Man muss kein Soziologe sein, aber…

„Am 22. August 1965 wurden Brian und Bruce Reimer geboren. Acht Monate nach der Geburt müssen beide Kinder wegen einer Vorhautverengung beschnitten werden. Bei Bruce gibt es einen Unfall, sein Penis wird bei der Operation durch elektrischen Strom verbrannt.

Die verunsicherten Eltern treffen auf den Psychologen und Sexologen John Money. Er vertritt die These: Unser Geschlecht ist nicht angeboren, sondern anerzogen. Jedes männliche Neugeborene könne ebenso gut ein Mädchen werden. Ein noch nie dagewesenes Experiment beginnt. Bruce ist noch sehr jung, außerdem gibt es einen identischen Zwilling und somit eine „Kontrollgruppe“. Bruce kann somit immer in Differenz zu seinem Zwilling beobachtet und studiert werden. Perfekte Bedingungen. Am 3. Juli 1967 wird Bruce kastriert. „Ab jetzt heißt er Brenda.“, heißt es im Christlichen Magazin „PRO“, über das ich bei meiner Recherche stolpere.

GENDER STUDIES  ALS  BEDROHUNG?

Für Prof. Dr. Wolfgang Leisenberg, den ich in einer Dokumentation der AfD und der Jungen Alternative Niedersachsen namens „DER GENDER-PLAN“ entdecken musste, scheint das Experiment total gescheitert zu sein: „Schon als Kind riss sich der zum Mädchen „umgewandelte“ Bruce Reimer die Mädchenkleider vom Leibe. Als er mit 14 Jahren erfuhr, dass er eigentlich ein Junge war, machte er die Geschlechtsumwandlung sofort rückgängig und beging mit 38 Jahren schließlich Selbstmord.“

Leisenbergs Fazit: „Das Ergebnis der Gender-Erziehung sind traumatisierte Menschen, bindungsunfähig, sexabhängig und ohne Persönlichkeit.“ Und weiter: „Gender-Mainstreaming ist keine abgehobene Theorie für ein paar Intellektuelle. Sie betrifft unsere Kinder und Enkel, die Zukunft unseres Volkes und Europas.“

In der Dokumentation ist davon die Rede, dass mit dem „Gender-Mainstreaming“ (was eine instrumentalisierte Bezeichnung der AfD geworden ist) eine Indoktrination einer sogenannten Gender-Ideologie gefordert werde – und das von einer Minderheit, die ihre Sichtweise der gesamten Gesellschaft aufdrängen würde. Die Schlüsse der Dokumentation sind einfach zusammenzufassen: Ideologie statt Bildung. Sexualisierung statt Aufklärung. Eine Menschenverachtende Ideologie des Sozialismus. Eine sozialistische Revolution im Klassenzimmer, die die Menschen in selbstlose, ihrer Identität beraubte Wesen verwandeln würde. Also: Eine Bedrohung.

In einem Essay, den ich auf dem (christlichen) gemeindenetzwerk.de finde, wo ich auch dazu aufgerufen werde die Petition gegen die (sogenannte) Frühsexualisierung von Kindern an Grundschulen in Niedersachsen zu unterschreiben, führt Leisenberg weiter aus: „Noch ist sie nicht völlig umgesetzt. Aber mit jedem Jahr werden die Elternrechte weiter eingeschränkt und die Kinder mehr der Gender-Ideologie ausgeliefert. Wollen wir dem weiter tatenlos zuzusehen?“

GENDER STUDIES  ALS  POTENTIAL!

Nein, ich möchte dem nicht weiter zusehen. Zwar benutzt Prof. Dr. Wolfgang Leisenberg eine Argumentationskette, die sich auf Michel Foucault und Judith Butler bezieht (die er ganz nebenbei als „lesbische marxistische Feministin“ abtut) und sogar den Sozial-Konstruktivismus anbringt, deren Beweisführung letztendlich aber in eine völlig andere Richtung abdriftet, als ich zunächst vermuten würde. Dabei fängt der Essay so gut an:

„Man muss kein Soziologe sein um zu sehen, dass sich unsere Gesellschaft schleichend, aber sehr konsequent von den traditionellen christlich-bürgerlichen Werten verabschiedet.“ (Richtig, ist doch super!) „Heute gelten Verhaltensweisen, die vor 30 oder 40 Jahren völlig unakzeptabel oder sogar strafbar waren, als „normal“: „Wilde Ehen“, uneheliche Kinder, homosexuelle Partnerschaften oder das faktische „Recht“ auf Abtreibung.“ (Richtig, einige der größten Errungenschaften) „Jede dieser Neuerungen erscheint dem heutigen Menschen plausibel:“ (Sind sie ja auch!) „Ist es nicht meine Privatangelegenheit, mit wem ich wie zusammenlebe?“ (Genau!) „Brauche ich „den Schein“, der mich als verheiratet ausweist, um eine gute Partnerschaft zu leben?“ (Nicht unbedingt, Ehe ist eine christliche Institution, die historisch gewachsen ist, und den Anforderungen, Wünschen und Vorstellungen Einiger eben nicht mehr nachkommt.) „Warum sollten Homosexuelle nicht auch eine Ehe schließen?“ (Genau, wenn sie das wollten, um beispielsweise ebenfalls das ökonomische Privileg von Steuererleichterungen zu bekommen, das sonst nur heteronormativen Partnerschaften zusteht, warum eigentlich nicht?) „Gehört „mein Bauch“ nicht mir?“

