Über das Bedürfnis sich mitzuteilen: Porträt eines Kulturjournalisten

Stefan Mesch würde sich selbst lieber im Internet als auf einer Hausparty kennen lernen. Er führt lieber Facebookdebatten anstelle von Smalltalk. Als freier Autor und Kulturkritiker darf er den ganzen Tag lesen. Er liest Neuerscheinungen, Blogartikel, Nachrichten, Kolumnen, Kommentare, Graphic Novels, Mangas, Tweets, Kurzgeschichten, Reportagen. Online, mostly, hier fühlt er sich am wohlsten. Das Internet ist seine Wahlheimat.

Er hat sie alle, die Social Network-Kanäle. Googelt man ihn, erfährt man tatsächlich sehr schnell mehr als über die letzte Hauspartybekanntschaft: Wann er zum ersten Mal Sex hatte (Blog), wie sein letzter Urlaub war (Instagram), dass er bisexuell ist (Facebook), dass er sich noch sehr unsicher ist, ob er mal Kinder haben will (Twitter), wie er nackt aussieht (Instagram) und auf wie viele verschiedene Arten er “Wie sie mich mitreißen” sagen kann (Youtube).

Laut seinem Blog hat er damit im Jahr 2011 so richtig angefangen. Er bewertet Bücher auf Goodreads.com und erstellt mit großer Vorliebe ausführliche Listen. Listen über neu veröffentlichte Bücher und persönliche Lieblinge, Comics, Graphic Novels, aber auch über seine Lieblingssnacks. Er schreibt unter anderem Rezensionen für Zeit Online, den Tagesspiegel, lektoriert, übersetzt und moderiert. Mehrmals am Tag postet er eigene und fremde Artikel, diskutiert Meinungen und Kommentare, sucht Input, gibt Output. Auf eine*n sporadischen Facebooknutzer*in wirkt das vielleicht befremdlich oder gar zu bemüht. Man könnte schon sagen, dass Stefan Mesch dem großen Vorwurf an die Generation Y gerecht wird: alles wird geteilt, alles ist im Netz, digitale Transparenz en masse. Aber immerhin: Vertrauen wird durch Transparenz gewonnen. Über 2000 Abonnent*innen auf Facebook, die sein Urteil und seinen Geschmack schätzen.

Was auch dazu führt, dass auf Meschs Medien-Expertise im journalistischen Feld zurückgegriffen wird: So wurde er zum Beispiel vom Deutschlandfunk eingeladen, über seine Einschätzung zur “Sargnagel-Glavinic-Diskussion” zu reden. Noch nicht davon gehört? Kein Problem, die Antwort findet man auf einem seiner zehn Social-Media Kanäle.

Wenn man ehrlich mit sich ist, scheint es schwer vorstellbar noch etwas über ihn zu erfahren, das nicht schon irgendwo im Internet steht. Aber wer annimmt, dass er seine überdurchschnittlich große Social-Media-Präsenz zum Ausgleich unterdurchschnittlich großer Kommunikationsfähigkeiten in der Offline-Welt nutzt, fehlt.

Wir begegnen Stefan in einer Neuköllner Kneipe. Er trägt lockere Jeans und einen schlichten Kapuzenpulli. Trotz der tiefen Augenringe wirkt er wach, fast möchte man sagen unruhig. Wir bestellen zwei Bier, auch eins für ihn? Nein, danke – er hat sich selbst was mitgebracht. Er sei versorgt und trinke sowieso nicht gerne. Dann stellt er einen Dosen-Energy-Drink und zwei Bücher auf den Tisch.

Wenn man eine Frage formuliert, schaut er einen aufmerksam an und antwortet sofort, wenn der Satz beendet ist. Er weiß was er sagen will, will den Satz loswerden, sitzt auf glühenden Kohlen, bis es nicht mehr unhöflich ist, loszureden. Stefan Mesch ist bei weitem nicht nur online jemand, der sich ausdrücken muss, der mitreden will. Jemand, der es auch nicht lassen kann, schnelle Urteile abzugeben. Meist ungefragt. Er redet über Freunde genauso wie über Bücher. Viele nehmen ihm das übel, er selbst auch? Er gibt zu, sich oft zu entschuldigen: Er trinkt nicht gerne mit Leuten, er will nicht mit Kindern spielen müssen und ihm wird immer so schnell langweilig, sobald es um soziale Gruppenaktionen geht. Schon alleine die Vorstellung treibt ihn zu dramatischen Aussagen: Lieber würde er sofort sterben, als mit Freunden spazieren zu gehen. Doch wirklich leid tut ihm das nicht. Auch nicht das Urteilen.

