Allegro Pastell - Leif Randt
Photo by Kiepenheuer und Witsch Verlag

Allegro Pastell – Zwinkernde Heiterkeit, tragische Vernunft

„Der letzte Sonntag im April brachte Temperaturen von über 25 Grad und einen zehrenden Kater.“

Leif Randt in Allegro Pastell – erschienen 2020 im Kiepenheuer und Witsch Verlag
Allegro Pastell - Leif Randt
Photo by Kiepenheuer und Witsch Verlag

Noch nie habe ich in einem Roman so viel beiläufige, lässige Wetter-Exposition gelesen und kann nun mit Gewissheit sagen: Wer sich nach einem sonnig kuratierten Wetterbericht der Jahre 2018/19 für Frankfurt und Berlin umschaut, wird in Allegro Pastell, dem vierten Roman von Leif Randt, ebenso fündig wie diejenigen, die einen außergewöhnlichen Gegenwartsroman suchen, dem sich die Gegenwart ein Stück weit entzogen hat.

„Im sonnigsten Juni der Zehnerjahre meditierte Jerome so häufig wie noch nie.“

Leif Randt in Allegro Pastell

Jerome liebt Tanja, Tanja liebt Jerome. Er wohnt in Maintal bei Frankfurt, arbeitet als
Webdesigner, sie in Berlin und ist Autorin. Beide sind um die 30. Irgendwann geht die
Beziehung auseinander, fängt sich kurz, um dann doch, wie bei jeder guten Liebesgeschichte, zu scheitern. Germany’s next Lovestory.

Das scheint erstmal recht wenig Plot zu sein, doch es passiert ganz viel in diesem Roman. In der Sprache, in der Selbstbetrachtung der Figuren, in ihrem perfekt choreographiertem Miteinander. Meistens läuft das auf Folgendes hinaus: Abstand bringt Klarheit, bringt
Vernunft, bringt Glück.

„Mittlerweile dachte Jerome an nichts, wenn er Mütter und Kinder streiten sah. Er hielt souveräne Distanz zu den Dingen, ohne dabei an Empathie einzubüßen, im Gegenteil, er konnte die Sorgen anderer heute leichter nachvollziehen, er war fairer und gütiger, aber er litt nicht mehr stellvertretend.“

Leif Randt in Allegro Pastell

Die personale Erzählinstanz mäandert zwischen Tanja und Jerome hin und her. (Und ergreift dabei, wie ich finde, nicht ganz überraschend subtil Partei für Jerome.) Die Figuren sind unfassbar achtsam und fast neurotisch selbstreflexiv. In der Welt von Jerome Daimler und Tanja Arnheim wird nichts dem Zufall überlassen. Jede Nachricht, jedes Emoji, jeder Messengerdienst, jeder cringy Anglizismus ist eine bewusste Entscheidung. Vor allem die Mailkorrespondenz der beiden, die für mich das Highlight des Romans sind und sich überragend organisch in die Erzählung einfügen, stechen dabei heraus. Sie sind so etwas wie das Antidot zum großen deutschen Briefroman des Sturm und Drang. Die emotio wird in diesen Mails nur soweit zugelassen, wie es die ratio für sinnvoll empfindet oder zumindest durch diese kontextualisiert.

„Melde dich. Aber nur, wenn dein Impuls, mir zu schreiben, aus einer anderen Motivation herrührt als aus Wehmut.“
„Ich hab mir in den letzten Monaten sehr geschadet. Ich möchte mich regelmäßig bei dir melden. Es sei denn, du möchtest das nicht. Ich sehne mich nach dir. Ich bin überfordert.”

Leif Randt in Allegro Pastell

Die Geschichte um Jerome und Tanja bildet das privilegierte Dasein einer kulturellen
Boheme ab, für die Geld keine Rolle spielt. Sie haben zwar so ihre Meinungen zum
Kapitalismus (nicht so gut) und wären auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu
haben, aber die entsprechenden Gedanken dazu werden dann auch schnell wieder unter „gute Idee“ verbucht und ad acta gelegt. Letztendlich geht es darum, unter den gegebenen Umständen ein maximal angenehmes Leben zu führen. Da kommen einem natürlich sofort Parallelen zur Popliteratur in den Kopf, die Randt allerdings konsequent unterwandert oder besser gesagt updatet.

