»Man müsste eine ganz andere Form finden, rief ich, eine ganz andere Form.«

An einem beliebigen Tag, Wetter schön, leicht angesäuselt, durch ein tropisches Paradies schlendernd, steigst Du zu ihm in seine Cessna, der stechend blaue Himmel über Nicaragua, wie frei kann man sein? – und dann bist Du weg. Verschwunden, aufgelöst in Luft, keine Spur, keine Erklärung. Würde jemand nach Dir suchen?
Diese dramatisch-mysteriöse Ausgangslage findet sich in Nina Bußmanns neuem Roman Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen: Die Seismologin Nelly ist nicht aufzufinden, möglicherweise abgestürzt, wurde von ebenjenem Erdboden, den sie erforschen sollte, verschluckt. Die namenlose Ich-Erzählerin, eine junge Soziologin, reist nach Nicaragua, um die Umstände des Verschwindens ihrer ehemaligen Studienkollegin vor Ort aufzudecken.

Es gibt Geschichten, die mehr aus Leerstellen bestehen, aus dem, was alles nicht gesagt wird. Nina Bußmanns Zweitling ist so eine Geschichte. Nach und nach gibt die Autorin kleine unzusammenhängende Informationspakete preis, deren Verbindung der Leser selbst besorgen muss. „Fetzen zusammensuchen“, nennt das die Erzählerin. „Alles was ich tat, war Stückelchen zusammentragen“, resigniert ob der Unmöglichkeit, das Leben ihrer Freundin zu rekonstruieren. Ob sie das überhaupt jemals waren: Freunde, ob die viel idolisierte Nelly nicht eher als Götzenbild dient?

Dieses Nie-ganz-sicher-Sein, das Schemenhafte und Nebulöse, das Orte und Personen des Romans umgibt, macht die Autorin konsequent zu ihrem Erzählprinzip. Nur selten werden Fakten oder Wahrheiten klar benannt, wenn nämlich ähnlich mysteriöse Vorfälle anderer verschwundener Personen eingestreut werden, um die Erzählung voranzutreiben, aufgelistet von der Protagonistin, um sich selbst Mut zu machen – die Beschwörung des Bermudamythos als Herzschrittmacher. Zumeist aber bevorzugt die Erzählerin Umwege, Trampelpfade und Sackgassen, um die Umstände zu umzingeln. Das kann stellenweise langatmig und anstrengend werden, ist aber der einzige Weg. Weil man den Verlust eines Menschen so eben noch am ehesten verarbeiten kann: mit Einkreisen statt mit Festnageln. Mit einem behutsamen Annähern an das, was vielleicht geschehen sein mag.

»Inzwischen hatte ich nur noch einen großen Selbstekel, wenn ich mir dabei zuschaute, wie ich die Protokolle meiner Gespräche verarbeitete, sie als Futter benutzte für mein Steckskelett aus Vorannahmen und Behauptungen. Man müsste eine ganz andere Form finden, rief ich, eine ganz andere Form.«

Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen erzählt von einer Suche, und ist zugleich eine Suche. Während die Protagonistin hofft, in Nicaragua ihre verschollene Freundin zu finden, will Nina Bußmann ihre „ganz andere Form“ finden. Eine stets selbstreferientielle und postmodern anmutende Form, in der nur die Perspektive der Figuren mit ihren verschiedensten Beziehungsarten zur verschollenen Leitfigur Auskunft darüber geben kann, was geschehen ist – oder doch eher, was alles nicht geschehen ist.

Ein geduldiges Buch mit einer geduldigen Erzählerin, das geduldige Leser verlangt.
Wie frei kann man sein? – und dann bist Du weg. Verschwunden, aufgelöst in Luft, einfach so. Würde jemand nach Dir suchen? Und wie würde man darüber schreiben?

Nina Bußmann: Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen. Roman. Suhrkamp 2017, 329 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Suhrkamp Verlag
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