Über das Bedürfnis sich mitzuteilen: Porträt eines Kulturjournalisten

Die Gier bei Mesch steckt nicht im Geld, sie steckt im Wissen. Absolutes Gedächtnis? Ja bitte! „Mehr ist mehr”, nicht weniger. Mehr lernen, mehr lesen, mehr schreiben. Hauptsache es geht voran. Er sucht nach Komplexität, Perspektiven, Abwechslung, Material. Das Leben darf nicht stagnieren, es bedarf der Abwechslung. Es würde ihn sehr ermüden, jedes Jahr das Gleiche zu tun. Weder die berufliche Unsicherheit, noch die mangelnde Stabilität scheint ihm Angst zu machen. Er ist auch immer noch nicht in der Künstlersozialkasse. So sehr wir uns bemühen mit gutbürgerlichen Einwänden Unsicherheit zu erwecken, wir finden in der Wahl seines unsteten Lebensstils kein Unbehagen oder Bedauern. Er ist sich dessen, was er macht sehr sicher. Unsere Einwände hört er, und da sind wir uns sehr sicher, nicht zum ersten Mal. Wenn es ganz schlimm wird, und da ist er sich wiederum sehr sicher, kann er den Wagen aus dem Dreck ziehen.

gerne auch was Hässliches, Schlechtes. Pulsierende Standpunkte, grelle Persönlichkeiten und unangenehme Meinungen. Alles was laut ist

Man merkt, dass die Ansprüche an das, was er produziert, höher sind als an das, was er zu konsumieren bereit ist: gerne auch was Hässliches, Schlechtes. Pulsierende Standpunkte, grelle Persönlichkeiten und unangenehme Meinungen. Alles was laut ist. Was ihm hilft, ist sein Talent, schnell und effizient zu sortieren. Seinen Laptop stellen wir uns vor wie ein privates NSA-Lager. Man könnte Mesch Informationshamster nennen: Von Freunden und Bekannten speichert er Bilder ab, die er auf Facebook findet. Er fotografiert heimlich alte Liebesbriefe seiner Eltern und Passfotos von Freunden, welche er in fremden Wohnungen findet. Aber das alles strukturiert gelagert, gut sortiert, alles an seiner Stelle, sodass er schnell mal eine Auswahl an 300 Bildern anbieten kann, wenn ein Freund nach einem alten Foto fragt. Er legt akribisch Archive an.

Ansonsten verbringt er Unmengen Zeit damit, Themen und Debatten zu recherchieren. Neben literarischen Themen schreibt er viel zu Netzkultur, neuen US-Serien, LGBT- und Feminismusdebatten. Es gibt kaum einen Post auf seiner Website, unter dem keine Diskussion begonnen wurde, und es gibt keinen Tag, an dem nichts gepostet wird. Aber das gehört auch zu seinem Beruf, und der lebt davon: Viele Aufträge und Rezensionsanfragen laufen über Online-Plattformen. Eine Rezension für die ZEIT wurde via Privatnachricht auf Facebook angefragt. Im Übrigen auch sein Tipp an uns: teilen, teilen, teilen. Die Netzwerke seien unabdingbar um in Zukunft erfolgreich zu sein. Texte würden auch nur bekannt, indem sie geteilt werden, bis sie irgendjemand sieht, der wichtig ist. Die Zukunft ist kein Ort für Online-Scheue. Und das ist Mesch in keinem Fall. Die privatesten Details findet man über ihn im Netz: Besucht man seinen Blog, springt einem zuerst sein “Nude, online”-Artikel in die Augen, auch auf Twitter hat er ihn an oberster Stelle angeheftet.

Der Artikel ist lang. Er ist ihm wichtig: auf Twitter schreibt er, wenn man lediglich nur einen Text von ihm lesen sollte, dann diesen. Es ist einer unter vielen, in denen er Genderfragen, Sexualität und Rollenbilder reflektiert. Meist stützen sich diese Artikel auf persönliche Erfahrungen, Empfindungen und Erlebnisse. Daran stoßen sich viele in seinem persönlichen Umfeld – nicht zuletzt sein Vater. Man fragt: Wozu dient ihm dieser psychische Exhibitionismus? Ist das wirklich nötig? Gegen Selbstdarstellungs- und Narzissmusvorwürfe wehrt er sich und bietet diverse Begründungen für die psychische und physische Freizügigkeit. Das nötige Selbstbewusstsein, Statements wie diesen Akt für sich stehen zu lassen, fehlt … Und hilft: denen, die sich nicht äußern können, keine Plattform haben und in Mesch einen Gleichgesinnten finden. Jemand, der zu seiner Unsicherheit steht, zur Machtlosigkeit und zur Verletzlichkeit.

Unsicherheit möchte er aber bei anderen kurieren. So seien seine Partner häufig zu Anfang der Beziehung die weniger Selbstbewussten. Er sagt, sie fühlen sich bei ihm wohl, weil er sie aufbauen kann, zuhört, neugierig nachfragt und Aufmerksamkeit schenkt. Beziehungen sind für ihn so lange gut, wie er das Gefühl hat, dass er ihnen etwas geben kann. Sobald das nicht mehr der Fall ist, trennen sie sich meist von ihm. Narzisstisch gekränkt sei er dann schon, aber er könne es auch verstehen, wenn diese Person ohne ihn vielleicht einfach mehr Spaß habe. Damit es jetzt auch alle verstanden haben: Mesch hat sehr viel Verständnis für Menschen, die sich nicht jeden Tag mit ihm treffen wollen. Er braucht ohnehin Zeit für sich. Zum Aufladen, zum Recherchieren. Trotzdem: so rundum wohl kann er sich alleine nicht fühlen. Eine funktionierende Partnerschaft würde er auch vor die Karriere stellen.

Würde man Stefan Mesch eine Filmfigur zuschreiben, wäre das vielleicht der Stadtneurotiker. Unruhig, neugierig, forschend. Immer nach irgendwas suchend. Er würde nie zurück auf das Dorf ziehen, er braucht die Großstadt. Die Hektik, die Abwechslung, das bunte Gewirre, in das er versucht Ordnung zu bringen, was ihm immerhin in seinem favorisierten Bereich gut gelingt: der Literatur.

Vergraben unter tausenden Seiten und noch ungelesenen Tabs schaut er auf das Getümmel, das tagein tagaus um ihn herum zirkuliert. Er sortiert, urteilt und kommentiert. Wieso aber, könnte man fragen, muss es dann die Großstadt sein? In Hildesheim, sagt er, habe er sich unwohl gefühlt, wobei er doch auch in Berlin die größte Zeit im Internet zu verbringen scheint. Dennoch: von allem zu wenig. Es gab sowohl bei der Freundes- wie auch der Partnerwahl einfach zu wenig Möglichkeiten. Außerdem nicht genug Raum, sich aus dem Weg zu gehen. Nicht genug Inspiration, nicht genug Vorbilder. Ihm fehlte genau das, was im Internet so einfach ist: “Nein, danke” sagen, die Seite schließen, eine neue aufmachen und weiter geht’s. Mehr davon!

Bild mit freundlicher Genehmigung von Stefan Mesch & Jacqueline Schulz
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