Nichts, auf das wir uns verlassen müssen. Nichts, das ganz ist oder vollständig, das Fülle repräsentiert oder Normalität, das standardisiert und sagt, was üblich sein soll, wie man schreiben oder sprechen oder lesen muss. Nichts, das uns oder mir oder wem gehört, nichts, das klar und rein wäre. Nichts, von dem so zu reden wäre, nur damit wir das Andere ausstellen können, das einfach nur anders ist und nicht normal, das nicht repräsentativ, nicht ernsthaft oder hohl sein soll. Die Prozesse, in denen wir schreiben oder sprechen oder lesen, brauchen diese Strategien nicht.

Das Sirren war nur ein Geräusch. Eine Botschaft, die für Unordnung sorgt, vielleicht auch für eine neue, andere Ordnung, die wiederum nicht lange hält. Das Geräusch interveniert, unterbricht. Das Ziel ist ohne Belang. Gleich, ob es getroffen wird oder nicht. Alles, was geschieht. Nur darum geht es, um den Prozess. Es geht um eine Übertragung. Immer zwei Pfeile, die zu verschiedenen Punkten gelangen.

Immer zwei Pfeile, die zu verschiedenen Punkten gelangen.

Das Material arbeitet ebenso parasitär wie das Schreiben selbst. Seine Konstitution droht immer infiltriert und von innen zerstört zu werden. Aber je nachdem, wo Material und Schreiben sich im Prozess befinden, versuchen sie selbst in das einzudringen, was ihnen vorausgeht oder vorausgegangen ist. Eindringen heißt, Teil zu haben und zu nehmen, sich zu laben, um dann wachsen zu können, selbst groß und fett zu werden, damit die nächsten Parasiten auch wieder etwas haben, das sich lohnt.

Parasitäres Schreiben heißt, vom Teller eines anderen zu essen. Das ist kein Austausch, sondern Übertragung, Missbrauch. Wörter und Sätze, manchmal auch nur Buchstaben werden anders verwendet, als sie zunächst in Gebrauch waren. Intentionen sind zu vernachlässigen. Entscheidend ist, dass der Kontext verändert wird.

Nicht jedes missbräuchliche Schreiben ist wie das andere. Es gibt auch Kontexte, die empfänglicher sind für die Infiltration als andere. Und nicht immer lässt sich der Missbrauch vom bloßen Gebrauch unterscheiden, weil nicht mehr zu rekonstruieren ist, wer von wessen Teller nimmt und ob er was dafür gibt oder einfach nur frisst und vertilgt und aufsaugt, nicht mal mehr verdaut, sondern nur noch schlingt bis er nicht mehr kann, bis er platzt.

Wer ist wessen Beute? Im parasitären Rausch kann und will das niemand mehr entscheiden. Wer Wirt geworden ist, ist keine Beute mehr. Strategien, einen Wirt zu finden, gibt es, wie Brigitta Falkner zeigt, viele. Eine schöner als die andere. Wirt zu sein und zu werden dagegen, ist ungefragt. Einmal Infiltrant gewesen zu sein, scheint jedenfalls dafür eine gute Voraussetzung. Anders als in der sogenannten Natur ist hier der Rollentausch von Bedeutung, wenn nicht gar Regelfall.

Die kulturelle Konstruktion des Parasitären zielt immer auf die Ränder, auf die Minoritären, die Armen und die Farbigen, die queeren und die behinderten Menschen, auf Frauen. Autor°innen, die sich ja von dem bedienen, was geteilt wird, und dafür nichts Nützliches zurückgeben, müssen daraus lernen. Ihr Schreiben eignet sich etwas an, zitiert, es ist derivativ, vampirisch. Was keine Schande ist, sondern eine Strategie im sinne appropriativer Opposition. Dieses Schreiben ist, als prinzipielle Übertragung, unmenschlich.

Was geschrieben oder erzählt wird, ist nicht, was es ist. Nicht, was es bedeutet, nicht das Wesentliche oder eine Repräsentation, sondern lediglich etwas dazwischen. Etwas, das nicht im Zentrum steht, sondern von den Rändern her, sozusagen bis zum Äußersten, sein Schmarotzertum auslebt. Da ist alles Lüge und Heuchelei und Simulation. Also die Wirklichkeit, das Leben. Beides gehört zusammen, die Wahrheit und die Untreue gegenüber dem Beobachteten, dem Leben. Was das parasitäre Schreiben produziert, ist ein Versprechen, das nicht ausgeschlossen werden kann.

Es geht um Zumutung, Infektion, eine Art Juckreiz. Das Schreiben saugt sich an, gräbt sich ein, sorgt für ständige Verstörung, ist durchlässig, verletzlich, nicht souverän, unrein. Eine Möglichkeitsform, die mehr verlangt und nimmt, als sie gibt. Es will auf nichts hinaus. Nicht vor oder zurück. Der Wirt, der andere Text wird einfach gezwungen, sich zu verwandeln, ohne eine bestimmte Richtung. Es geht darum, eine weiche, dünne oder süß schmeckende Stelle zu finden, und dann zu saugen, bis der neue Text zu einem eigenen Text angeschwollen ist. Was der Wirt schrieb, wird extrahiert, verschlungen. Zurück bleibt ein infizierter Wirt. Der neue, fast schon wieder welkende Text lässt los und sucht sich einen neuen Wirt.

Beim Lesen von Brigitta Falkner: Strategien der Wirtsfindung. Matthes & Seitz 2017, 204 Seiten, durchgängig illustriert.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Brigitta Falkner