Da braut sich mächtig was zusammen – so das Cover von Kerstin Preiwuß‘ Romandebüt Nach Onkalo. Weit entfernt im Hintergrund türmen sich nämlich große Wolken auf. Vorne ein Wildschwein. Daneben angelt einer. Den lässt das wohl kalt. Also das Wildschwein sowieso. Aber auch das Unwetter, harmlos, das sieht er gleich. Vielleicht macht er das beruflich. Wetterbeobachter. Ha! Sicher ist das Hans Matuschek, Protagonist des vorliegenden Romans, der ist nämlich auch Wetterbeobachter. Los, weiter auf der Interpretationsfährte! Angeln – ja, das macht der auch ab und zu, aber als größtes Hobby wäre vermutlich seine Taubenzucht zu nennen. Wildschwein – keine Ahnung. Kommt nur einmal vor, unwichtig.

Viel Natur: Wiese, Wasser, Wald – Matuschek lebt irgendwo im letzten Kaff hinter Meck-Pom oder Brandenburg. Zusammen mit seiner Mutter. Die stirbt aber gleich zu Beginn. Das ist der eigentliche Aufhänger. Denn Matuschek kommt damit überhaupt nicht klar. Also emotional schon, jedoch nicht mit der Waschmaschine, der Gasrechnung und sonstigem Haushaltszeug. Das kann ja lustig werden. Jungfrau (40), männlich, sucht. Es wird aber vor allem eins: erbarmungslos eklig.

“Endlich spritzt es zäh und weiß ins Becken. Danach geht auch das Pissen wieder. Es kommt gelb und langsam aus ihm raus. Die Pisse spült das Sperma weg, bis nichts mehr zu sehen ist. Matuschek riecht nur noch den Urin.”

Kerstin Preiwuß: kompromisslos und konsequent. Nicht wie Charlotte Roche, die von einem Tabubruch zum nächsten wütet. Matuschek spricht und handelt in Nach Onkalo, ohne direkt bewertet zu werden. Dass man während des Lesens unangenehm oft aufstoßen muss, ist Anzeichen dafür, dass die Autorin ihr Handwerkszeug beherrscht. Gekonnt greift sie den Trend “Provinzroman” auf: Dorf im Hinterland, verschrobene Gestalten, idyllische Schönheit (siehe Cover) versus trostloser Verfall (siehe Matuschek). Parallel dazu entfaltet sich das Motiv eines möglicherweise bevorstehenden Weltuntergangs. Die einsame Dorfkulisse bietet den perfekten Raum für Projektionen dieser Art. Andeutungen, die ins Leere laufen, nicht nur auf dem Buchdeckel, zuhauf auch dahinter. Ominöse Postzustellungen des Nachbarn, manische Prepper-Vorbereitungen eines Freundes, ein abgerissenes Atomkraftwerk. Das kann zu Irritationen führen –

„Der Reaktor ist jetzt sowas wie ein Mülleimer. Der schluckt alles, auch das von früher, das von früher gleich mit. Der Schutt fällt, eine Wolke steigt auf und früher und später gibt es nicht mehr.“

– und verlangt Durchhaltevermögen. So ist man während der ersten Hälfte häufiger im Begriff, das Buch zur Seite zu legen, Matuschek in seiner Energielosigkeit, seiner bedauernswerten Abhängigkeit allein zu lassen. Dann aber möchte man ihn packen. Stimmt nicht, man möchte ihn rütteln, ihm sagen: Wach auf, hier gibt es nichts für dich, verschwinde! Und irgendwann erhört er sogar das Flehen der Leser, verlässt das Dorf und überlässt sein Haus den Kunstschaffenden aus Berlin. Nicht nur sein Leid endet, auch das Dorf überlebt, findet zu neuem Leben. Silberstreifen am Horizont. Zumindest zeigt Preiwuß: Irgendwie geht es immer weiter. Ein Ende ist nicht immer absolut. Und ließ sie ihn, Matuschek, zuvor ohne Rücksicht zu Boden gehen, so hilft sie ihm am Ende wieder auf, beinahe so, als tue er ihr plötzlich Leid in seiner Unmündigkeit. Verspielt sie damit ihre Konsequenz? Unentschieden, nicht zu beantworten, quer der Leseerwartung wie das Wildschwein auf dem Cover.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Aufbau Verlag
Total
4
Shares