Bis dahin, lieber Wolfgang Leisenberg und nicht weiter. Was dann folgt, und sein Fazit habe ich bereits vorweggenommen, ist eine Instrumentalisierung von Wissenschaftszweigen und Denkansätzen, um die Erweiterung der eigenen, konservativen (und damit ebenfalls historisch gewachsenen, ergo im Prinzip veränderbaren) Lebensrealität und -perspektive zu verhindern; oder, wie Wolfgang Leisenberg sagen würde: „Nicht zu gefährden!“.

GENDERSTUDIES  ALS  DEKONSTRUKTION!

Wer Gender Studies als unwissenschaftlich bezeichnet und den Gender-Wissenschaften vorwirft, sie würden die Biologie vernachlässigen, hat das 2016 erschienene Paper „Sexual Orientation, Controversy, and Science. Psychological Science in the Public Interest“ von Bailey et al. nicht gelesen (- da der Artikel von Leisenberg aber bereits 2014 erschienen ist, will ich ihm das verzeihen). Sexuelle Orientierung ist keine feste Kategorie, und sie lässt sich überhaupt nur innerhalb eines Kontinuums begreifen.

Idee und System einer Indoktrination, die in der Argumentation der AfD und der christlich-konservativen „Wissenschaft“ auftauchen, sind längst und schon lange Realität. Allerdings im umgekehrten Sinne, nämlich so, dass Menschen ihrem biologischen Geschlecht gemäß systematisch kategorisiert werden und ihnen indoktriniert wird, was es heißen würde eine „Frau“ beziehungsweise ein „Mann“ zu sein. Und was nicht passt, wird passend gemacht. So auch im Bruce/Brenda-Fall, der mahnend herangezogen wurde. Aber Bruce hat sich nicht selbst für seine geschlechtliche Identität entschieden, was den Fall viel komplexer macht, als es zunächst scheint. Und auch weitere Aspekte werden hier übersehen: Denn es geht hier auch um einen Operationsfehler, als Ausgangspunkt eines erstmaligen Experiments. Um die Geheimhaltung des selbigen durch die eigene Familie und die permanente Überwachung der individuellen Entwicklung der beiden Kinder durch psychologisch-medizinisches Personal. Was sie, denn die Zwillinge haben sich schließlich beide erschossen, ein Fakt, der hier ebenfalls unterschlagen wird, wirklich in den Selbstmord getrieben hat, bleibt ungewiss. Diesen Fall hier instrumentalisierend und quasi-abschreckend heranzuziehen, heißt auch ihn zu verkürzen und nicht ernst zu nehmen.

Vielleicht ist der Bruce/Brenda Fall einfach ein schlecht gewähltes Beispiel. Denn es gibt intergeschlechtliche Menschen, denen nach der Geburt eine geschlechtliche Identität innerhalb des binären, also zwei-geschlechtlichen Systems, eingeschrieben wird. Bis vor circa drei Jahren gab es kein Gesetz, dass sie vor medizinischer Willkür schützt, die immer auch von Einzelpersonen abhängt. Die Intersexuellen sind auch im biologischen Sinn keine „Männer“, und auch keine „Frauen“, für die es bisher keinen Platz in der Gesellschaft (oder zum Beispiel ganz konkret: keine „Kategorie“ im Personalausweis) gab.

GENDERSTUDIES  ALS  UTOPIE!

Und selbst wenn ich hier von biologisch Intersexuellen geredet habe, handelt es sich nicht um eine zu marginalisierende Gruppe von Menschen, sondern die Idee einer sexuellen Vielfalt, bei der es (letztendlich) um alle geht. Jenseits von Schwarz und Weiß, jenseits von kategorischen Extremhaltungen, und viel mehr innerhalb eines Kontinuums. Denn auch die heterosexuelle Zwangsmatrix ist historisch gewachsen, aber, weil sie ein Konstrukt ist, ist sie auch veränderbar. Und solange die Zwangsmatrix durch Medien, Politik und Wirtschaft weiter internalisiert wird, ist von Gender-Freiheit überhaupt nicht die Rede. So einfach ist es eben leider nicht. Sexuelle Vielfalt ist komplex und vielschichtig, aber keine Bedrohung. Die Gender Studies beschreiben eine historisch gewachsene Problemsituation, in der wir uns bereits (schon lange) befinden, und eröffnet mit dem veränderbaren, sozialen Geschlecht eine Perspektive, in der Autonomie, Selbst-Bewusstsein und Vielfalt überhaupt erst möglich sind und nicht andersrum.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Wikimedia Commons
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