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Albert will lesen von Isabelle Arsenault

Albert will nur eines – ungestört lesen. Eigentlich braucht man dazu nicht viel. Einen Stuhl, ein Buch und Ruhe. Aber das mit der Ruhe scheint doch schwieriger zu werden als gedacht. Drinnen ist es nämlich viel zu laut – ein Szenario, das kleine wie auch große Leser*innen wohl kennen.

Deswegen sucht sich Albert draußen einen gemütlichen Platz. Doch die Straße lockt auch seine Freunde zum Toben vor die Tür. Die gärtnern und spielen Federball, hören Musik oder fahren mit dem Rollbrett mitten ins Getümmel. Klar, dass Albert der Geduldsfaden reißt:

„Jetzt reicht‘s! RUHE! Himmeldonnerwetter, kann man hier nicht mal in Ruhe ein Buch lesen?”

Die stille Lese-Oase

Seine eigene Oase in ruhiger Atmosphäre, die möchte Albert finden. Dieser Wunsch knüpft unmittelbar an die lebensweltlichen Erfahrungen der kindlichen Leser*innen an. Albert findet seine Inspiration in einem verworfenen Bild am Straßenrand, das einen Sonnenuntergang am Strand zeigt. Er selbst sitzt in Wirklichkeit in einer kleinen grauen Gasse vor den Lattenzäunen eines Wohngebiets, in einer Großstadt. In seiner Vorstellung beginnt er, sich in die Oase zu träumen. Ganz allein genießt er den Abend auf einem Liegestuhl im hellroten Sand. Das Wasser vor ihm rauscht als frisches Türkis und spiegelt das warme Orange der Sonne. Die Einfachheit der Illustration gibt dem/der Betrachter*in Raum zum Träumen und Nachdenken. Doch plötzlich wird Albert von zwei Mädchen angesprochen. „Magst du mit uns gärtnern?“, fragen sie ihn auf der Straße und die Illusion seiner Oase ist dahin.

Doch, verflixt! Kaum kommt er an den Ort seiner Fantasie zurück, schon haben sich auch die beiden anderen Kinder ihren Platz am Strand gesucht und bauen eine Burg. Sie bleiben nicht die einzigen Besucher*innen in seinem Kopfpanorama, denn immer mehr spielende Kinder toben sich von der Realität in Alberts Vorstellung. Nun ist nicht nur die Straße ein lautes Chaos, sondern auch der einst idyllische Fantasiestrand wird zum wilden Durcheinander. Von Seite zu Seite wechselt sich die Realität mit der Fantasie ab. Diese Dynamik zeigt, wie sehr Albert damit hadert, sich wirklich in seine Buchwelt einlassen zu können.

Alberts Welten sind eine Mischung aus einer konkreten Darstellungsebene und einem fantasierten Raum. Hier wird mehr als eine Außenperspektive dargestellt, sodass die Leser*innen Einblick in die Wunschvorstellungen des Jungen bekommen. Doch was kann das Wechselspiel zwischen Realität und Fantasiewelt bedeuten: Nimmt Albert seine Freunde bewusst in die Fantasie auf oder befinden sich die Freunde auch bewusst in dieser Welt? Ist der Strand eine Metapher für die idyllische Welt, die alle Kinder formen und erfinden wenn sie zusammen spielen? Warum ist das Buch vor Albert nur aufgeschlagen, wenn er am Strand liegt und wieder zu, wenn er in der Realität der Großstadt lebt?

Da weder Bilder noch Text an dieser Stelle eine konkrete Deutungsoption geben, bieten sich auch vielseitige Diskussionsanlässe und Interpretationsmöglichkeiten beim gemeinsamen Lesen an. Das Thema der Deutungsvielfalt zieht sich auch weiter durch die Geschichte hindurch. So finden unterschiedliche Perspektiven nebeneinander Geltung und die Rezipient*innen können sowohl mit Albert sympathisieren, in seiner frustrierenden Situation umgeben von Lärm, als auch mit den anderen Kindern, die gemeinsam Spaß haben wollen.

