In Bottrop, da gibt es den Movie Park, das Disneyland des Reviers. Ein Vergnügungspark, in dem die Teenager an Wandertagen kurz vor den Ferien ihr Taschengeld für den »Bermuda Triangle – Alien Encounter« oder ähnliches rauswerfen. Und in Bottrop, da gibt es auch die Zeche Prosper Haniel. Hier verdienen kohlenstaubschwarze Kumpel ihr Geld mit harter Arbeit unter Tage. Die Achterbahn heißt hier Lore und der Freefalltower-Aufzug macht 18 Meter pro Sekunde. Noch. Denn 2018 ist Schicht im Schacht. Dann ist Schluss mit Subventionen, und die Steinkohlenförderung im Ruhrgebiet ist endgültig »bergfertig«. Die letzten Kumpel gehen in Frührente und schminken sich vor Langeweile mit Kohlenstaub die Gesichter schwarz. Da kann man schnell nochmal versuchen, was zu konservieren, von diesem Rest industriellen Arbeitertums.

Man stelle sich vor, man sitzt auf einer Parkbank und denkt an gestern und wie es damals so war, über 300 Seiten hinweg. In seinem Roman Marschmusik nimmt sich Martin Becker vor, die alten Geschichten zutage zu fördern. Hier gibt es keinen Drive, keine Twentysomething-first-world-Problems, keine dramatische Drogenkarriere. Hier gibt es die Milieustudie eines sich auf den letzten Metern seiner Agonie befindlichen, industriellen Lebensstils.

Ein Ich-Erzähler, dessen Familiengeschichte in vier Strängen nach und nach ans Licht gelangt, gräbt sich durch die Erinnerungsflöze seiner Heimat.

Den Rahmen dafür bietet ein Wochenende im alten Zuhause, in der öden Umgebung einer »ruhrpott«-Kleinstadt mit einer ausblutenden Einkaufsoase, in der zum Winterschlussverkauf schon lange kein »Polackenflachrennen« (Großer Andrang) mehr statt findet. Hier trifft er auf seine dadderiche (verwirrte) Mutter, einen betuckenden (nicht ganz ehrlichen) Alt-Kumpel und schließlich auf seine eigene Vergangenheit.

Konkret sieht das so aus: Vati Jupp verbrachte die Hälfte seiner Zeit unter Tage, während Mutti Barbara zu Hause für das Versandkaufhaus Otto Kleider umnäht. Immer nur Rabotti (Arbeit), keine großen Erwartungen. Irgendwann einmal wollen sie sich wie Könige für eine halbe Stunde im Fiaker durch Wien kutschieren lassen. So können Träume auch aussehen. Dazwischen ihr Sohn, der »Ullige«, mit der Posaune im Marschmusik-Orchester, der von den großen Philharmonien und tosendem Applaus träumt. Am Wochenende kocht Jupp den Sonntagsbraten, an Weihnachten gibt es »Erpelschluth« (Kartoffelsalat) mit Bockwürsten. Heute freut sich Mutti nur noch über die Nr. 5 zum Mitnehmen, frittierte Ente mit Pommes vom Chinesen. Am Ende kommen die großen Fragen: Woher kommt die Angst? Die Einsamkeit? Die Gier? Die Schuld? Woher kommt die Traurigkeit? Ja, woher kommt die Traurigkeit, dieses »Nölen«, mit dem hier alles beschrieben wird? Woran leidet dieses Ich da permanent, warum erinnert hier alles an Wladimir und Estragon? Passagenweise wiederholen sich Wort für Wort dieselben Dinge. In Warten auf Godot heißt es: »So ist die Zeit vergangen.« –  »Sie wäre sowieso vergangen.« – »Ja. Aber langsamer!«

So schleppend wie sich die Förderbänder der Zechen bewegen, so schleppend erzählt Marschmusik von den kleinen Leuten, vom einfachen Leben und von der Alltäglichkeit, die am Ende alle zermürbt. Bei Beckett gibt es schließlich auch keine Spannungsbögen. (Und ist Alltag nicht letztlich etwas, das man durchhält? Also weitermachen.) Noch ne Fluppe und n‘ Käffchen. Die Jahre ziehen vorbei, und irgendwann ist Schicht im Schacht und du kippst tot von der Parkbank. Na dann mal, Glück auf!

Martin Becker: Marschmusik. Roman. Luchterhand, 288 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Luchterhand
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