Ein Mädchen schluchzt auf ihrem Bett, während sie mitansehen muss, wie ihr Vater ihren Bruder mit einem Strick, mit dem sonst Vieh angeleint wird, an den Bettpfosten fesselt. Erst an den Händen, dann an den Füßen – die Strafe dafür, dass der Bruder zuvor sie geschlagen hat. Als wolle man ihn vierteilen, so kommt es dem Mädchen vor. Uns kommt es vor, als handele es sich um den Auftakt eines Krimis, eines Thrillers von Larsson oder Mankell. Es ist jedoch der Alltag einer namenlosen Familie, den Luise Maier in ihrem Debütroman Dass wir uns haben schildert.

In detaillierten Episoden beschreibt sie die Verzweiflung eines Kindes, das nicht anders kann, als das häusliche Grauen auszuhalten. Die Armut ist groß, der Salat wird von der Kläranlage gegessen. Das Ungesagte entlädt sich bei den Männern mit Fäusten. Die Schwester weint oft. Der Bruder schwänzt oft. Der Mutter schlägt die Stimmung auf den Magen: Sie wird am Bauch operiert, bis sie keine Kinder mehr bekommen kann; es scheint, als gehe sie freiwillig ins Krankenhaus, um ihrem Mann zu entkommen.

Es geht um Hoffnungslosigkeit, Hassliebe zwischen Geschwistern, um den Wunsch nach Aufmerksamkeit, der sich hie und da erfüllt, um Krankheit und Verlust, Schreien und Schlagen. Aber in diese Schrecken hinein blitzen sie dann auf, die kleinen Lichtblicke, in denen es scheint, als könne alles auch anders sein: Wenn der Vater seine Tochter in den Arm nimmt, weil sie einen toten Frosch für seine Sammlung gefunden hat, oder wenn sie seine weichen Hände spürt, während er sie wäscht. Manchmal liegen die hellen Momente bloß in Ausweglosigkeit, die so ehrlich und trennscharf erzählt wird, dass sie ein eigenes Leuchten entwickelt. Nur selten webt sich in die schüchterne, statische Ich- Perspektive ein Gefühl. Eine eigene, geheime Wahrheit. Wenn doch, dann ist es meist Sehnsucht nach Nähe.

»Der Rücken hörte nicht auf zu zucken. Ich streichelte nur ganz vorsichtig, dort, wo ich am liebsten gestreichelt werde, wenn ich weine», versucht die Schwester ihren Bruder zu trösten. Die Familienmitglieder pendeln zwischen fehlender Privatsphäre und eigenem Raum, der durch Verlorenheit selbst produziert wird, innerlich, ganz ohne Wände.

Manchmal liegen die hellen Momente bloß in einer Ausweglosigkeit, die so ehrlich und trennscharf erzählt wird, dass sie ein eigenes Leuchten entwickelt.

Erzählt wird in einer sachlichen, bewusst emotionslosen Sprache. Kurze Sätze in kompakten, oft in sich geschlossenen Erzählabschnitten. Die Kapitel springen von Szene zu Szene. Statt eines klassischen Spannungsbogens kartographiert der Plot einen Zustand. Unverändert wie die Grundfesten des Familienheims lässt sich die Erfahrungswelt des Kindes besichtigen, gibt in keine Richtung nach, aber lässt einen dafür absteigen unter die Bodenluke, in die Erde, oder hoch auf den alten Dachboden, zeigt seine unterschiedlichen Extreme. Wertungsarm reihen sich Kindererinnerungen aneinander. Szenen mit Inzest oder Tierquälerei wechseln sich ab mit Beschreibungen von Schlittenfahrten und Abendessen. Der Versuch der Schwester, sich selbst zu verletzen und dadurch Aufmerksamkeit zu gewinnen. Den Gegebenheiten wird Schallraum gelassen, teilweise sehr viel davon. Jemand stirbt im Nachbarhaus. Es bleibt für den Rest des Buches leer.

Eine psychologische Entwicklung bietet die Geschichte kaum. Eher handelt es sich um eine Ansammlung von Miniaturen. So manche Seite ist nur zum Drittel beschrieben, als sei das Layout bewusst gewählt, damit der Leser das fehlende Psychogramm beisteuert. Das kann man so machen. Das Werk funktioniert für uns aber nur, wenn man sich auf diese Leerstellen einlassen möchte. Sonst bleibt am Ende nur eine Familiengeschichte aus Hauptsätzen – und die Frage, wie die Nebensätze, die Nuancen, lauten könnten.

Luise Maier: Dass wir uns haben. 152 Seiten

Bild mit freundlicher Genehmigung von Wallstein
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