Velasco Kein Teil der Welt
Stefanie de Velasco - Kein Teil der Welt

Kein Teil der Welt

Als ich das Buch zuklappte, war ich froh. Die jugendliche Esther auf ihrem Weg in die Welt zu begleiten, war nicht einfach. Denn wie der Titel des Buches bereits andeutet, ist Esther schon seit ihrer Geburt kein Teil der Welt, sondern lebt in der sogenannten Wahrheit der Zeugen Jehovas. In der „Welt“ hingegen leben nur „Welt-Menschen“, Menschen, die die Wahrheit nicht kennen, die nichts vom kommenden Harmagedon, nichts von dem Paradies wissen, welches in Zukunft auf der Erde herrschen wird. Stefanie de Velasco beschreibt in ihrem zweiten Roman „Kein Teil der Welt“, wie schwierig es ist, in der Parallelwelt der Zeugen Jehovas erwachsen zu werden.

Zur Wendezeit wächst Esther zusammen mit ihren Eltern auf einem Hof in Geisrath in Westdeutschland auf. Stets an ihrer Seite: Sulamith, Esthers beste Freundin und permanente Begleiterin. Dabei erzählt die Protagonistin nicht nur ihre eigene Geschichte, sondern auch (oder vor allem) die von Sulamith. Von Anfang an ist klar, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Sie scheint auch der Grund zu sein, warum Esther mit ihren Eltern in das fiktive Örtchen Peterswalde nach Ostdeutschland zieht, zurück in das Haus, in dem ihr Vater großgeworden ist. Dabei eröffnet der Roman über zwei Zeitebenen immer mehr, was geschehen ist.

Esthers Erzählung beginnt kurz nach dem Umzug, Anfang der neunziger Jahre. Sie ist mit ihren Eltern nach Peterswalde gezogen und scheint ihr Leben offenbar nicht mehr mit Sulamith zu teilen. Die zweite Zeitebene handelt von der Zeit vor Sulamiths Ausstieg aus der Glaubensgemeinschaft. Dass Sulamith eine Zweiflerin ist, zeichnet sich bereits in den kurzen Erinnerungspassagen aus ihren gemeinsamen Kindheitstagen ab, in denen z.B. Bibelzitate als Antwort für Tierversuche und -quälerei einfach nicht ausreichen. Doch trotzdem bleibt lange im Dunkeln, was tatsächlich mit Sulamith geschehen ist und ob sie wirklich aus der Glaubensgemeinschaft ausgetreten ist – nur eines steht fest: Sulamiths Geschichte findet kein positives Ende…

Sulamith ist im Gegensatz zu Esther nicht von Geburt an Zeugin Jehovas. Gemeinsam mit ihrer Mutter Lidia floh sie als Kind aus Rumänien nach Westdeutschland und lebte dort zunächst in einer Notunterkunft in der Nähe von Geisrath, wo ihnen die Brüder und Schwestern der Zeugen Jehovas regelmäßig Besuche abstatteten. Es dauert nicht lange, da haben Esthers Eltern Sulamith und Lidia eine Wohnung in der Nähe ihres Hofes organisiert. Kurz darauf gehen Sulamith und ihre Mutter auch regelmäßig zu den Zusammenkünften im Königreichssaal. Sie werden nicht nur zu einem festen Teil der Versammlung von Geisrath, sondern auch von Esthers Leben. Umso schwerer fällt es Esther später, sich an ihr neues Leben im fremden Peterswalde und ohne Sulamith zu gewöhnen.

Allgemein hat Esthers Erzählweise einen Hang zum Kitsch und zu Übertreibungen. Doch vielleicht sind all die überschwänglichen Beschreibungen und klischierten Bilder ihre Antwort auf die Strenge und Kälte in ihrem Elternhaus. Esthers Erzählstimme ist vielmehr eine vorsichtige, eine beobachtende als eine handelnde. Sulamith wirkt für sie wie ein Wunder. Deutlich wird das oft in Passagen, in denen Esther Sulamith bei ihren rebellischen Taten nur mit Unverständnis, aber auch mit leisem Staunen begegnen kann oder in Momenten, in den Sulamith kritische Fragen stellt, auf die die Bibel keine Antwort kennt.

