Es gibt diese »Freunde« auf Facebook. Die, die alle paar Tage Videos von Pegida-Demos und Reden von Björn Höcke teilen. Versehen mit Kommentaren wie: Raus mit den Asylanten!!1 #makegermanygreatagain #afd #merkelmussweg. Es gibt auch noch die anderen, die Neo-Nazis, die nicht nur Plakate schwenkend durch Dresden laufen, sondern auch vor Gewalt nicht zurückschrecken. Die sieht man im Alltag zum Glück nur selten. Doch es gibt sie, es gibt sie auch in Tijan Silas Debütroman Tierchen Unlimited.

Wir begegnen dem namenlosen Ich-Erzähler auf der Flucht. Auf einem Rennrad strampelt er nackt durch dunkle rheinland-pfälzische Dörfer, verfolgt von einem, den »irrer deutscher Zorn« antreibt. Das ist ein großartig blutiger, atemloser Einstieg in einen Roman, dessen Handlungsfäden bis in den Bosnienkrieg zurückreichen.

Der Erzähler wird in Sarajevo, im bereits zerfallenden Jugoslawien geboren. Er wächst in einem zerstörten Häuserblock auf und liefert sich Kämpfe mit den Jungs aus den Nachbarvierteln. Dabei hat er mehr Angst vor dem Ärger der Mutter, als von Kugeln getroffen zu werden, ärgert sich mehr über den fehlenden Strom für Computerspiele als über den Beschuss seines Viertels.
Mitte der 90er Jahre schließlich flieht er mit seiner Familie nach Deutschland – und kommt in ein Land, das sich für ihn zunächst so gar nicht nach einer neuen Heimat anfühlt.

Vor allem zu Beginn des Romans beschreibt Tijan Sila das interkulturelle Coming-of-Age seines Helden so frisch und rotzig, dass man darauf ausrutschen könnte. Da wird geschissen, gefurzt und gevögelt, da wird sich geprügelt, bis niemand mehr auf den Beinen steht. Der mündliche Erzählton ist rasant und von Pointen durchsetzt. Das sind die starken Teile des Buchs. Aber immer wieder – und immer öfter – finden sich Sätze wie: »Jungenfreundschaften im ehemaligen Jugoslawien waren von sozialistischen Narrativen geprägt.«

Da wird geschissen, gefurzt und gevögelt, da wird sich geprügelt, bis niemand mehr auf den Beinen steht.

Hier kippt der Ton, hier schwächelt der Text. Und der Roman hält sein anfängliches Tempo auch nicht durch. Zum Ende hin wird zwar nochmal ordentlich in die Pedale getreten, aber insgesamt erschöpft sich der Plot. All zu viele Nebenschauplätze und Rückblenden lenken vom Kern des Geschehens ab.

Zudem verliert man zwischen all den austauschbaren Frauenfiguren, den Melanies, Leonies und Majas, bald den Überblick. Ungefähr jedes Mädchen, mit dem der Erzähler ins Bett steigt, hat einen Nazi-Bruder, der in seinem Zimmer hockt oder beim Bund arbeitet. Und seine beste Freundin Sarah ist – natürlich – Polizistin. Diese stereotype Darstellung der recht- und ordnungsliebenden Deutschen, verkörpert von Sarah und den ganzen Vorzeige-Nazis mit doch irgendwie weichem Kern, wirkt seltsam. Nicht nur, weil man kaum glauben mag, dass Deutschland Ende der 90er Jahre tatsächlich so schwarz-weiß, so hohl und kalt gewesen ist. Auch textimmanent wirkt die Anlage der Figuren recht eindimensional.

Trotzdem versteht man am Ende von Tierchen Unlimited eines: nämlich dass die Suche nach einem Platz in unserer bundesdeutschen Gesellschaft, in der »Freunde« wie die oben genannten ihr Unwesen treiben, eine Zerreißprobe ist. Dass sie nichts weniger erfordert als »die Fähigkeit, gleichzeitig irreparabel unglücklich und extrem gut gelaunt zu sein«. Und dass dabei manchmal leider nur noch ein Rennrad hilft. #wirschaffendas  #makelovenotwar.

Tijan Sila: Tierchen unlimited. Kiepenheuer&Witsch 2017. 224 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Kiepenheuer&Wietsch
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