Schreib-Ich, es setzt auf mich. Die Beute: viertes Stück

Elke Erb

Es setzt auf mich

Das ist ein Werkstück, wartet.
Werkstück in mir wartet.
Beinahe täglich kommt wer
oder was, lenkt ab.
In mir heischt es, zürnt es.
Spürt. Wirkt. Werkstückt.
Keine Lockung. Kaum guten Muts. Ich
bin die Fee für es. Kommt die Fee zu ihm,
hofft es, lebt es auf. Sie gibt ihm dies und das
aus ihrem Gang. Aus welchem Gang?
Dem allgemeinen.
Von dem dort, in dem allgemeinen,
dem allgemeinen Gang der Dinge, Angetroffenen
und Abgefallenen, von dem Ablauf, der es übergeht,
bekommt es dies & das. So wäre es ja gut.
Aus dem, was sich so zuträgt.
Zufällig. Das Werkstück lebt dann auf.
Es ist ein Werkstück zwischen Tod und Leben.
Wie zwischen Berg und Tal.
Es ist nicht sicher, daß es eine Chance hat.
Offengelassen haben, ob es eine Chance hat,
wird zu seinen Vorzügen gehören,
wenn es eine Chance hat.
Sowohl im Ganzen als auch in den Einzelzügen.
Wartend und offenlassend.
Seins ist ein Präsens-Partizip-Prinzip. Verlaufsform.
Sonst wird es nichts.
So wird es vielleicht gut.
So ist es eine Fee, die kommt wie eine Gnade.
Die aber nicht verlockt kommt. Nur wie hinbeordert. Ungewiß .
Unsicher kommt. Sich hintrollt. Trottet deppdumm
hin zu ihm, dem wartenden.
Es stochert. Heischt.
Es setzt in abträgliche Spannung.
Abtragen tut gut.
Daß ich mich zu ihm wende, tut mir gut.
Obwohl es guttut, lockt es nicht.
Seine Substanzen, Angelegenheiten
existieren ohne mich. Sonst wären sie nicht seine, eigene!
Das muß so sein.
„Ohne mich“ ist ein Motiv der Hinsicht:
Es trennt, es unterscheidet.
So entsteht Indifferenz, ich nenne sie.
Indifferenz entbindet dich und mich.
Sich versäumen
und versäumen und versäumen.
Fremdgehn. Nebenher.
Einem Thema nachgehn, das nicht seins, des Werkstücks, ist.
Doch. Im Hintergrund. Im Versäumen.
Dieselbe Formel gilt, sie herrscht, auch sonst:
Ich weiß, daß ich nicht tue, was mir guttut.
Ein Prozeß aus nichts als mir, in dem
nicht ich entscheide, scheinbar.
Hoffnungslosigkeiten tagen:
frühere, viele, auch erloschene, Perspektiven.
Tagen wie das Tageslicht,
so ungerufen und unführbar.16.10.04

Wie kann man Wörter erben? Lange muss man diese Texte lesen, lange Zeit. Über Jahre. Nicht alle, nur manche. Aber die immer wieder. Die muss man immer wieder liegen lassen, zu Zeiten hervorholen und aufs Neue lesen. Irgendwann – ein zwei Jahre dauert das, vorher kann man gar nichts sagen, überhaupt nichts – sind es Erbschaften, ein Wörtererbe, oder nein: Sätze eher, Satzteile, Wörtersätze, die einander vererben, die sich einander vererben, von denen einer das Erbe des anderen ist. Aber welchen? Eine flüchtige Variante lyrischer Genealogie.

Jeder Satz kommentiert einen anderen. Jedes Gedicht ist ein Kommentar. Jeder Kommentar ist eine Lektüre. Er liest den Text, das Gedicht, den vorigen Kommentar. Es gibt nichts anderes. Nimmt den Kommentar fort, bleibt eine Lücke, die nicht zu füllen ist.

Das Kommentieren ist ein Schutz, kein Auf-der-Stelle-treten. Ein Ausweichen vielleicht, aber eines ohne Alternative. Da ist kein anderer Weg. Der Kommentar als Schreibgeste schützt die Lektüre, den Text, wappnet seine Flanken. Er tröstet über den notwendigen Verlust der Lektüre. Es gibt keinen Übergang zwischen Kommentar und Text in diesem Schreiben. Sie sind Teile ein und derselben Szene. Sie sind gleichzeitig und unmöglich. Wo kein Übergang ist, ist kein Weg. Aber das ist nicht. Sie schreibt ja, sie macht es. Sie macht das Übergangslose. Schöne Aporien. Helle Aporien. Ein lichtes Tun: aporein. Keinen Weg machen, keine Brücke, sondern warten. Warten mit Geduld und warten, auf dass es nicht aufhört, auf dass ein Werkstück nach dem anderen sich fügt und reibt und wartet, hier und dorthin lenkt, streunendes Schreib-Ich, das sich lenken und locken lässt von all den anderen Egogratzuständen, die darin aufgehen und es dazu anhalten, weiterzumachen.