Sie bewundert, ja glorifiziert, Sulamith auf fast beängstigende Weise. Ihre Beschreibungen Sulamiths sind meist liebevoll auf Details fokussiert, sodass bei mir mit der Zeit der Eindruck entstand, dass Esther in Sulamith verliebt ist, auch wenn sie selbst sich darüber vielleicht nicht bewusst ist. Esther ist generell eher introvertiert, macht viele Gedanken mit sich selbst aus und trägt diese kaum nach außen. Gegenüber Sulamith wirkt sie wie ein Ruhepol. Stets eifert sie ihrer besten Freundin nach, ohne selbst richtig zu wissen, wer sie eigentlich ist. Oft sind es die Stimmen der anderen und vor allem die Sulamiths, die wir von Esther zu hören bekommen, nicht ihre eigene.

Ihr Charakter scheint die Abwesenheit von Sulamith zu brauchen, um sich mehr über sich selbst klar zu werden. Denn Esther ordnet sich Sulamith eindeutig unter, wartet oft auf Impulse von ihr, ist immer eher Reagierende als Agierende. – Doch sie wird durch die zahlreichen Erinnerungen an Sulamiths Worte und Handlungen in der Gegenwart schlauer. Hat sie früher Sulamith nur zugehört, beginnt sie nun zu verstehen, was Sulamith eigentlich sagen wollte und zieht daraus Schlüsse für sich selbst, sodass auch ihr Glaube zunächst zaghaft und dann immer stärker zu bröckeln beginnt.

Es dauerte nicht lange, bis ich mich in die Welt der Versammlung der Zeugen in Geisrath und Peterswalde hineindenken konnte. Schnell werden Regeln und Grenzen des Glaubens deutlich. Der schmale Kreis der Zeugen, mit denen Esther einen großen Teil ihres Lebens verbringt, wirkt stets vertraut wie fremd. Neben Esthers Eltern, die letztendlich die Liebe zu Jehova über die Liebe zu ihrer Tochter stellen, wirkt auch der Glaube selbst stets befremdlich.

So wird in einer Szene besonders deutlich, wie sehr Sulamith und Esther trotz Zweifel doch an ihrem Glauben hängen: Als am Himmel von Geisrath plötzlich seltsame Lichter zu sehen sind, während gleichzeitig ein starkes Unwetter aufzieht, sind sie überzeugt, es handele sich um den langersehnten Gotteskrieg Harmagedon. Als die beiden im Königreichssaal eintreffen, machen sich dort bereits die anderen Zeugen bereit: Esthers Eltern haben sogar Taschen für Harmagedon gepackt, mit denen sie sich im Königreichssaal verbarrikadieren. Doch der vermeintliche Harmagedon stellt sich letztendlich als ein recht harmloses Erdbeben heraus – ein Irrtum, durch den Sulamith schließlich eine schwerwiegende Entscheidung treffen wird.

Stefanie De Velascos Roman ist zwar nicht sonderlich aufregend, doch schafft es De Velasco innerhalb weniger Seiten einen dreidimensionalen Eindruck der Welt der Zeugen Jehovas entstehen zu lassen. Zweifelsohne ergibt sich aus der Tatsache, dass De Velasco selbst bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr bei den Zeugen Jehovas war, eine ganz besondere Sensibilität dafür, den „Welt-Menschen“ einen Zugang zur Gemeinschaft der Zeugen Jehovas zu öffnen und deren Logiken transparent zu machen. Dabei ist es ein geschickter Ansatz, diese Logiken durch die Protagonistin mehr und mehr in Frage stellen zu lassen und so die Befremdung der Lesenden aufzufangen. Ein Buch, dass mitnimmt in eine fremde Welt mitten unter uns.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Kiepenheuer & Witsch
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