Lavinia - Dagmar Leupold
Lavinia - Dagmar Leupold

Versuch über Lavinia

„Wer ergründen will, muss herab.“

Das Erinnern folgt keinem Linearitätsprinzip, es entspringt keinem abgegrenzten Areal, wie es ebenso wenig einer Kausalität als Dichotomie unterworfen ist. Vielmehr l ä u f t e s l a n g s a m i n s i c h a u s.

Das Fließen der Lahn fließt in den Fluss der Donau und die Marburger Schulbank ist nackter Bordstein in New York. Der Bordstein wird vom Abfall der Menschen und Tauben befallen, der junge Frauenkörper Lavinias auf der Marburger Schulbank von der Gewalttat männlicher Autorität. Der Abfall fließt in den Abfluss der Kanalisation, die Gewalttat zerrinnt durch spätere Tränen auf den Wangen.

Der Blick auf den Hudson fliesst in den Neckar über und überfällt den Frauenkörper mit einer Fotografie des salutierenden, nationalsozialistischen Großvaters. Der Großvater entfällt sogleich, das nationalsozialistische läuft in hellere Erinnerungen, an das die nationalsozialistische Gewalttat überlebende Ehepaar Stern aus, an das der fallende Frauenkörper nur in größter Dankbarkeit zurückdenken kann.

Der Einsturz des World-Trade Centers fließt als Ausfall in das Kollektivgedächtnis, fließt gleichsam als Rückfall ins Gedächtnis des vergewaltigten Frauenkörpers: Die feindlichen Flugzeuge als nicht abzuwehrende Penetration eines Gewalttäters. Und so fällt der Frauenkörper Lavinias schließlich aus dem 25. Stock, fällt durch Schichten und Segmente der eigenen Lebenserzählung, fällt und l ä u f t d a b e i langsam in sich aus und fällt aus in ein Wuchern der eigenen Lebenserzählung.

Da sind Menschen und Dinge an Orten und Orte an Menschen und Dingen, mit denen ein Körper zusammenstößt und in diesem Zusammenstoßen durch Falltüren fällt, in Zeiten fällt, mit Menschen, Dingen und Orten, in denen der Körper nicht mehr oder noch nicht ist und in denen Schichten und Segmente der eigenen Lebenserzählung noch nicht oder nicht mehr sind.

Und der erlebende Körper sieht diese Falltüren nicht, sieht diese Menschen, Dinge und Orte vergangener Zeiten nicht und erst im fallen öffnen sich Türen und entgrenzen das eigentlich Grenzenlose, was doch immer nur als Grenze erlebt worden ist. Das Erinnern hat keinen Ort als fixiertes oder abgegrenztes Areal, sondern ist nur das plastische Kollidieren von Leben, dass diesen Orten ausgesetzt war und immer noch ist. Alles ist immer mit allem verbunden: Das den Holocaust überlebende Ehepaar Stern, die in der Carnegie-Hall als Empfangsdame Angestellte Mrs. Elsie, das zu früh verstorbene Omale, der schon lang zurückliegende Urlaub am Wörthersee, die Marburger Schulbank, den singenden Mauersegler und ein paar Möwen, schließlich eine kleine Kuh aus Terrakotta.

Alle Zweige und Äste glaubten sich weit genug voneinander entfernt, sodass das Eine das Andere nicht beträfe und plötzlich gräbt die Erinnerung, im freien Fall, alle Verzweigungen und Verästelungen frei, gräbt die eigene Lebenserzählung als ein auswucherndes und zusammenhängendes frei und implantiert dieses auswuchernde Knäul schließlich dem Fall, dem Fall als Wort, dem Fall als Aktion, dem Fall als Metapher, ihn dabei von seiner direktionalen Bestimmung befreiend, denn so Erzählung auswuchert, wuchert gleichsam auch das Wort aus.

Das Erinnern folgt keinem Linearitätsprinzip, es entspringt keinem abgegrenzten Areal, wie es ebenso wenig einer Kausalität als Dichotomie unterworfen ist; Vielmehr wird die Erinnerung der fallenden Lavinia durch Gewalttat ausgeformt und formt die Gewalttäter aus, in dem sie die Gewalttat aus-schreibt, in dem sie gegen die Gewalttat anschreibt. Die Gewalttat besteht dabei nicht in der Ausdeutung dieser Lebenserzählung, sondern ist immer schon da, als das rhizomatische Drängen, überhaupt auszuwuchern.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Jung und Jung Verlag
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