Die Protagonist*innen spielen nicht Tennis, sondern Badminton, am liebsten im Team, abgefederter Egosport also. Der einzig Gegner ist man Selbst. Equipment und Schuhe für die Halle werden bei Decathlon besorgt, ganz weit weg sind die Sylter Barbourjacken aus Faserland. Wenn schon Markenklamotten, dann gefaked, als Provokation. Allegro Pastell kommt als der umsichtiger, smarte Bruder der Popliteratur daher, der sich ganz bewusst von seiner poshen und misogynen Verwandtschaft absetzten will. Der Text ist nicht explizit ironisch oder Satire, sondern schwebt in einem cremig heiterem Zustand, den ich jetzt einfach mal „Neue Spießigkeit“ nenne oder eben „Allegro Pastell“.

Anders als die bürgerlichen Durchschnittsspießer*innen normalerweise gezeichnet werden, ist dieses Paar nun aber tatsächlich glücklich oder wenigstens zufrieden mit ihrem Leben. Randt hält mit seiner Geschichte niemandem irgendwelche Spiegel vor, sondern unternimmt die präzise Kartographie eines neuen, hyperachtsamen Lebensgefühls, das sich mit den drängenden Problemen der Welt nicht auseinandersetzen muss oder will. Der Weg zum state of well-being. Aber: Das Ganze geht ja trotzdem in die Brüche.

Und ich sitze stutzig da und frage mich, wieso diese wirklich perfekt symbiotische Beziehung gescheitert ist und meine einzige Erklärung wäre, dass es letztendlich der absoluten Wille zur Kontrolle und Gestaltung einer zwanglosen Liebe war. Und da liegt die große Tragik der Geschichte.

Immer wieder wollte ich Jerome und Tanja beim Lesen zurufen: Jetzt macht doch mal,
riskiert mal was. Verliebt euch einfach vollkommen haltlos und ungesund. Aber dieser
gefährliche Rückgriff auf die Romantik bleibt zum Glück versagt. Denn dafür sind die beiden zu abgeklärt, nein, zu vernünftig, und es stimmt ja auch. Das Leben geht weiter. Es ist ja wirklich besser so. Und trotzdem, wäre es nicht so tragisch und unterhaltsam, hätte ich das Buch vor Frust gerne beiseitegelegt, bevor Tanja es mit den Worten beendet:

Stand jetzt habe ich kein Interesse, mich neu zu verlieben. Das Interesse wird irgendwann wieder wachsen, aber vorläufig mache ich eine Pause. Vielleicht date ich für zwei Jahre niemanden. Mit 33 feiere ich dann mein Comeback, auf dem Zenit meiner Attraktivität. Vorher schreibe ich meinen Text (+einen fürs Theater), spiele Badminton (im Verein!) und fliege nach Vancouver (in zwei Wochen). Ich freue mich eigentlich auf alles, was da kommt.

Ich vermute, unsere Leben sind noch lang. Lass uns das als Chance begreifen.
Ich liebe dich –
Tanja“

Leif Randt in Allegro Pastell

Jetzt erübrigt es sich fast zu sagen, dass Allegro Pastell handwerklich sehr gut ist. Wie sonst sollte ich mich für zwei so furchtbar neurotische Liebende interessieren und bis zum Schluss mitfiebern. Auf den letzten zehn Seiten war ich der festen Überzeugung, dass Tanja jetzt jede Sekunde auf ihrem E-Roller von einem Auto erfasst und mit zwei kurzen Sätzen aus diesem heiter pastellenem Leben katapultiert. Doch es geht weiter.

So. Und jetzt noch der Bogen zum Anfang. Ist Allegro Pastell tatsächlich „Das absolute
Jetzt“, das Werk zu dem sich alle Millennialautor*innen zukünftig werden verhalten müssen, wie Ijoma Mangold in seiner Kritik in Der Zeit schrieb? Keine Ahnung. Kann gut sein. Das dürfen gerne die Millenialautor*innen entscheiden. Was aber natürlich auffällt ist, dass Corona und vor allem Black Lives Matter unsere Dringlichkeits-Parameter im gesellschaftlichen Diskurs massiv verschoben haben. Und unter diesem Aspekt stößt einem die explizit apolitische Haltung der Protagonist*innen, ihre vollkommene Sicherheit und relative Sorglosigkeit in Bezug auf die Welt, durch die sie gliden, recht übel auf, insbesondere dann, wenn man sich ab und zu in dieser Haltung ein wenig wiedererkennt.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Kiepenheuer und Witsch Verlag
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