protokolle der gegenwart - Sandra Gugić
protokolle der gegenwart - Sandra Gugić

Protokolle der Gegenwart

Das auf Poesie spezialisierte Verlagshaus Berlin hat im Frühjahr 2019 “Protokolle der Gegenwart” von Sandra Gugic herausgebracht, illustriert von Oliver Hummel.

Der Independent-Verlag hat sich auf die Agenda geschrieben, politische Poesie zu veröffentlichen und nimmt bewusst Stellung zum aktuellen Zeitgeschehen durch Herausgeberschaften – Sandra Gugic ist nun zurecht auch in den Kanon aufgenommen. Denn Gugic ist nicht nur Lyrikerin, sondern auch Dramatikerin und Mitbegründerin der Website nazisundgoldmund.net, ein inzwischen abgeschlossenes Projekt, das sich als „poetologisches Monstrum“ sah und als “Autor*innenallianz gegen die Europäische Rechte und ihre internationalen Allianzen” sah. Und auch in ihren Theaterstücken setzt sie sich aktiv mit Politik auseinander. 

Gerade Lyrik entzieht sich einem Anspruch der politischen Auseinandersetzung und Transformation regelmäßig und duckt sich unter der These des Konstrukts der Kunstfreiheit und Emotionalität hinweg. So schreibt beispielsweise der Suhrkamp Verlag über die Kategorie Lyrik im Verlagsprogramm, dass „das Lesen von Lyrik (…) in erster Linie Freude bereiten“ solle, während Gugic Lyrik und Gefühle im Bezug auf politisches Schreiben ergründet: „der wiederholte vorwurf von befindlichkeit tarnt ein tiefes gefühl“.

Das schmale weiße Büchlein nehme ich überall hin mit, blättere auf Zugfahrten, in Bibliotheken und Sesseln darin herum, stöbere in den kurzen fragmentierten Gedichten und beobachte immer mehr, wie sich die Protokolle der Gegenwart in meine eigene Gegenwart einflechten, auf der „suche nach einem ausweg in echtzeit“.

Durch Beobachten und Reflektieren der eigenen Perspektive schildert Gugic die Gegenwart, reibt sich an ihr auf und stellt sich selbst im politischen Spannungsfeld in Frage, „von schreien zu schreiben“. Das „Protokoll“ ist in drei Unterpunkte unterteilt – I Anomiecluster, II Sollbruchstelle und III Clusterlogik –, in denen die Lyrikerin die Konflikte und Zerrungen einer Gegenwart festhält, die mir beim Lesen immer bekannter vorkommt: Lyrische Fragestellungen über Gender, Identität, aktuelles Zeitgeschehen, mit scharfem Blick beobachtet und analysiert – „diese desolate gegenwart was geschehen ist wird geschehen sein am ende des tages“. Wie immer bei den hochwertig gestalteten Werken des Verlages spielen Illustration und Lyrik zusammen. Die in dunklen Farben gestalteten Zeichnungen Hummels erinnern an Skizzen und ergänzen die dichte Sprache Gugics atmosphärisch.

Gugic lyrisches Zusammenspiel aus soziologisch-philosophischen Begriffen und moderner Alltagssprache lädt ein, den reflexiven Spuren der Autorin zu folgen und weiter zu forschen „an den spielregeln der weltunordnung“. 

In “Protokolle der Gegenwart” zeigt Gugic eindrucksvoll, das gerade Lyrik sich hervorragend eignet, um Poesie und Politik miteinander zu verbinden und „für ein anderes Leben als widerspruch zur betriebsamkeit“ plädiert. Die Thematiken sind breit aufgestellt und doch offen für eigene Assoziationen – ein Protokoll, das zum Verändern einlädt, „aber bitte lehnen sie sich nicht zu weit hinaus“.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Verlagshaus Berlin

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