Er redet sehr abgeklärt über die eigene Selbst- und Fremdwahrnehmung. Viele Menschen finden ihn langweilig, er versteht das. Wenn einem die Zeit mit anderen Leuten lieber ist, findet er das in Ordnung. Andere sind ja vielleicht weniger langweilig. Er selbst könne nicht sagen, er wäre langweilig, aber gäbe es einen Klon von ihm, würde er diesen nur alle zwei Wochen auf einen Kaffee treffen wollen.

Wirklich selbstkritisch wird er aber nur, wenn er über sein Buch nachdenkt. Zu langsam schreibt er daran, zu inkonsequent. Doch dann zuckt er mit den Schultern, so ist er halt, dass er kein “Jungautor” mehr wird, damit muss er sich jetzt abfinden. Aber schade findet er es schon. Was er wirklich brauche: Internet, Betätigung, Bestätigung. So wenig ihn Kritik an seiner Person zu verunsichern scheint, umso wichtiger ist ihm Anerkennung für sein Schreiben. Er brauche jemanden, der ihm sagt, dass das, worüber er schreibt, nicht langweilig ist. Gut oder relevant genug, um die Motivation nicht zu verlieren. Doch, dass er die nicht von allen bekommt, ist auch ihm bewusst. Sein Debütroman zum Beispiel, ein Coming-of-Age-Roman im John-Updike-Stil, soll lediglich in dem Genre, in dem er sich bewegt, bestmöglich sein. Jedem gefallen muss er nicht. Doch er bemerkt eigene Fortschritte, er merkt, dass sich die Zeit lohnt, die er in seine Texte steckt.

„Wenn der Tag nicht mehr dir gehört”

Wenn das passiert, kann es immer so weitergehen. Unendlich lange? Ja, auch so lang. Angst vor Überdruss hat er nicht. Seine Antwort darauf ist Neugierde. Die wird bleiben, davon geht er aus … Ist ja schließlich sein Motor. Und der Beruf ermöglicht, dass der immer in Betrieb bleiben darf. Auch bleiben muss, aber wie sagt man? „Mach dein Hobby zum Beruf und du musst nie wieder arbeiten”.
Das macht dann auch wett, dass die finanzielle Situation eher bescheiden ausfällt. Seine persönliche Selbstverwirklichung stellt er vor alles andere, vor die teuren Urlaube, vor die warmen Heizungen im Winter. Er hat sich für dieses Leben entschieden, für die kleine Wohnung in Neukölln, für e-Books anstatt den Hardcovern, für das Leben ohne finanzielle Unbeschwertheit. Trotzdem sieht er sich als reichen Menschen. Armut ist nämlich, nicht das machen zu können was man will, nicht seiner Passion nachgehen zu können: „Wenn der Tag nicht mehr dir gehört”, so nennt er das.

Wenn man das hört, beginnt man schnell in idealistischen Träumereien zu versinken, aber seine Vorstellung von Armut erscheint einem reflektierten, global-denkenden Menschen eher wie ein First-World-Problem. Wirkliche Existenzängste scheint er nicht zu haben, so als Kulturjournalist. Vorteilhaft für diese Haltung ist, dass Mesch nicht für seine Miete aufkommen muss. Durch die Möglichkeit das leerstehende Haus seiner Großmutter zu bewohnen, ist er per se nicht auf ein hohes Gehalt angewiesen. Es scheint auch nicht, als ob dieses ihn interessiert.

Mesch lebt sehr bescheiden, Konsumgesellschaften und die realen und digitalen Marketinglandschaften scheinen ihn kalt zu lassen. Lebensmittel, Krankenkasse, Fernbustickets. Kleider bekommt er von Freunden, der Rest ist nicht wichtig. Es gäbe ja alles auch gratis im Internet, sodass er behauptet, mit 500 Euro im Monat vollkommen zufrieden zu sein. Mehr Geld wäre trotzdem gut. Nicht für ihn, versteht sich. Es geht darum bessere Geschenke machen zu können, Freunden auszuhelfen – einfach etwas altruistischer sein zu können. Aber was braucht man schon für sich, wenn man das weltweite Web, Neugierde und Bücher hat?

Bild mit freundlicher Genehmigung von Stefan Mesch & Jacqueline Schulz
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