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Alles geil. Hyperironie und Ultraromantik

Hyperironie

1. Durch den Begriff der Hyperironie soll eine neue Realität entstehen, ein neuer Konsens, ein Topos für die verständliche Kommunikation in dem Verständnis, dass Kommunikation ein Spiel ist, eine Erlaubnis, sich zu äußern, ohne zu befürchten, dogmatisch zu sein und ohne dogmatisch verstanden zu werden. Das Lesen, Schreiben, Kommunizieren und Interpretieren mit einer hyperironischen Brille.

Ich sehe Hyperironie eher als etwas Soziologisches, nicht so sehr als etwas Literarisches. Das Literarische ist dem versuchten neuen soziologischen, sogar philosophischen Konsens untergeordnet. Dabei werden folgende Aspekte zu überwinden versucht:

a. Die Kritik, Ironie sei eine Insel, und ein Weg für Ironiker um dieser Insel zu entfliehen.
Es gibt ein fundamentales Missverständnis zwischen Ironie und Hyperironie. Hyperironie ist nicht dasselbe wie Ironie, genauso wie Mensch nicht das gleiche ist wie Übermensch.

Mit dem Begriff Hyperironie soll ein neuer Raum geschaffen werden, in dem sowohl nicht-ironische Aussagen (ich nenne es ab jetzt Anaironie) als auch ironische Aussagen zugleich ernst als auch ironisch wahrgenommen werden können. Ironie ist schon immer die Antwort auf das Geschwätz gewesen. Eine Form der Parodie. Die gesellschaftliche anaironische Reaktion darauf, ist folgende gewesen: „Wir lassen uns von Ironikern verarschen“. Das verpasst aber komplett den Punkt der Ironie, verliert sich in Oberflächlichkeiten, ist zu unterkomplex.

Ironie will nämlich oft genau das: die Schwätzer offenbaren, in dem es selber auf einer sehr offenkundigen Weise schwätzt. Manche nennen es, einen Spiegel. Einen verzerrten, übertriebenen Spiegel. Es kritisiert diejenigen, die behaupten, die Wahrheit zu besitzen, und diejenigen Rezipienten, die den Schwätzern diese scheinheiligen Wahrheiten ahnungslos abkaufen. Der Ironiker sagt: „Ja, ihr lasst euch von uns verarschen, genauso wie ihr euch von ihnen verarschen lässt. Tutto nel mondo e burla!“.

Seit der Aufklärung und der Romantik und Descartes ist es wohlbekannt, dass wir mit Wörtern die Wahrheit nur umkreisen können, dass wir mit Wörtern Wahrheiten schaffen und erfinden, dass es in Wörtern keine einheitliche Wahrheit gibt. Ironie ist eine Reaktion darauf. Es ist kein Selbstschutz, wie so mancher sagt (obwohl es in manchen Fällen auch stimmen kann), es ist eine Flucht vor der Gefahr, das Publikum könne die Wörter zu 100% abkaufen, die Gefahr, vor den absoluten Werten, die Gefahr, vor der Illusion, die Gefahr, vor der Reaktion des Rezipienten, der eine ausgesprochene Scheinrealität als eine kanonische, universelle und ewige Wirklichkeit und Tatsächlichkeit verstehen könnte.

Hyperironie ist nicht mit Ironie gleichzustellen. Ironie ist das, was auslacht und offenbart. Ironiker sind die, die Ironie als Mittel je nach dem wo und je nach dem warum verwenden. Es gibt Menschen die ironisch sind und Menschen die es nicht sind. Hyperironie ist keins von beiden. Es ist nicht so sehr ein Mittel wie ein Raum, in dem sich die verschiedensten Kommunikationsmittel abspielen. Es ist keine These, sondern der Raum in dem sich Thesen abspielen. Es soll die Kommunikation erleichtern.

b. Hyperironie als Friedenstifter: Da die Kommunikation zwischen Ironikern und Anaironikern aufgrund von Missverständlichkeiten oft gescheitert ist, und weil es zwischen diesen Beiden Kommunikationsformen und Thesen oft Kämpfe und Rangeleien gegeben hat, und weil aus ebendiesen Kämpfen und Rangeleien nur Nebel, Unklarheit und Unverständnis entsprungen ist, versucht Hyperironie mit seinen Begriff, den notwendigen Konsens zu schaffen. Es wäre dafür wesentlich, ein Manifest zu erstellen, ab dem wir uns alle einigen können, deswegen erstelle ich nun: Das erste hyperironische Manifest:

