Ich atme

Wenn ich atme, denke ich an ihn.

Wie meine Eltern wohl auch die ganze Zeit, nein, ununterbrochen an ihn gedacht haben müssen. Mein Vater hatte damals vermutlich noch keine grauen Schläfen. Ich kenne ihn aus der Zeit nur von Bildern. Mit mehr Bauch, einem runderen Gesicht, ohne Falten, noch keine Brille. Sonst sieht er mich aus den Bildern an wie heute. Damals wird er aber nicht gelächelt haben. In meiner Vorstellung sitzt er immer zusammen mit einem Kirchenrat in seinem alten Büro auf dem Sessel oder dem Sofa oder woanders. Weil mir der Kirchenrat das mal so erzählt hat. Der muss damals schon graue Schläfen gehabt haben. Sie beteten gemeinsam. Ich stelle mir vor, beim Beten hatten sie auch Tränen in den Augen, weil der Kirchenrat welche hatte, als er mir davon erzählte.

Jetzt habe ich Tränen in den Augen, wenn ich daran denke. Wie mein Vater mit dem Kirchenrat unter Tränen für ihn betete. Der, an den ich denke, wenn ich atme. Für ihn, der dann mal, später, ich wurde.

Mit ihm hat meine Mutter das durchlebt, was keine Mutter durchleben kann, ohne zu altern. Sie muss sich auch verändert haben. Heute ist sie fröhlich und lacht viel und ist selbstsicher und souverän. Ich kann mir ihre Angst fast nicht vorstellen, in der sie das träumte, wovon sie mir erzählte. Von einem Grabstein mit meinem Namen drauf. Wenn sie eingeschlafen ist an seinem Bett. Auch ihre Kraft scheint unvorstellbar, die sie irgendwie auf ihn übertragen haben muss. Mit ihrer Hand auf seiner Hand oder seinem Kopf oder seiner Brust.

So stelle ich mir das jedenfalls vor.

Ich kenne auch ihn nur von Fotos. Mit Spielzeug. Ein Nilpferd in einem Boot. In der Badewanne konnte man es paddeln lassen. Ich erinnere mich, dass er, oder ich, es geschenkt bekommen hat. Oder ich meine, mich zu erinnern. Vielleicht erinnere ich mich nur an ein Foto. Ich erinnere mich nicht daran, dass es im Krankenhaus war. Ich erinnere mich nicht an die vielen Schläuche, die aus seiner Nase oder meinem Mund oder seinem Arm gekommen sind. Ich kenne nur die Erzählungen. Nur manchmal nachts glaube ich, mich an das Gerät zu erinnern, aus dem die Schläuche kamen. Beige und grau und blinkend.

Und dann ist da noch diese eine, diese erste Erinnerung meines Lebens. Sie sitzt, oder beginnt, tief in mir, in meinem Zwerchfell oder meiner Brust. Die Erinnerung, in der ich gelernt habe, zu atmen.

Und dann ist da noch diese eine, diese erste Erinnerung meines Lebens. Und tief in mir drin weiß ich, spüre ich ihren Anfang und sie ist eine Erinnerung an oder auch von ihm. Die eine Erinnerung sitzt, oder beginnt, tief in mir, in meinem Zwerchfell oder meiner Brust. Die Erinnerung, in der ich gelernt habe, zu atmen. Meine Rippen auszuweiten und ein Vakuum in meinem Körper zu erzeugen. Um Luft in die wenigen noch nicht zerstörten Lungenbläschen zu pressen, die zum Bersten voll sein müssen, trotzdem gerade genug Sauerstoff in ihnen zum Leben. Sauerstoff, den ich gelernt habe, in mir zu halten, nicht mehr herzugeben, aufzunehmen in meinen Blutkreislauf, getrieben von einem Herzen, das nie härter und nie mit mehr Willen pumpen wird, getrieben von einer Sehnsucht nach Leben.

Die Ärzte, so erzählte man es mir, haben gesagt, dass es keine Erklärung dafür gäbe, wieso das Kind noch lebe. Oder wieso es so krank geworden sei. Eigentlich bekomme es weniger Sauerstoff, als es brauche zum Leben. Eigentlich müsse es tot sein. Eigentlich wolle das Kind auch sterben.

Ich kenne den Kampf meiner Eltern gegen sein Sterben nur aus ihren Erzählungen. Ich weiß, dass meine Eltern ihn aus der Kinderklinik in Bayreuth befreit haben, weg von den Ärzten, die ihn sterben lassen wollten. Hin zu anderen Ärzten nach Erlangen, die mit großen Augen über seine, also meine Geschichte staunten. Nach Erlangen, wo ihm das Leben gerettet wurde. Wo man ihm die Möglichkeit gab, weiter zu atmen. Wohin sie alle kamen, um bei ihm, dem kleinen Mir zu sein, und ihn sahen, wie er, kaum noch mehr als ein Skelett, in dem Bett lag, mit all den Schläuchen im Arm und der Nase und dem Mund. Um zu sehen, wie er atmete, um mich zu retten, um mein Leben zu verlängern um einen weiteren Atemzug, der dann wieder der letzte sein könnte, in der Lunge, die er dann nochmal auseinanderzwingt, um noch einen Moment weiterzuexistieren.

Alles, damit er irgendwann zu mir werden konnte. Und ich atme für ihn weiter. Jeder Atemzug heute ist ein Echo von damals. Als wäre jeder Atemzug der eine nächste, der ihn nochmal vor dem Tod bewahrt hatte. Und heute atme ich noch mit dem Wissen, dass ich nur einen Atemzug anhängen muss, an die endlose Kette, die mich direkt verbindet, mit ihm, dem kleinen Ich. Mehr muss ich nicht schaffen. Nur einen Atemzug, nie einen ganzen Tag, oder eine Stunde, oder eine Minute. Ich muss nur stark genug für den nächsten Atemzug sein. Für ihn. Er war ja auch stark genug für mich.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Samir धर्म, PCP_CAP_CXR.JPG, CC BY-SA 3.0
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