Lust auf eine Prise italienisches Lebensgefühl? Auf Chianti, Ferraris, Al Bano & Romina Power und alles, was sonst noch dazugehört? Oder doch lieber auf ein paar zünftige Impressionen aus dem Ländle? Auf dunkles Fachwerk, Saitenwürstle und Einhörner mit gebleckter Zunge? Ist beides zu haben, im selben Moment. Man muss nur Jessica Guaias Debütroman Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte aufschlagen. Darin begleiten wir die Ich-Erzählerin Jessica beim Erwachsen werden in Schwäbisch Gmünd. Und zwar vom Moment ihrer Tischdecken-Sturzgeburt im Lokal ihrer Eltern durch die Streuselkuchen-Teenage-Phase bis zum Ende ihrer Jugend in den Nuller Jahren, als die Trattoria die Türen schließt.

Die Trattoria »Zum Krug«, das ist nicht nicht nur das alltägliche Lebensumfeld Jessicas, nicht nur das bunte Schlachtfeld einer liebenswert-schrägen famiglia italiana. Es ist zugleich der verdichtete Mikrokosmos einer süddeutschen Kleinstadt in den späten 1980 und 1990er Jahren. Hier, bei Renzo und Tiziana, kommen sie alle zusammen: Hausfrauen, Ex-Prostituierte, Säufer, amerikanische Soldaten und die Nachbarn von nebenan. Es ist ein Feel-Good-Culture-Clash, den die Autorin mit viel Humor und Liebe zum Detail inszeniert. Teils auch mit kräftigen Kalauern:

Man lebt nur einmal, sagt Vater und lässt den Champagner knallen.
»Auf de neue Trattoria Zum Krug«, sagt er zu den Gästen.
»Trottleria?«, fragt ein Gast – was denn bitte das sein solle. 

Darüber hinaus ist Jessica aber auch eine Sammlerin. Sie sammelt Geschichten: ihre eigenen sowie die des Personals und der Gäste. Diese Geschichten erschöpfen sich nicht in Pointen. Sie handeln auch von Abgründen. Von enttäuschter Liebe und verlorenen Träumen, von Veränderung und Tod. Mit fortschreitendem Alter wird Jessicas Blick auf die Dinge melancholischer, und zum Ende hin wird klar, dass der Ort, an dem man geboren wurde, nicht nur Schutz und Geborgenheit bietet. Dass er auch zum Gefängnis werden kann, aus dem es schwer ist, auszubrechen. So stellt sich die Frage, was wichtiger ist: Die Familie oder die eigene Freiheit? Die Herkunft oder das, was man sein möchte?

Und dennoch: Jessica Guaia erzählt mit großer Leichtigkeit. Frisch im Geschmack, mit expressiven Aromen, charmant im Abgang. Wie ein guter Chianti. Und mit einer genre-untypischen Finesse: »Jessica«, schreibt Jessica Guaia gleich zu Beginn des Buchs, »die Hauptfigur aus dem Roman, und ich, die Autorin, teilen uns denselben Vornamen. Das ist wahr. Beide sind wir in Schwäbisch Gmünd geboren und in einer Gaststätte aufgewachsen. Das ist auch wahr. Wahr ist aber auch, dass nichts wahr ist. Einige Personen könnten sich wiedererkennen, so wie ich mich in Wonder Woman und Winnie Puuh erkannt habe. Es könnte uns so oder so ähnlich geben – oder eben auch nicht.«

 Wir lesen den Roman deshalb nicht wirklich anders. Allenfalls etwas erstaunter ob der einen oder anderen Szene (Stichwort: Tischdecken-Sturzgeburt). Nur die Sache mit dem Überleben im Titel: Da sind wir dann doch sehr erleichtert, dass es für die Protagonistin diese Wendung genommen hat.

Jessica Guaia: Wie ich in einer schwäbischen Trattoria aufwuchs und trotzdem überlebte. Penguin Verlag 2017. 240 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Penguin Verlag
Total
12
Shares