  1. Wir sind alle Schwätzer.
  2. Trotz dem Geschwätze kommunizieren wir, und aus jeglicher Kommunikationsform, egal ob Ironisch oder Anaironisch, entstehen sehr wertvolle Gedanken. Kommunikation ist ein Spiel.
  3. Wir sprechen mit Wörtern nicht die Wahrheit aus, können sie aber umkreisen. Ironie ist die Reaktion auf diejenigen, die meinen, die Wahrheit zu besitzen, und die Kritik gegen diejenigen Rezipienten, die an jene Wahrheiten blauäugig glauben.
  4. Exkurs: Es tut allen leid. Ironiker haben das Kommunikationsspiel verspielt, die Kommunikation gehackt. Ironiker sind aufgrund der Ironie nicht in der Lage gewesen, zu Spielen. Sie waren nicht im Spielfeld sondern am Spielrand, auch obwohl viele Anaironiker sich unbewusst im Spielfeld befanden, und hauptsächlich Ironiker das Spiel gesehen haben. Einmal stand Ironie für Kampf gegen etwas. Nun kämpft es gegen sich selbst, und wird dabei sogar missverstanden, Ironiker sind sich dessen sogar uneinig. Ironiker sind in einer Blase gefangen, sie trauen sich nicht, ganze Sätze auszusprechen, sie wollen das ihre Sätze nicht so klingen, wie überernste Absolutgedanken, sie wollen nicht Weise sein, sondern einfach nur spielen, mit Menschen die verstehen, dass sie spielen, denn Anaironiker sind sich oft nicht bewusst, dass Kommunikation nichts weiteres als ein Spiel ist. Weil Ironiker aufgrund dessen nicht mehr in der Lage sind, konkrete und eindeutliche Meinungen zu äußern, ist Ironie nicht in der Lage mit Anaironikern zu kommunizieren, und kämpft gegen sich selbst.
  5. Hyperironie ist die Medizin der Ironiker. Es erlaubt, ohne Bedenken, konkrete Meinungen zu äußern, jedoch mit dem Vortext, dass die Rezipienten es nicht als absolute Wahrheiten, sondern mit einer hyperironischen Brille wahrnehmen werden, das heißt, dass sie es hinterfragen werden. Es erlaubt, das Spielfeld zu betreten, den Spielrand zu verlassen. Es setzt voraus und soll als Konsens haben: Es geht nicht darum, etwas vollends zu verstehen. Kommunikation ist nämlich kein Austausch von Wahrheiten, sondern ein Spiel von Wahrheitsumrundungen, ein Austausch von Gedanken, ein Strom von vielen verschiedenen Realitäten und Thesen, die sich in diesem Chaos von Zeit zu Zeit im gesellschaftlichen Konsens und in einer metaphorischen Synthese teilweise verfestigen können.
  6. Wir dürfen anfangen zu behaupten und die anderen Behauptungen mit Behauptungen beantworten. Wir dürfen Schwätzen, Schwätzen, wenn wir uns alle einig sind, dass wir nur Spielen. Scheiß auf Klugscheißern, Klugscheißen existiert nicht mehr, auch „Coolness“ verschwindet, Kategorien die nicht mehr relevant sind wenn alles hyperironiskopisch betrachtet wird. Spielen. Wir überwinden den Nihilismus, den absurden Ultrarelativismus, mit neuen Spielregeln.

2. Der Kontext des Konsums. Hyperironie ist eben deshalb wichtig, weil es auch versucht, den Konsum von Gedanken und Äußerungen zu steuern. Sei dir dessen bewusst, was du hörst, was du lesen willst, wie du damit handelst, wo du dein Geld ausgibst, denn genauso wie es gefährlich ist, auf einer pessimistisch nihilistischen Weise an nichts zu Glauben, ist ein absoluter Glaube an absolute Wahrheiten und ein Konsum von scheinbar heilige jedoch nur scheinbare Wahrheiten bedrohlich. Beispiel: Die Verwechslung von Kunst und Politik (Merkel als Anti-Künstlerin).

Ab jetzt rede ich nur noch hyperironisch.

Hyperironie und Demokratie:

Hyperironie sagt indirekt: Wir dürfen hippokratisch sein.
Deswegen: Hyperironie ist ein weiterer Schritt in Richtung absolute Vollendung des Demokratiegedankens.
Demokratie ist die komplette Zerteilung von Macht in Mächten, von Macht als Konstrukt, Macht getrennt und wiedervereint und widergespiegelt. Demokratische Macht ist ein Spiegel. Demokratie ist deswegen nicht das stärkste System, jedoch das, das sich am besten adaptiert.
Wer sich über demokratische Meinungen und das demokratische System beschwert, weil es hippokratisch sei, der beschwert sich tatsächlich über das menschliche Verhalten in Kommunion, weitergeführt also über sich selbst, denn er selbst ist in seiner Meinungsäußerung durchaus hippokratisch.
Behauptet jemand, Demokratie sei Schwachsinn, weil demokratische Durchsetzung und Demokratie an sich immer hippokratisch ist, keine konkrete, zielorientierte Richtlinie aufweist und chaotisch ist, der verpasst den Punkt. Demokratie ist per se hippokratisch. Es nimmt das Chaos als Prinzip, die Annahme, die klaren wahren ewigen Gesetze gibt es nicht, der Mensch ist in Gesellschaft ein Mischmasch aus Chaos und Beherrschungsmanie. Demokratie beinhaltet den Begriff des hippokratischen in seiner eigenen Natur, es ist davon untrennbar, nicht eben weil es als konstruiertes System das hippokratische sucht, sondern weil es das hippokratische im Menschen schlicht und einfach widerspiegelt.

Hyperironie erlaubt und akzeptiert dies, mit der Vorannahme, man betrachte das hippokratische auf einer hyperironischen Ebene, nicht mit einer nihilistischen, auch nicht mit einer ironischen, sondern aus einer hyperironischen Einstellung.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Starfruit Publications
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