Noemi Schneider: Das wissen wir schon

Worauf uns das possierliche Tierchen auf dem kleinkindgerechten Cover nicht vorbereitet hat: auf Flüchtlingsselfies, kiffende Mütter und verpackungsfreie Supermärkte. Auf Frauenabteile, abgelehnte Förderanträge und Terroralarm. Auf abwesende Eltern, junge Menschen, die Kinder wollen, die keine wollen, die welche haben müssen, die Karriere machen, die keine machen, die in die Wüste fahren. Auf die Frage, ob es in Ordnung ist, einen ehemaligen Terroristen vor laufenden Kameras wieder mit seiner Mutter zu versöhnen. Auf eine bundesdeutsche Gesellschaft, die im Höllentempo um sich selbst rotiert und dabei im Wirbel der Kräfte ihr Zentrum verliert. Auf Mustafa, Laila und Maserati-Walter. Auf einen bissigen Mutter-Tochter-Konflikt.

Kommt trotz Tierchen (Nerz vermutlich) aber alles vor. Zum Glück. In Noemi Schneiders Debütroman Das wissen wir schon begleiten wir die junge, namenlose Ich-Erzählerin durch ihren Alltag. Einen Alltag, der zunehmend aus den Fugen gerät. Sie hat studiert, viel, Filme gedreht, Filme, die ihr am Herzen liegen, Filme, die keiner sehen will. Sie ist pleite, sie vermietet ihr Zimmer, schläft bei Freunden auf dem Sofa, sucht das, was sie glaubt schon gefunden zu haben. Auf Anti-Abschiebedemonstrationen, bei Amadeus und Fini, ihren besten Freunden, mit elternlosen Nichten an ihrer Seite, zu Hause bei ihrer Mutter. Aber da wohnt jetzt Mustafa. Mustafa, der mutmaßliche Terrorist von Seite 3. Sie kennen sich seit Kindertagen. Jetzt braucht er einen Pass und Fluchtplan, aber sie hat anderes mit ihm vor.

Der Witz zwinkert verlässlich zwischen den Zeilen. Pointen sind im Roman keine Mangelware. Im Gegenteil. Vor allem die Dialoge gehen runter wie Öl:

»Das sind Aziz, Eli und Sami«, sagt meine Mutter, »sie sind vor dem Krieg geflohen, und das ist meine Tochter, sie flieht vor der Kunst.« | »Hi!« sage ich und suche nach etwas, um es meiner Mutter an den Kopf zu werfen. Ich greife in einen Blätterhaufen. | »This is a mother-daughter ritual«, rufe ich und eröffne das Feuer, »you’re welcome to join us!« | »Passt auf die Igel auf!«

Kurz und knackig gleitet das Buch von Szene zu Szene. Nie verweilt man lange an einem Ort. Präzise gezeichnete Nebenfiguren haben ihre gut platzierten Auftritte und geben den letzten Schliff. Aber trotz der auf Hochglanz polierten Textoberfläche kommt scharfe Kritik an unserer Gesellschaft immer wieder durch. Nerzspitze Krallen lauern unter den glatten Präsenssätzen und nehmen dem Roman die Possierlichkeit: Ab wann ist einer Terrorist? Brauchen wir Frauenabteile in Bus und Bahn? Wo führt uns die Flüchtlingskrise hin? Und welche Rolle spielen YouTube und co. dabei?

Das Spiegel ist groß, und wir alle haben Platz darin: die Gutmenschen, die Aktivisten, die Medien, und auch die, die hinterm Gartenzaun stehen. Immer wieder bleibt uns bei der Lektüre das Lachen im Halse stecken. Wir werden unsicher, fragen uns, ob wir zu alledem eigentlich eine Meinung haben. Eine brauchen? Und wie sieht die aus? Und das Ende des Romans? Ein kurzer Blick in die Zukunft? Es kann anders werden? Ja? Vielleicht! Es gibt keine klare Antwort darauf. Aber eine Ahnung, wo das alles hinführen könnte, eine Ahnung davon vermittelt Noemi Schneider uns schon.

Noemi Schneider: Das wissen wir schon. Hanser Berlin 2017. 192 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Hanser Verlag
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