Stand and deliver. Ameisenschrift. Die Beute: zehntes Stück
Don’t tread on an ant he’s done nothing to you
There might come a day
When he’s treading on you
Don’t tread on an ant you’ll end up black and blue
You cut off his head
Legs come looking for you
Adam & the Ants, Antmusic

Die Ameisen erkennt man nur von oben. Wir gehen ganz weit weg, sind jetzt Könige und können sagen: „Es sind Ameisen.“ Die Perspektive ist eindeutig, das Urteil klar. Einer spricht über das Viele und kann es identifizieren, ihm einen Namen geben. Die Klassifikation ersetzt die Ordnung, die niemand versteht, weil sie Ordnung jenseits jeder Klassifikation ist und in jedem Moment eine neue, eine andere Gestalt einnimmt. Indem das Viele benannt wird, ist die Drift gebannt, die jedes Einzelne seiner Bedeutsamkeit beraubt.

Das Viele ist vergänglich, der Eine aber göttlich und erhaben. Aus der Höhe scheint es dann auch bald so, als sei dieses Viele, das Gewimmel, die Schöpfung selbst, die größte Beruhigung, die sich denken lässt. Denn die Unruhe des Gewimmels könnte ja daran erinnern, dass das, was wir erhaben nennen, der blinde Fleck ist, in dem wir die prozessuale Konstruktion, die stete Störung unseres Perspektivs verschwinden lassen. Darin geht auch die Möglichkeit der Bescheidenheit gegenüber der Macht des Gewimmels mal eben verloren.

Vordergründig geht es um eine Positionsbestimmung und vielleicht auch noch um eine Machtdemonstration: dort die Ameisen und hier wir. Tatsächlich regiert hier aber – in Intention wie Selbstverblendung – ein begrifflicher Extremismus, wie er schärfer kaum ausfallen kann. Da die Masse der Vielen, die keine Einzelnen sind, sondern anonyme Teile einer Menge, deren einziges herausstechendes Merkmal ihre unabsehbare Zahl sei, und hier der Eine, der allein den Überblick behält und sich als einzigartiges Wesen erlebt.

I’m the dandy highwayman who you’re too scared to mention
I spend my cash on looking flash and grabbing your attention
The devil take your stereo and your record collection!
The way you look you’ll qualify for next year’s old age pension!
Adam & the Ants, Stand and deliver

 

Lisa Spalt: Ameisendelirium. Czernin Verlag 2015. 128 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Didier Descouens - Own work, CC BY-SA 4.0,
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