Wie faltet man einen Dinosaurier? Dass ein solches Unterfangen kompliziert und frustrierend sein kann, das merkt auch Annika, die Protagonistin in Kristina Pfisters Debütroman. Aber ob Triceratops, Velociraptor oder Plesiosaurus – wenigstens gibt es ausführlichste Anleitungen, wie sich ein simples Stück Papier in eine prähistorische Echse verwandeln lässt. Gäbe es so etwas bloß für das Leben Mitte zwanzig. Annika zieht von Stadt zu Stadt, lebt in anonymen Vorstadt-Wohnblocks und sammelt eine Praktikumsbescheinigung nach der anderen.

Woran es ihr mangelt, das führt sie sich täglich über die digitalen Lifestyle-Tableaus vor Augen. Alle anderen scheinen ein aufregendes Leben zu führen. Sie ändern regelmäßig ihren Beziehungsstatus auf Facebook, posten sinnstiftende Dalai-Lama-Zitate und ziehen in Weltmetropolen, wenn sie nicht gerade im Urlaub sind. Nur Annika scheint irgendwie vom Leben übergangen zu werden und von Zukunftsängsten geplagt zu sein.

Wir können es ihr nachfühlen. Ein Studium in Hildesheim ist schließlich auch kein Abenteuer, und dass ein abgeschlossenes Kulturwissenschaftsstudium, wie Annika es in der Tasche hat, die Dinge nicht zwangsläufig einfacher macht, das ahnen wir bereits. Auf die Frage, was kann man denn damit machen, haben wir uns die gleiche Antwort wie sie zurechtgelegt: „Alles und nichts.“ Was nach dem Abschluss kommt, wie man Lücken im Lebenslauf vermeidet, diese Fragen stellen wir uns auch.

Einfach machen, nicht nachdenken und sich treiben lassen, lautet die Devise von Annikas Nachbarin, die schnell von einer flüchtigen Bekannten zu ihrer besten Freundin avanciert. Marie-Louise hat nicht nur, wie alle aufregenden Menschen, einen Doppelnamen, sie ist auch sonst so ziemlich das Gegenteil von Annika. Sie kann perfekte Rauchringe paffen, war Gitarristin in einer Band, die „Vagina Panic“ hieß – und faltet selbstverständlich Urzeitechsen mit der gleichen schlafwandlerischen Leichtigkeit, mit der sie auch durchs Leben findet. Oder in Annikas Worten:

„In meinen Gedanken war sie eine Mischung aus Holly Golightly und Edie Sedgwick, ein It-Girl der alten Schule, sexy und ein bisschen verrucht und bestimmt auf schicke Art und Weise drogenabhängig und promiskuitiv.“

Mit Sätzen wie diesen hat Annika uns immer wieder überrascht. Fast hätten wir uns getäuscht in ihr. Fast wären wir ihrer scheinbaren Harmlosigkeit auf den Leim gegangen. (Sie spielt Blockflöte, hustet beim Rauchen und ist alles andere als trinkfest.) Aber Annika hat einen präzisen und pointierten Blick, ihre Sprache ist immer wieder durchdrungen von Selbstironie. Deshalb sind wir ihr auch bis zum Schluss gerne durch ihre Quarter-Life-Crisis gefolgt, ohne uns von der dunklen Wolke, die über ihr schwebt, unser Lesevergnügen eintrüben zu lassen.

Kristina Pfister: Die Kunst, einen Dinosaurier zu falten. Klett-Cotta 2017. 253 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Tropen Verlag
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