Hildesheimer Hybris

(Man schreibt, indem man schreibt.)

Als ich das erste Exemplar meines Debütromans Hier bin ich in den Händen hielt, überkam mich das gleiche Gefühl wie ziemlich genau sechs Jahre zuvor. Damals wohnte ich noch bei meinen Eltern und hatte mir eine Zeitlang den Wecker so gestellt, dass ich den Boten täglich abfangen und unsere Post direkt entgegennehmen konnte. Noch am Gartenzaun stehend, schaute ich die Adressaten durch, immer waren Briefe für meinen Vater dabei, häufig für meine Mutter, und ein paar Mal befand sich sogar etwas für meine kleine Schwester in dem Stapel, den ich dann mit der Tageszeitung ins Haus trug. In meiner Erinnerung verbrachte ich den halben Sommer damit, auf den Bescheid über die Eignungsprüfung zu warten, die ich am Hildesheimer Literaturinstitut für den Studiengang „Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus“ abgelegt hatte. In Wirklichkeit waren es wohl nur ein oder zwei Wochen, doch als ich die Zulassung schließlich aus einem A4-Umschlag zog, fühlte ich mich wie nach einem langen, kräftezehrenden Weg: Endlich war ich angekommen.

Dass dieses Gefühl mehr Hybris war, als den Tatsachen zu entsprechen, wurde mir während meines ersten Semesters schnell klar. Natürlich bedeutet es etwas, unter vierhundert Mitbewerbern einen der zwanzig Plätze zu ergattern, die dieser Studiengang jährlich bereitstellt. Es bedeutet, dass man ein gewisses sprachliches Talent hat, dass man sich für den Studiengang eignet, wie es der Name der Prüfung ja schon sagt, es bedeutet nicht weniger, aber vor allem: Es bedeutet nicht mehr.

Das Hildesheimer Literaturinstitut bietet einem die wunderbare Möglichkeit, anhand unterschiedlichster Lernformen das eigene Schreiben zu entwickeln, man muss diese Möglichkeiten nur nutzen, und hier liegt das Problem. Mit der Zusage glaubte ich, bereits etwas erreicht zu haben, doch die Schreibaufgaben, die es für die Seminare anzufertigen gilt, die Kurzgeschichten und Gedichte, die in Anthologien veröffentlicht werden wollen, die Dramen und Romane, die man in diffusen Formen im Kopf hat, all diese Texte schreiben sich nicht von allein. Statt angekommen zu sein, geht es gerade erst los.

Kann ich überhaupt schreiben? Will ich überhaupt schreiben?

Ich erkannte das schmerzhaft, als ich eine lässig aufs Papier gebrachte Erzählung über eine Party aus der Schulzeit in ein Seminar gab. Von der Wahl der Perspektive über die Darstellung der Figuren bis hin zu umständlichen und überflüssigen Formulierungen wurden mir zahlreiche handwerkliche Schwächen aufgezeigt. Ich vermute, dass sämtliche Schreibstudierenden in Hildesheim besonders am Anfang einmal an diesen Punkt geraten, wo ein eigener Text auseinandergenommen wird und sie daraufhin alles in Frage stellen. Bin ich hier vielleicht doch nicht richtig? Kann ich überhaupt schreiben? Will ich überhaupt schreiben? Lässt sich Schreiben tatsächlich an einer Universität lernen? An diesem Punkt liegt die Versuchung nahe, sich dem System Schreibschule zu versperren. Mithilfe der noch anhaltenden Hybris, die durch den positiven Eignungsbescheid ausgelöst wurde, kann man das Studium leicht im Autoren-Darsteller-Modus fortsetzen: Man kann so tun, als sei mein schon Autor und dabei in einen Schutzmantel aus Arroganz kriechen und jegliche Kritik an sich abperlen lassen. Man kann genauso gut abbrechen. Oder man fängt an, die sich bietenden Möglichkeiten zu nutzen und das eigene Schreiben zu verbessern, ganz im Sinne des kürzlich mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichneten Schriftstellers Rainald Goetz: Don’t cry, work!

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