Nur, was sich ohnehin nie erraten läßt, hält, was es verspricht. Das ist ein Spiel, das nie aufhört, dessen Ziel allein ist, einen Faden zu spinnen, der sich windet und wendet und wickelt, ohne je an ein Ende zu kommen. Ein kindermurmellautes Sprachspiel, lichte Bilder. Zwei Koboldkinder in Pastell spazieren durch eine Riesenwelt, zwar einst von den großen Leuten gemacht, doch hier spielen sie gerade mal keine Rolle. Vielmehr geben Wände und Flure, immer wieder hier und da mit kleinen Kritzeleien, Klecksen und Tapsern versehen, Raum für ein phantastisches Ratespiel, für träumerische Abenteuer.

Immer begleitet von ihrem Lieblingsspielzeugtier staunen sich die beiden mit aller Selbstverständlichkeit durch eine Welt, in der alles einzigartig ist und wie gleichzeitig da. Ihr roter Phantasiefaden führt sie durch Tag und Nacht, umwickelt das Sofa, von dem aber nur interessant ist, was sich alles darunter findet, zeigt Schränke, Fenster, Türen wie zum ersten Mal, kann auch ein Gartenschlauch sein, eine Wäscheleine, eine Drachenschnur, ein Faden, mit dem man Herzen ins große Daunenkissen sticken kann. Diese Träume sind hell und voller Zutrauen. Sie wandern ins Alltägliche und verwandeln es zur Bühne, auf der alles möglich ist: telephonierende Frösche, Pinguine und Schnecken auf Leitern, eine kleine dunkelnasse Wolke, mit dem Lasso gefangen, als Gießkannenersatz, beflügelte Zahnbürsten, warum nicht. Wer die Bilder betrachtet, an dem Spiel teilnimmt, wird bald nicht mehr so genau wissen, was er tatsächlich gesehen hat.

Das Spiel heißt Meins und Deins, seine Regeln orientieren sich an dem Paarreim von Peter Geißlers Gedicht: „Meins ist groß und Deins ist grün / Meins kann ich am Faden ziehn // Deins lässt sich nicht gerne finden / Meins kann ich zusammenbinden // Deins ist jeden Abend still / Meins kommt wieder, wenn ich’s will.“ In Zwischen den Zeilen gab es von Geißler den Zyklus mit Liedern „ich geh mir einen vogel fangen“: „wir kennen keine lieder mehr / wir sind in einem kleinen haus / und bleiben nicht mehr lange hier.“ Die Grenzen sind aufgehoben. Es ist gleich , wer Recht behält. Das Gleichgewicht ist eine Frage von Kühnheit und Schönheit. Es kommt nicht darauf an, ein Rätsel zu lösen. „Deins kann seinen Namen schreiben / Meins soll mein Geheimnis bleiben.“

Peter Geißler (Text) / Almud Kunert (Bilder): Meins und Deins. Hanser Verlag. 34 Seiten

Bild mit freundlicher Genehmigung von moritz320 / Pixabay
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