„Ich hatte mir vorher oft gedacht, dass ich gerne einmal in einem Horrorfilm mitgespielt hätte.“ Moritz, Anfang dreißig, Münchner, frisch getrennt, unzufrieden mit dem Job, noch unzufriedener mit dem Rest. Als er von einem alten Studienfreund und jetzigen Regisseur Christoph das Angebot bekommt, in einem Horrorfilm mitzuspielen, sagt er sofort zu.

So weit, so klassisch. Wollte der Roman uns zeigen, wie abgründig es in einem exemplarischen Abkömmling des 21. Jahrhunderts bzw. der Generation X/Y (da sind wir uns nicht so sicher) doch aussieht, dann würde das Grauen seines sinnlosen Alltags in ein Blutbad à la „Die Habenichtse“ münden. Wir würden uns fragen, wieso Roman Ehrlich dafür 600 Seiten braucht, das Buch weglegen und auf die Wikipedia-Zusammenfassung warten. Weil wir aber seit Das kalte Jahr auf Roman Ehrlich als originellen Geschichtenerzähler zählen können, lassen wir die Nachttischlampe noch an und schalten sie erst morgens beim ersten Tageslicht wieder aus.

Weiter im Text: Das Drehbuch für Christophs besagten Horrorfilm „Das schreckliche Grauen“ soll aus den Ängsten aller Mitwirkenden zusammengeschneidert werden. Dafür treffen sie sich zu wöchentlichen Sitzungen in einer Bar und erzählen sich ihre Geschichten. Von einem geschützten Rahmen kann man aber nicht sprechen: Christoph tritt als autoritärer, fast diktatorischer Wortführer auf. Er bestimmt, welche Ängste in das Script eingewebt werden und welche nicht.

Interessant ist, wie die Stimme von Ich-Erzähler Moritz mit den restlichen verschmilzt: Die Mitwirkenden werden nie ihrem Aussehen nach beschrieben und sind dadurch umso mehr körperlose Stimmen, die ohne Anführungszeichen und ebenfalls aus der Ich-Perspektive für die Dauer ihrer Geschichte die Rolle des Erzählers übernehmen. Dabei entsteht jedoch keine krude Polyphonie, vielmehr gibt es da diesen charakteristischen Sound, der den Flickenteppich an Geschichten wie ein roter Faden zusammennäht.

Und er (der Teppich) reißt, trotz Längen in der Mitte des Romans, an keiner einzigen Stelle auf. Im Gegenteil werden die einzelnen Flicken im Laufe der Handlung sogar immer fester miteinander verbunden, weshalb wir es am Ende eher mit einem Flickenkokon zu tun haben.

Paradoxerweise machen diese eingenähten Fetzten Fiktion den Roman umso realistischer: Im Kontrast zu den erzählten Geschichten wird Moritz’ Lebensrealität als „echte Welt“ innerhalb des Romans konstituiert. Doch der Erzähler misstraut der Echtheit dieser, seiner Welt und beginnt, sich in der Fiktion des „schrecklichen Grauens“ wohler zu fühlen: Hier wird Unwirklichkeit als solche verkauft, hier lauert ihm die Realität nicht wie der Wolf im Schafspelz auf. Die Fiktion wird zum Element der Realität. Christoph, der von Anfang an Zitate nicht als solche markiert, wie im gesamten Buch Zitate unbelegt im Fließtext eingewoben sind, erinnert dabei mit seinen dramatisch-überzogenen Ansichten an eine Travestie, an wandelnde Fiktion. Und nach und nach fangen die Mitwirkenden im „Schrecklichen Grauen“ an Geschichten aus Filmen und Büchern als eigene zu erzählen, sie spinnen sich selbst in die Fiktion hinein.

Und so, wie wir uns immer fester in diesen Kokon verpuppen, entdeckt der Erzähler gegen Ende einen Baum am Wegesrand, der von Larven komplett eingesponnen und abgefressen wurde – und hat das erste und einzige Mal während der gesamten Handlung wirkliche Angst.

Roman Ehrlich: Die fürchterlichen Tage des Schrecklichen Grauens, S. Fischer, 2017. 640 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von S. Fischer
Total
6
Shares