Stimme findet fast nicht statt. Sonanz. Das Flirren im Textraum, wenn man die Texte laut liest. Sie wiederholt und einfach nicht weiß, ob man sie schon kennt. Oder nein: man weiß, dass man sie nicht kennt. Irgendwann vielleicht bleibt ein Nachhall. Aber nicht wie ein Werkstück, eine erinnerbare Formel, die sich anwenden ließe. „Der Text braucht Laute.“ Der Text braucht sie, nicht die Stimme, die laut liest. Sind das Lautinfusionen oder eher Fundstücke? Die Lektüre überhaupt braucht die Laute nicht, nicht einmal die Lektüre der Schreibenden. Da würde aus den Lauten Rauschen. Und die sich selber Lesende benötigt den Rauschabstand. Das ist der Abstand zwischen ihr und der Welt, zwischen ihr und der Welt des Textes.

Solche Abstände kann man nicht füllen. Muss man auch nicht. Diese Abstände sind Resonanzräume, in die hineingesprochen wird, hineingeschrieben. Das geht hinein und breitet sich aus, wieder zu den Rändern. Es gibt Reflexionen und Verluste, Erschütterungen bisweilen. Vieles bleibt liegen, wird vergessen bis zum Wiederlesen. Ein poröser Innenraum, in dem alles Platz hat, der ständig von Grenzen durchzogen wird. Es ist Bewegung darin, still, unmerklich oft.

Ein Murmeln, das wirkt. Ein Murmeln wie eine stete Lockung. Doch ein Murmeln, das sich selber lockt, das wartet. Ein inwendiges (und inwändiges) Warten. Was in mir wartet, wartet mich, macht nicht nur mich wartend, sondern spielt mich. Das Werkstück ist Teil der Schreibszene. Werkstück ist, was wir lesen. Wir warten den Text. Wir sind in der Lockung. Nicht zielstrebig. Da ist Bewegung. Aber keine Linie. Reaktionen, Reflexe, Ablenkungen. Alles arbeitet an dem Werkstück, das längst schon ein anderes geworden ist und wird.

Es wird etwas. Was kann das Schreib-Ich davon wissen? Das Schreib-Ich wartet und geht weiter, es geht seinen Gang, den – unter anderen – etwa das Kind-Ich einschlägt, einst eingeschlagen hat und dort wartet, irgendwo an diesem Weg, der so unwegsam erscheint, zu Beginn und auch im Rückblick. Dann bleibt, in der Rückschau, nur der allgemeine Gang, auf dem man Dinge trifft, weniger Menschen, Einstellungen vielleicht, Wünsche, Hoffnungen oder Trauer, ein jähes Erschrecken. Doch diese Rückschau reicht nicht weit. Sie ist nicht umfassend. Ablenkungen und Warten heißen die Quellen (was ja dasselbe ist), der unzuverlässige Antrieb. Heraus kommen könnten schöne, klare Konjunktive.

Es ist ja nur ein Stück. Ein Stück von einem Ganzen, über das zu verfügen nie gelingen wird. Nie gelingen muss. Stück wie Werk sind unsicher. Möglicherweise chancenlos. Ohne Chance, etwas zu entscheiden, das unbedingt ist. Das Werk ist unbedingt, das hier aber ist nicht das Werk. Das ist der weglose Weg zum Werk. Oder auch nur ein Nebengleis, ein Trampelpfad mit diversen Verzweigungen. Offene Wege, die teils ins Dickicht führen, auf eine schöne Lichtung, zu einem Ausblick, zu Orten, an denen sich warten lässt, von denen aus es weitergehen kann. Nur wenn es weitergeht, wird es vielleicht gut. Dieses Vielleicht beschreibt genau die Beschaffenheit des Weges, der für das Schreib-Ich bestimmt ist, dem es ausgesetzt ist und sich aussetzt, denn es sich gewünscht hat, der ihm geschenkt wurde, den es als Lockung schreibt, ohne je gelockt worden zu sein, denn es streunt und wird und wartet. Es wächst so dahin. Jede Bewegung ist genau. Und jede Bewegung ist mehr als die Summe aller Bewegungen je sein könnte, als Weg.

Das Schreib-Ich ist ein Werkstück. Es sucht sich seine anderen Ichs. Es ist ein Instrument, eines unter vielen, aus denen die Schreibszene sich zusammensetzt. Dabei ist das Zusammengesetzte keine Summe, kein Puzzle. Die Szene ist offen. Es gibt Ähnlichkeiten in der Dramaturgie. Das Murmeln und Kommentieren, das Abschweifen, die Konzentration auf Sätze, die einen Unterschied machen, auf Sprachspiele, deren wichtigste Regel das Versäumnis ist.

Es wartet und wartet sich, es versäumt und versäumt sich. Wenn man sich versäumt, bleibt die Bewegung immer im Hintergrund. Der Weg wird nie sichtbar. Stetig macht das Schreib-Ich keinen Weg. Das ist hoffnungslos und unentscheidbar.

Elke Erb: Sonanz. Urs Engeler Editor, 2008. 320 Seiten.

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