Mindstate Malibu
Starfruit Publications

Alles geil. Hyperironie und Ultraromantik

Jakob Nolte // Dialog zweier Kerzen die nicht ausbrennen wollten.

Verwirrung, Spiel mit dem Leser, Spiel mit sich selbst, Einfachheit ist langweilig und gleichzeitig schön und leicht, ein nackter Akt aus Akteuren und Aktualisierung. Gedankenstrukturen sind Gedankengänge sind einfache Gedankengänge sind Gedankenstrukturen unstrukturiert sind schön und gleichzeitig. Gedankengänge sind keine Gedankenstrukturen Gedankengänge sind kein Weg, gehen trotz kein Weg gehen einen Weg. Gefühlszustände sind schön und lyrisch und prosaisch sind schön und leicht und langweilig und einfach und komplex und verwirrend. Gedankengänge sind gleichzeitig, sind in Gedankenstrukturen und sind in gleichzeitig verschiedenen verworrenen Gedankenstrukturen zur gleichen Zeit gleichzeitig, sind gegensätzliche Gedankenstrukturen gleichzeitig sind was, doch, sind was es war, Verwirrung und schön und noch was anderes, sind ein nackter Akt aus Akteuren und Aktualisierung, sind Gedankenstrukturierung und Strukturierung unstrukturiert gleichzeitig. Gefällt mir gefällt mir nicht weil richtige Gedankengänge sind anders, sind besonders und doch gefällt mir das Gefällt-mir-nicht, das langweilt mich.

Gefällt mir und gefällt mir nicht existieren beide gleichzeitig, in Einfachheit, in Akt, in Langeweile und noch was anderes. Brecherisch! Lesen und das Gefühl haben etwas Großes zu erleben, lesen und neue und unstrukturierte Strukturen lesen. Gefühlszustand ist ein Spiel mit dem Leser und Spiel mit sich selbst, Gänsehaut ist Gefühlszustand und Jakob Nolte und das von Jakob Nolte Geschaffene und noch was anderes, ist eine Szene die verrät, dass wir in Marokko sind als erster Akt oder letzter oder ständiger Akt, dass es schön ist, und leicht ist, und gut ist, im Atlasgebirge zu sein, und den Wind zu spüren, und sehr weit bis in die Ferne und in den Horizont sehen zu können, und frische Luft im Nacken zu spüren, und in Fußballfeldern aus Koks zu spielen, ist das Freiheit zu denken und gleichzeitig Durchfall Krank Fieber Bauch- Hals- Rücken- und Kopfweh zu bekommen. Verwirrung ist: „Wie schön! Wie weit man von hier aus sehen kann!“. Das war Verwirrung, ist es nicht mehr. „Wie schön“, das ist Verwirrung. Warum ist das schön?

„Wie schön“, sagt ein Cholerakranker im Atlasgebirge auf einem Berg (dessen Namen vergessen). Wir wollten hoch weil Oben, wollten Oben hoch, Schuhe zu klein, Füße tun weh, und eine Frage im Kopf. Die Frage ist, was ist die Krankheit. Ist die Krankheit die Gedankenstruktur oder die fehlende Gedankenstruktur im Gedankengang? Und ist keine Gedankenstruktur eine Gedankenstruktur? Ist keine Struktur unmöglich?

Marokko ist schön und leicht und Spiel und Krank und weit oben und weit in die Ferne Sehen und frische Luft im Nacken spüren und Verwirrung fühlen mit dem Leser als Performance mit dem Leser als Akt und mit sich selber Akt sein und auch ohne Performance Performance sein, und so viele Fragen bilden aus den fehlenden Gedankenstrukturen (oder doch sehr gut konstruierten Gedankenstrukturen?) oder gegensätzlichen Behauptungen und mit Verwirrung sich selbst Gefühlszustände bilden oder einbilden, ohne verfolgbarer Konstruktion Konstruktion konstruieren und fühlen empfinden spüren auf einmal, irgendwas wie Wind im Nacken spüren lassen trotz fehlender Konstruktion, auf einmal ist Wind schön und Sinnstiftend, auf einmal ist Himmel im Wasser logisch, und in dieser Verwirrung ein geschlossener Kreis aus Himmel sehen anfangs und im Himmel schwimmen zum Schluss, ein Gefühl, auf einmal, ein Gefühl von schön und einfach und unverständlich und brecherisch, die gleichzeitig existierende und nicht existierende Gewissheit, die ein Gefühlszustand und eine Neustrukturierung der Gedanken und des Empfindens empor hebt, und die Sonne in Marokko in den Bergen in den Atlas, und die Verwirrung, ein Spiel mit dem Leser, ein nackter Akt aus Akteuren und Aktualisierung.

Dialog zweier Kerzen die nicht ausbrennen wollten

T: Ich mag es, wenn es einsam wird. Egon Schiele meint das auch. Wenn es einsam wird bemalt Egon Schiele meinen Tag.

L: Julia malt übrigens auch an einsamen Tagen. Sie malt genauso wie Egon. Er pinselt im Belvedere. Sie pinselt in ihre Kaffeetassen.

T: Was ich an einsamen Tagen mag, sind die Kreise, die sie malen, die Zirkel, die Spiralen. Ich mag es, wenn sie umrühren, leise seufzen und an Ali denken.

L: Ali und ich haben immer über alles gewettet. Auch wenn Julia umrührte, haben wir gewettet. Ali meinte, dass Julia an nichts denkt, wenn sie umrührt. Ich meinte, sie denkt an Egon.

T: Obwohl Ali nie wetten wollte, haben wir immer gewettet. Und er hat jedes einzelne Mal gewonnen.

L: Am Tag seiner Beerdigung las Corinna Tschechow vor und zwei Gedichte Lorcas. Heute, wenn es dunkel wird (wenn es heute noch dunkel werden soll) wollen wir darauf wetten, Sophia und ich, dass Ali dort oben Lorca, Bernhard und Tschechow liest. Darauf wollen wir Wetten.

T: Seine Bücher liegen noch hier unten, im Angelsbrucker Garten. Seine Lieblingsbücher: mutterseelenallein, nass. Thomas Bernhard liegt auf einer Gartenliege, Tschechow daneben, Lorca im Sandkasten.

L: Lorca macht uns angst. Er umarmt die Zeitungen mit Grauen.

T: Mit Grauen. Der Aufstrich schmeckt hervorragend. Er schmeckt wie Marios Aufstrich, damals, in seiner kleinen Hütte an der Nordsee. Damals, als die Katze auf meinem Schoß sprang. Weist du das noch? Sie rieb ihr feuchtweiches Fell gegen meine Haut. Ihre Haare blieben dort kleben. Das weiß ich heute noch. Ihre Augen waren grün, wie das Moos im Angelsbrucker Wald, wenn es regnet.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Starfruit Publications
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