Juliana Kálnay: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens

Wir haben uns verliebt. In den schönsten Titel des Frühjahrs, den zartesten von allen: Eine kurze Chronik des allmählichen Verschwindens. Noch ehe wir den ersten Satz gelesen hatten – einen mäandernden Satz mit Mutter und Vater und vorbeihuschenden Schatten – war es um uns geschehen. Wir spürten: Das ist kein 08/15-Debüt. Kein Ich-erzähle-im-Präsens-Berlin-Roman. Hier wagte eine Autorin was. Und außerdem. Beschrieb der Titel vage auch uns. Unsere flüchtige Art, Seminare zu besuchen. Liebschaften zu beenden. Unsere Lebensart im Gesamten. Wir fingen, spätnachts, zu lesen an.

Tags darauf trafen wir uns. Übermüdet und leicht verkatert. Bei Tee und Kuchen. Wir saßen uns gegenüber, sprachen über die Chronik und fanden Dinge zu sagen. Manche teilten wir, andere nicht. Vor allem eines fanden wir auffällig. Und zwar, dass wir nicht genau wissen, wer spricht. Wer die geheimnisvolle Ich-Erzählerin ist. Weshalb und wohin die Figuren in Haus 29 verschwinden. Was die Kernhandlung ist. Wir wissen nur: Es gibt Haus 29. Es ist der wahre Protagonist des Romans. Rita und Maia und die Wills und Eli und Tom und die Gramo-Brüder und all die anderen Figuren, die kurze Auf- und Abtritte haben: Sie alle wohnen darin. Erleben dort seltsame Dinge. Verwandeln sich etwa in Bäume. Fressen sich durch Mauern. Nisten sich im Aufzug ein. Oder werden von den Räumen verschluckt.

Es gibt haufenweise Fragen, Antworten so gut wie keine. Vielleicht weil die Chronik in der Tradition des magischen Realismus steht. Bloß, dass der Realismus fehlt. Wenn man, sagen wir, Marquéz, Allende oder sogar Cortázar liest, folgt man einer Handlung. Vor allem auch lernt man die Figuren kennen. Die Sehnsüchte, die sie treiben. Die Wunden, an denen sie leiden. Ihre Vergangenheit. Die Figuren in Haus 29 dagegen bleiben Fremde. Schatten. Mitunter auch Geister: 4. Stock, links.

Trotzdem: Wir entliebten uns nicht. Oder nur ein klein wenig. Bei der dritten Tasse Tee nämlich sagten wir uns, dass die Chronik mit dem Begriff Roman unzutreffend beschrieben ist. Dass wir als Leser vielmehr in ein Kaleidoskop hineinblicken. Dass wir ein phantastisches Gebilde aus Wörtern betreten. Ein Gebilde, in dem die Logik aus Träumen regiert. In dem die Grenzen zwischen Figuren und Objekten keine Bedeutung besitzen. Durch das Sätze wie die folgenden flirren:

»Nicht viele tragen das Haus, in dem sie leben, wie eine Schnecke mit sich herum. […] Bei nicht vielen spannt die Haut mit dem Leiden der Wände, knarzen die Knochen mit den Treppenstufen, schmerzt der Rücken, wenn das Gemäuer altert. Ich spüre, wie sich die Räume zusammenziehen mit der Kälte und wie die Wände bei großer Hitze anschwellen wie meine Beine. Ich spüre, wie das Haus atmet.«

Passagen wie diese – und das Buch ist reich daran – lösen das Versprechen des Titels ein, mit dem Juliana Kálnay uns in ihre Welt gelockt hat. Eine schöne Welt, eine zarte. Teils auch eine unheimliche. Eine, die wir nie ganz zu greifen bekommen. So wenig wie die Gründe, aus denen wir uns verlieben. In Bücher, Menschen oder auch Häuser. Diese Ungreifbarkeit, finden wir und trinken den Tee aus, sie stört uns nicht.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Wagenbach Verlag
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