Wenn man ein Sonderling ist, dann entwickelt man einen Sinn dafür, wie viel Kummer im Alleinsein liegen kann. Man muss den Blättern dabei zuschauen, wie sie sich bewegen. Man findet zu gute Verstecke. Spielt nicht mit den anderen Kindern Fangen und bricht ihnen unabsichtlich die Kniescheiben. Die Tante hat Gewitter im Kopf. Die Mutter leidet an einer unheilbaren Krankheit und stirbt an einem antiseptischen Schock beim Schnittlauch-Schneiden. Der Vater wird von einem LKW überfahren. Zuletzt ist man an all diesem Elend auch noch schuld und mit fünfzehn Vollwaise. Aber zum Glück hat der Vater einem Boxhandschuhe geschenkt, damit man sich verteidigen kann, gegen die Welt, in der man plötzlich alleine steht. Und vielleicht kann man das sogar verdammt gut. So gut, dass nicht nur Kniescheiben, sondern auch Kieferknochen und Nasenbeine brechen, wenn es sein muss. Vielleicht ist man so ein Boxer, wie Hans, die Hauptfigur in Takis Würgers Debütroman Der Club.

Auch Würger boxt. Schwergewicht für die University of Cambridge. Als Journalist stand der Zwei-Meter-Mann mit den großen im Ring. Für den Spiegel hat er aus den Krisenregionen dieser Zeit berichtet: Afghanistan, Libyen, Irak, Ukraine, und dafür etliche Preise abgesahnt. Nun macht er sich in seiner Ecke für das literarische Feld warm. Für sein Debüt sammelt er ordentlich Vorschusslorblurbs: Elke Heidenreich, Benedict Wells und Benjamin Stuckrad-Barre einigen sich auf eine zauberzarte, berührende und liebevoll erzählte Geschichte, letzterer möchte das Buch sogar zum Freund haben. Und tatsächlich kommt es – man möchte es beinahe Büchlein nennen – unaufgeregt und charmant daher, in seinem Taschenkalenderformat und hellblau-schwarz-grau gestreiften Einband, mit silberfarbenem Lesezeichenbändchen. Erst spät erfahren wir, was es mit diesen Farben auf sich hat.

Die Geschichte beginnt in Niedersachsen. Dort wächst der Protagonist auf, mit Pferden sprechend und in sein Tagebuch vertieft. In Hans Giebenrath-Manier geht es weiter aufs Internat, wo zwar kein Hermann Heiler wartet, aber ein Pater Gerald. Mit dem trainiert er seine Linke im Weinkeller, wenn er nicht gerade im Kirchturm des Klosters sitzt und liest. Und genauso unbeschwert könnte es immer weitergehen. Gäbe es da nicht noch die Tante, die Professorin in Cambridge ist. Sie überredet Hans zu einer verdeckten Ermittlungsarbeit an eben jener Universität. Er soll ein Verbrechen in einem studentischen Club (vergleiche hierzulande Burschenschaften) aufklären. Hans wird zu Hans Stichler und auf einmal kann niemandem mehr getraut werden in den alten Gemäuern des St. John‘s College, auf den Rasen und Wiesen der britischen Elite, hinter bewachten Türen, durch die nur jene Fliegenträger treten dürfen, die die drei Farben der Macht am Kragen tragen.

“Im Internet hatte ich gelesen, dass Prinz Charles einmal gesagt haben soll, er habe in einer Nacht im Pitt Club mehr gelernt als in drei Jahren im Trinity College. Ich konnte mit Prince Charles nichts anfangen.”

So ist er von allem ein bisschen und keines ganz, umtänzelt die Genres wie das Thema, wartet lange auf den richtigen Moment für den entscheidenden Schlag.

Hans ist einerseits stiller Beobachter und nüchterner Berichterstatter. Andererseits schlüpft er wieder und wieder in die Rolle des Kommentators, der sich mit pointierten Sätzen aus Situationen heraus zu Wort meldet und unter die Oberfläche seiner klaren Sprache dringt.

Dank wiederholtem Wechsel der Erzählperspektive erfahren wir, wie es den anderen Figuren (Elternersatz, Liebe, bester Freund, Rivale) geht. Takis Würger lässt jede und jeden zu Wort kommen, denkt sich hinein in die Psychen archetypischer Opfer und Täter – und wechselt schnell von Abwehrhaltung zu offenem Angriff. Das wirkt auf den ersten Blick durchdacht, geht aber nicht lange gut. Spätestens, wenn sich der Kreis der Erzählenden auf die Nebenfiguren erweitert, bringt sich der ambitionierte Formgedanke selbst in Bedrängnis. Überhaupt versucht Der Club es möglichst vielen recht zu machen: Krimi, Thriller, Coming-of-Age- und Sportroman.

So ist er von allem ein bisschen und keines ganz, umtänzelt die Genres wie das Thema, wartet lange auf den richtigen Moment für den entscheidenden Schlag. Mit melancholischem Witz zeichnet Würger die Geschichte eines Zerbrochenen unter Zerbrochenen; von mächtigen Männern, die glauben, sie könnten sich alles nehmen; von Verletzungen, die nicht heilen; von der Unerträglichkeit des Grau, das zwischen Hellblau und Schwarz liegt. Takis Würger, Der Club: Kein Sieg durch K.O., aber nach Punkten.

Takis Würger: Der Club, Kein & Aber 2017. 240 Seiten

Bild mit freundlicher Genehmigung von Kein & Aber Verlag
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