1000 Meter schwimmt Walter Nowak. 1000 Meter jeden Morgen. 1000 Meter noch vor dem Kaffee. 1000 Meter. Das sind 20 Bahnen. 20-mal hin und zurück. 20 Seiten lesen wir jeden Morgen. 20 Seiten von Julia Wolfs zweitem Roman Walter Nowak bleibt liegen.

Mit 20 Seiten am Tag kommt man gut durch, der Roman ist nicht sonderlich dick. 20 Seiten, gut um einzutauchen in diesen Text, der selbst an Wasser erinnert. Kein ruhiger Bachlauf, nein, vielmehr Regentropfen, die hektisch gegen eine Fensterscheibe trommeln. Ein Stakkato aus Satzfetzen. Ein Sprühnebel aus Erinnerungen und Gedanken. Ein verschwommenes Bild, Walter Nowak, Protagonist und Ich-Erzähler.

Mit jedem Tag, mit jeden 20 Seiten wird dieses Bild ein bisschen klarer und gleichzeitig wieder diffus. Wer ist Walter Nowak? Als wir das erste Mal den Titel lasen, haben wir uns gefragt, ob Walter Nowak eine reale Person ist. Oder gewesen ist. Google zeigte einen SS-Offizier Walter Nowak an und wir wurden nervös. Doch Julia Wolf geht es nicht um Historie. Ihr Walter Nowak ist einfach nur ein alter Mann. Ein Mann in zweiter Ehe. Ein Mann mit Ekel vor Haaren im Wasser und Angst vor Fledermäusen.

Er isst viel lieber Wildschwein als Graupenrisotto und fährt gerne Rasenmäher. Kein Superheld. Kein Superschurke. Irgendwo dazwischen aber insgesamt eher unsympathisch.

Wir fragen uns, was Julia Wolf dazu bringt, uns von ihm zu erzählen? Geschichten von alten Männern sind beliebt. Manche steigen hundertjährig aus Fenstern. Andere heißen Ove, bereiten sich aufs Sterben vor. Meist witziger oder verschrobener als Walter Nowak. Kein Authentizitätsverdacht. Starterliste: Walter Novak, 69. 20 Seiten weiterkraulen. Autorenbiografie: Julia Wolf, geboren 1980, keine 69. Keine Möglichkeit, auf selbst erlebt zu schließen.

Doch in ihrem Wörterregen erkennen wir das Bild von Walter Nowak. Stets diffus, aber stimmig. Wir glauben Julia Wolf, was sie zeichnet. Stück für Stück, Bahn für Bahn versuchen wir das Puzzle zusammen zu fügen. Dafür müssen wir kämpfen. Badekappe auf und los. 20 Seiten lesen wir am Tag, weil für mehr die Luft nicht reicht. 20 Seiten mit so viel Tempo, das wir Angst haben, waltergleich gegen den Beckenrand zu knallen, und dennoch manchmal zurückblättern müssen, weil wir das Gefühl haben, den flüssigen Übergang verpasst zu haben. Haben wir nicht. Es soll so. Eben kein Fluss, sondern prasselnder Regen.

Der Stil des Textes ist gewöhnungsbedürftig, denn jederzeit könnten neue Satzteile vom Beckenrand stürzen und den Redeschwall zerteilen. Literarisch „großartig gearbeitet“, „beeindruckende Zeitökonomie“ und in der „Tradition des inneren Sprechens“, so nannte das 2016 die Bachmannpreisjury. Wir nennen es große Kunst. Es ist ein idealer Text für Klagenfurt. Ideal für das gewonnene 3Satstipendium. „Fall eines Patriarchen“, „große Transformationsgeschichte“ und viele Interpretationen mehr, die wir auch mit Schwimmbrille nicht sehen. Ein Roman für die Profiliga, aber vermutlich eher nichts fürs Spaßbad oder das Nichtschwimmerbecken.

Bild mit freundlicher Genehmigung von FVA
Total
4
Shares