Eine Erzählung mit toten Eltern zu beginnen, hat Tradition. Der Platz für die Heldenfigur ist geschaffen, für die große Geschichte, der Konflikt schon eingerichtet, und die/der Rezipierende sympathisiert aus Mitleid auch gleich mit dem Protagonisten. Harry Potter wird zum Erlöser, Bruce Wayne zu Batman, Meursault erkennt die Absurdität seiner Existenz, Knausgård auf der anderen Seite fängt an, sich selbst zu erzählen und klar, bei Hamlet, der gar kein Held sein will, führt der Tod des Vaters letztlich zum Tod sämtlicher Hauptfiguren.

Laura Wohnlich weckt also Erwartungen, wenn im ersten Satz von Sweet Rotation der Tod von Annas Mutter erzählt wird. Anna ist die Ich-Erzählerin in Wohnlichs Debüt, das neunzehnjährige, orientierungslose, durch Undiszipliniertheit und Sinnkrise arbeitsunfähige Mädchen, das schon den ganzen langen Weg der Wohlstandverwahrlosung gegangen ist, Essstörung, Bindungsangst, kaputte Familie, labile Psyche. Sie muss feststellen, dass mit der Mutter auch ihr gesicherter Lebensunterhalt wegfällt. Was tut man nun, wenn man jetzt nicht der Workaholic ist, naja, also überhaupt, lieber nicht arbeitet und trotzdem Miete zahlen muss? Prostitution, immer eine Möglichkeit, hat man sich selbst ja auch die ganze Zeit gesagt. Und so wird aus Anna Mira. Escortgirl, Kurtisane, Mätresse, Prostituierte oder irgendetwas dazwischen. Genau kann man das ja nie sagen.

Was anfangs noch als Milieustudie erscheint, verwässert in einem komplizierten Sumpf modischer Namen und Beziehungen, Vaterschaftstests und streunenden Katzen.

Böse Zungen behaupten nun natürlich, das habe alles Kalkül. Sex sells und das nicht erst seit Feuchtgebiete und Shades of Grey. Erwartet man jetzt aber eines dieser pseudoauthentischen Bekenntnisbücher von ehemaligen, meist minderjährigen Sexarbeiterinnen, die »schonungslos offen« und dabei nie so ganz ohne Selbstgefälligkeit von den Abgründen des Gewerbes erzählen, dann täuscht das. Auch wenn das Setting dafür wie geschaffen scheint und das Cover in ebendiese Richtung lenkt, geht doch der Roman in eine andere. Statt der autobiographischen Lebensbeichte, die möglichst vulgär den Voyeurismus des Durchschnittslesers befriedigt, bietet sich natürlich noch der ausgetretene Weg der Verklärung und Romantisierung an, siehe Pretty Woman und Moulin Rouge.

Konsequent steuert Wohnlich zwischen die Fronten und das ist auch das Problem. Ihre Anna-Mira bewegt sich durch keinen klischeebehafteten Raum, trifft keine dreidimensionalen Figuren, folgt keiner Reihe unerwarteter Szenen und dramatischer Überraschungen durch die trendige Halbwelt, um dann im untersten Kreis ihrer persönlichen Großstadthölle aus Sex, Gewalt und Drogen geläutert zu werden. Was anfangs noch als Milieustudie erscheint, verwässert in einem komplizierten Sumpf modischer Namen und Beziehungen, Vaterschaftstests und streunenden Katzen. Es werden Schablonen aufgefahren, standardisierte Erwartungen erfüllen sich, die Erzählung schleppt sich dahin, tappt, ohne selbst ganz genau zu wissen, wohin und zu welchem Zweck, von einem farblosen Bettgesellen zum nächsten, bis schließlich – oh Wunder, oh Staun! – ein junger, gutaussehender, im Bett zweifelsfrei talentierter Freier zum Helden wird, der Kunde zum begehrten Liebessubjekt im ach so kalten Dienstleistungsgewerbe. Wer jetzt errät, wer nun Anna klar macht, das Escortgeschäft nicht nötig zu haben – richtig!

Die Sprache pendelt irgendwo zwischen der gestelzten Unglaubwürdigkeit der Dialoge und dem zwanghaften Bemühen, keine Beobachtung ohne misslungene Pointierung verstreichen zu lassen. Weder ins Vulgäre abrutschend, noch in den vollkommenen Kitsch, immer auf der sicheren, langweiligen Seite. Es wird nur der halbe Weg gegangen, nie konsequent, nichts bis zum Ende, und auch der Tod der Mutter war im Nachhinein nur eine bequeme Möglichkeit, die Geschichte anzustoßen.

Laura Wohnlich: Sweet Rotation. 336 Seiten

Bild mit freundlicher Genehmigung von Piper Verlag
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