegensätzliche Komponente verlieren, so zu sagen, ihren scheinbaren Wert abbauen. Verzweiflung die versucht, sich selbst zu beschreiben, und im Versuch, sich selbst zu beschreiben, verzweifelt: das ist also Sprache.

Es gibt sie, natürlich. Wörter wie frei. Wörter wie gut. Wörter wie wahr. Wörter wie ernst. Aber auch gibt es Sätze die besagen das „gut manchmal böse, und böse manchmal gut ist“, die besagen, das „Zeit die Verortung in der Zeit, und ein genauer Ort nur die zeitliche Einfrierung eines Ortes ist“, die besagen: „Paradox ist kein Einzelfall sondern die Regel“, die besagen: „Wort ist nie ernst, doch immer ernst zu nehmen“ oder: „Sprache ist zuallererst Instinkt, danach Rationalisierung“, oder: „Konzepte sind nie von alleine, immer nur in einem Spielfeld, und sie sind nie ein Gesetz, jedoch auch nicht immer setzbar“.

Und zuallerletzt gibt es folgendes auch: Menschen, die Sprache nicht als Spiel sondern als Unterordnung sehen, und vielleicht deshalb auch unbewusst schwätzen, unaufhaltsam schwadronieren. Das sind die Anaironiker, Menschen die jene Ironie der Sprache nicht sehen können, noch nie bemerkt haben, nicht verinnerlicht haben, und Sprache in ihrer scheinbaren Materialität nicht als scheinbar sondern als Gesetz wahrnehmen. Das sind sie, die Anaironiker, Menschen die im Spielfeld stehen, doch nicht wissen, dass sie nur Spielen.

Ich, für mich persönlich, kann nur über Sprache lachen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Starfruit Publications
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© Paul von Boetticher
Dialog. Eine Montage