Portrait

März 2017. Ich treffe Lena Vöcklinghaus an einem Sonntagmorgen in Berlin-Neukölln. Es ist so ein Tag, der einem das Gefühl gibt, dass die Zeit langsamer vergeht als sonst, durch den Raum mäandert und Umwege nimmt. Der Himmel zeigt ein konturenloses Grau. Auf den Straßen bewegen sich Menschen, die Blickkontakt vermeiden.

Meine letzte Begegnung mit Lena ist fast drei Jahre her: Sie hatte bei einer Lesung in Hildesheim eine Kurzgeschichte vorgelesen und ich hatte zugehört, sie war kurz davor Hildesheim zu verlassen und ich war gerade erst angekommen. Im Geschwister Nothaft bestellt Lena als erstes Kaffee. Wir sitzen uns auf einem Sofa gegenüber, umgeben vom schwammigen Gesprächsfetzen und klirrendem Geschirr. Sie zieht ihre Schuhe aus, schiebt sie unter den kleinen Tisch vor uns, zieht die Beine an und ihre Füße hoch aufs Sofa.

Lena ist Absolventin der Hildesheimer Schreibschule. Zwischen 2012 und 2015 hat sie Literarisches Schreiben am Institut für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft studiert und war außerdem Mitherausgeberin der BELLA triste – Zeitschrift für Junge Literatur. 2014 war sie Teil der künstlerischen Leitung von PROSANOVA. Während der Arbeit im Festivalteam lernte ich Lena im Ressorts Orga kennen. Heute, drei Jahre später, sind ihre Haare länger, ihr Auftreten immer noch genauso souverän. Sie spricht ruhig, formuliert ihre Aussagen präzise, ohne merkliche Unsicherheiten und bezieht dabei Stellung ohne belehrend oder kühl zu wirken.

Mittlerweile lebt sie in Frankfurt am Main. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Kolleg SCHREIBSZENE FRANKFURT forscht sie zu Leseformaten. Im Kollektiv konzipiert und beobachtet Lena Tagungen und Lesungen. Aus den Beobachtungen entstehen dichte Beschreibungen. Ihr Projekt heißt Text, Inszenierung, Ereignis: die Autorenlesung als Ort literarischer Praxis. Was ist zwischen Hildesheim und Frankfurt passiert?

„Nachdem meine Arbeit bei BELLA triste im April 2015 endete, bin ich zurück nach Berlin gezogen. Ich hab‘ dann hier an meiner Masterarbeit geschrieben und mich mit prekären Nebenjobs finanziell über Wasser gehalten. Ich wusste erstmal gar nicht, was ich machen wollte. Die praktischen Erfahrungen, die ich während meiner Arbeit bei der BELLA und bei PROSANOVA sammeln konnte und auch die Einblicke in den Literaturbetrieb, die ich dadurch gewonnen habe, waren dann eine wichtige Brücke zur Arbeit am Kolleg. Ich kann mir jetzt die Zeit nehmen, diese Erfahrungen auch theoretisch zu beleuchten und auszubauen.“

Das Schreiben hat Lena schon immer begleitet. „Als Kind habe ich damit angefangen Abenteuergeschichten zu erfinden und aufzuschreiben“, erinnert sie sich. Vor Lenas Zeit in Hildesheim, studierte sie unter anderem Soziologie, Philosophie und Soziokulturelle Studien in Mannheim, Frankfurt/Oder, Berlin und Bogotá. Währenddessen hat sie auch geschrieben, vor allem Prosa. 2010 schaffte sie es, zusammen mit Leif Rand und Andreas Stichmann in das Finale des MDR Literaturwettbewerbs. 2012 gelang sie außerdem in die Finalrunde des Zeit- Campus-Literaturwettbewerbs und 2013 in die des Literaturpreises Prenzlauer Berg. Nach längeren Schreibpausen oder Unterbrechungen ist Lena immer wieder auf das Schreiben zurückgekommen und wenn sie heute die Tasten ihrer Schreibmaschine anschlägt, dann macht es Klack-Klack-Klick.

„Ich habe in der Zeit vor Hildesheim immer intuitiv an Texten gearbeitet und dann gemerkt, dass ich so manchmal an der Umsetzung einer Idee oder von Projekten gescheitert bin, weil mir das Handwerk gefehlt hat. Das zu lernen war meine Motivation nach Hildesheim zu kommen und dort am Literaturinstitut zu studieren.“

Wir wechseln vom Sofa nach draußen. Lena raucht und erzählt von Begegnungen mit dem sozialen Feld der Schreibschule und des literarischen Betriebs. Florian Kessler hat mit seinem Artikel Lassen sie mich durch, ich bin Arztsohn!, die Frage aufgeworfen ob Erfolg im Literaturbetrieb der Gegenwart mit sozioökonomischer Herkunft zusammenhängt.1 Ungleiche Möglichkeiten im literarischen Betrieb erfolgreich zu sein, seine eigene Stimme und Sichtbarkeit zu erlangen münzt Florian Kessler auf das finanzielle Kapital, das Studierende an Schreibschulen mitbringen.