Ein Spiel zwischen Laut und Leise

In den Bildern spiegelt sich der charakteristische Stil der Illustratorin Isabelle Arsenault wider, die mit skizzenhaften Darstellungen und der Mixed-Media Technik arbeitet und dazu die Kombination aus Graphit-Elementen mit symbolhaften Akzentfarben nutzt. Das Handlettering verleiht dem Gesamtbild einen spielerischen Ausdruck, der sich im unfertigen Malstil weiter fortsetzt. Der flächige Hintergrund und der skizzenhafte Farbauftrag bringen die Schnelligkeit hervor, mit denen die Handlungen in der Erzählung ablaufen. Sie erscheinen wie einzelne Momentaufnahmen und werden als aufeinanderfolgende Bildreihen dargestellt. So wird eine Nähe zum Geschehen für die Leserschaft hergestellt. Zudem werden graphische Elemente dem Comic entliehen, zum Beispiel die Panels, Sprechblasen und Soundwords. Die Zusammensetzung aus großflächigen, doppelseitigen Illustrationen und Panels geben einen abwechslungsreichen Rhythmus vor.

Der Charakter des Text-Bild-Verhältnis ist geprägt von einem Spiel zwischen Laut und Leise, das durch die beiden Informationsträger entwickelt wird. Die Erzählung erfolgt hauptsächlich über Bilder und Bildfolgen, während der schriftsprachliche Text eine unterstützende Funktion einnimmt und vor allem als Indikator für die Lautstärke fungiert. Da die Bildsprache das Hauptmedium der Erzählung ist, entsteht ein großer Freiraum für Interpretationen. Doch dieser Deutungsspielraum kann auch viele Fragen offen lassen und für sehr junge Leser*innen eine Herausforderung sein, der bildlichen Erzählung zu folgen. Andererseits ermöglicht die starke Bildsprache einen besonderen Zugang zur Welt von Albert und seinen Freunden, beim Miterleben von einzelnen Handlungen bis hin zu inneren Gefühlswelten.

So werden kleinste Details in der Narration aufgegriffen und nonverbale Verständigungen unter den Kindern unternommen, die den Charme der Geschichte maßgeblich prägen. Ein Beispiel dafür ist der Moment, nachdem Albert all seine Freunde vertrieben hat und traurig allein auf der Straße sitzt. Zuerst steht nur der Geräuschlaut „Krr Krr“ hinter Albert, bevor man im nächsten Bild einen Jungen sieht, der seinen Stuhl heranzieht und sich mit einem Buch zu ihm setzt. Die kleinen Momente der Irritation und des Verständnisses fangen die besonderen Begegnungen unter den Kindern wunderschön ein.

Nichts geht über die Freundschaft!

Das orange Vorsatzpapier führt in die Geschichte ein, eine krakelige Kartenzeichnung vom Wohngebiet und der Mile End Straße, in der die verschiedenen Kinder wohnen. Das Buch stammt nämlich aus einer Reihe und in dieser Geschichte wird eben Albert vorgestellt, weswegen sein Garten auf der Karte auch in demselben Blau leuchtet wie das Cover. Die Vogelperspektive erlaubt einen Blick die Gärten der Straße – hier eine Katze, ein Ball, ein Karton oder ein Vogelhäuschen. Viele Kinder gehören zu der Gruppe der Mile End Kids und alle haben sie unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse, die sich gegenseitig abstimmen, mal zueinanderpassen oder auch gegeneinander prallen. Die umfassende Darstellung der fiktiven Lebenswelt ermöglicht den Leser*innen zwischen den verschiedenen Perspektiven zu wechseln, sodass sich diese Vielfalt nachvollziehen lässt.

Im Vordergrund steht jedoch das Besondere am gemeinsamen Miteinander. Die Kinder suchen die Gemeinschaft und das Beisammensein, auch wenn sie jeweils in kleineren Gruppen eigenen Aktivitäten nachgehen. Die Herausforderung dabei ist, die Bedürfnisse aller zu berücksichtigen und vor allem: seine eigenen Bedürfnisse rechtzeitig zu artikulieren. Sehr anmutig wird – ohne ein böses Wort gegen den schimpfenden Albert – gemeinschaftlich eine Lösung gefunden. Die letzte Seite zeigt die Kinder sitzend am Strand. Sie alle schauen dem Sonnenuntergang entgegen. Niemand gärtnert, spielt oder ist laut. Alle genießen die Ruhe.

Die Geschichte fragt auch: Wann soll man für Andere da sein und wann ist es wichtig seinen eigenen Interessen und Bedürfnissen nachzugehen? Wessen Bedürfnis hat wann Vorrang und wo sind Anpassungen sinnvoll? Letztendlich kann die Geschichte auch als ein Plädoyer für Inklusion gelesen werden: Die anfängliche Toleranz von Albert wandelt sich in ein buntes, vielfältiges Miteinander, in dem jedes einzelne Kind teilhaben kann und in seiner Einzigartigkeit wertgeschätzt wird.

Bild mit freundlicher Genehmigung von NordSüd Verlag

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