Finanzielle Absicherung, die keine kräftezehrenden Nebenjobs verlangt, lässt mehr Zeit um sich literarisch zu entfalten und das eigene Schreiben zu üben. Menschen, die nicht über das Privileg der finanziellen Sicherheit verfügen, haben einfach nicht dieselbe Ruhe, sich in eigene Schreib- und Lernprozesse einzufinden. Sie brauchen insgesamt mehr Zeit und werden dadurch zurückgeworfen.

Lena sieht vor allem im kulturellem Kapital zu Studienbeginn, welches, mit Bourdieu gedacht, durch die Eltern oder das soziale Umfeld weitergegeben wird, ein weiteres ausschlaggebendes Merkmal, das strukturell über die Möglichkeiten des literarischen Erfolgs entscheidet.

„Ich habe mich in Hildesheim viel damit beschäftigt überhaupt zu verstehen, was Autor°innen-Dasein überhaupt bedeutet. Deshalb bin ich gar nicht in dem Umfang, in dem ich es mir gewünscht hätte dazu gekommen mein eigenes Schreiben zu üben oder Zeit darauf zu verwenden mir ein gewisses Handwerk anzueignen. Ich glaube schon, dass diejenigen, die über ihr Elternhaus, oder über Freund°innen bereits vor ihrer Ausbildung an einer Schreibschule wie in Hildesheim oder Leipzig mit dem literarischen Feld in Berührung gekommen sind und schon eine Idee davon haben, was es heißt freischaffende°r Kreative°r zu sein, sich auch eher auf das Erlernen von Handwerk konzentrieren können. Sie haben einen ganz anderen Startpunkt, von dem ausgehend sie sich im Literaturbetrieb orientieren und einrichten können.“

Es ist wichtig strukturellen Ungleichheiten wie diese zu benennen, sie sichtbar werden zu lassen und sie zu hinterfragen. Wie können wir sie abbauen? Was für eine Literaturförderung brauchen wir dafür? Der Literaturbetrieb ist außerdem auch immer noch ein männerdominierter Bereich, in dem weibliche Stimmen und Vorbilder immer noch unterrepräsentiert sind. Autoren verfügen immer noch über die meiste Redezeit und Präsenz im Literaturbetrieb, es sind vorwiegend „Männer, die reden“, erzählt Lena. Eine feministische Haltung gehöre zwar zum guten Ton, jedoch passiere es oft, das strukturelle Problematiken, die für Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten sorgen, einfach eloquent weggeredet werden.

„Ich habe Glück, dass unser Kolleg in Frankfurt zwei Professorinnen leiten. Dadurch ist es möglich für mich persönliche Anknüpfungspunkte zu finden und viel von ihnen zu lernen. “

Lena setzt sich mit den Verhältnissen im Literaturbetrieb auseinander und erschließt ihn sich, durch eigene Erfahrungen, ihr eigenes Schreiben und kritische Beobachtungen immer wieder neu. Ihr Essay neunzehn und wütend, Wie lassen sich Ungleichheiten an Schreibschulen untersuchen? Viele Fragen und einige Ideen2 ist dieses Jahr erschienen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von © privat

Fußnoten   [ + ]

1.Lena Vöcklinghaus, neunzehn und wütend. Wie lassen sich Ungleichheiten an Schreibschulen untersuchen? Viele Fragen und einige Ideen. In: Haimo Stiemer, Dominic Büker und Esteban Sanchino Martinez (Hg.): Social Turn? Das Soziale in der gegenwärtigen Literatur(-wissenschaft). Weilerswist-Metternich: Velbrück Wissenschaft, 2017. S. 260-280
2.Lena Vöcklinghaus, neunzehn und wütend. Wie lassen sich Ungleichheiten an Schreibschulen untersuchen? Viele Fragen und einige Ideen. In: Haimo Stiemer, Dominic Büker und Esteban Sanchino Martinez (Hg.): Social Turn? Das Soziale in der gegenwärtigen Literatur(-wissenschaft). Weilerswist-Metternich: Velbrück Wissenschaft, 2017. S. 260-280.
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