Wer das liest, wird an der Herzradikalwurzel gepackt, bis sein Innerstes herausscheppert. Als hätte man es immer schon geahnt, dass sich so lesen und anhören würde, was den Liebesmuskel bewegt. Nie ganz rund, ein rumpeliges basso continuo, das, auf seine Mechanik reduziert, auch nur schlicht atemlos wirken kann. „Ich liebe es nicht, wenn das Lieben so schwer ist, sagt Jane.“ Sagt sie zu Mike und zu uns, die wir mit Birgit Kempkers Mike und Jane neunundneunzigmal in exemplarischen Kapriolen vorgeführt bekommen, wie die Sprachfragmente der Liebenden unfreiwillig zueinander finden, gerade weil sie nicht zusammen passen, weil Mike und Jane sich absichtsvoll und selbstgenügsam, voller Hingabe und komischer Selbstverzweiflung missverstehen.

Wo heute noch zwei unter einem Baum liegen, ohne Adam und Eva zu sein, werden sie reden müssen, ohne Unterlaß. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, neunundneunzigmal müssen die Probanden Mike und Jane vorturnen. „Mike liegt unter dem Baum. Jane liebt Mike. Sie liegt daneben.“ Für eine nahezu unendliche Zahl von Komplikationen ist das vermutlich die kürzestmögliche Versuchsanordnung. Schlicht und gemein: daß Jane daneben liegt, soll die Voraussetzung sein für alles, was da in den neunundneunzig kurzen Kapitelchen kommt. Sie liegt und macht und redet, kneift und kreischt und läßt lustvoll geschehen, wie Mike respondiert und reagiert. Und umgekehrt.

Denn Jane liegt daneben. Das heißt eben auch, daß sie nie den Ton trifft, nie richtig und nie wirklich versteht, was gemeint gewesen sein könnte. Statt Mutmaßungen anzustellen, stürzt sie drauf los, auf alles, was sich falsch anhört, was durch bloßes Verhören oder Verlesen eine neue Nebenbedeutung absondert. Birgit Kempker beherrscht das merkwürdige Paradox einer ebenso notorischen wie disziplinierten Eskalationsprosa, einer Lebens- und Liebesprosa. Die Dialoge zwischen Mike und Jane können gar nicht bizarr genug sein, um nicht gerade dadurch ganz genau den Rhythmus der Sprache von Liebenden abzubilden.

„An was denkst du, fragt Jane. An dich, sagt Mike. Jane weint. Warum weinst du, fragt Mike. Man denkt nur an das, was nicht da ist, sagt Jane. An was denkst du, fragt Mike. An die Liebe, sagt Jane. Aus Rache, fragt Mike. Aus Liebe, sagt Jane.“

Wer kennt diese Dialoge nicht, die nervös-gereizte Zwiesprache von Paaren, ein Würfelwurf als Schwerkraftzentrum ihres allzu wortgetreuen Zusammenhalts. Narrenphrasen kreisen umeinander und ihre Wahrheit entspringt der ebenso steten wie alternativlosen Wiederholung solcher Szenen, selbst wenn sie, was ja häufig geschieht und unbedingt dazugehört, plötzlich eine andere Richtung einschlagen. Zärtliches Geraune verwandelt sich unvermittelt in öbszöne Verwünschungen, kalter Zorn erscheint mit einem Mal von bloßem Missverstehen ausgehöhlt.

Um alle nur erdenklichen und dann noch die unwahrscheinlichsten Varianten dieses Sprachspiels in höchster Verdichtung auszufächern, hat sich Birgit Kempker natürlich auch durch alle Alltags- und Weltliteraturtexte geplündert. „Ein Murmeln hebt an“, heißt es in Kempkers Übung im Ertrinken, einem Buch und Hörstück von 1999, „Siehe: Die Altvorderen lassen sich nicht lumpen. Sie winken mit grossen und kleinen Tüchern, aus denen Sätze fallen.“ Ihre Texte und Wortmuster choreographiert Birgit Kempker zu den Stimmenstrudeln einer vergnüglichen, haarsträubenden und akrobatischen Prosa. Eine zugleich zarte und an ihrer überholten Erfahrung zerberstende Kinderlogik mischt ein frei flottierendes Feld der Bedeutungen ganz neu.

Viele Tränen fließen zwischen Mike und Jane. Unbarmherzig und verführerisch wird geschrien und gefragt, fortgegangen, gestreichelt und gevögelt, so genau und blödsinnig und herzergreifend, dass Kempkers Buch zum nachspielen und fortschreiben einlädt. Das schnöde Ersatzteillager unseres Liebesvokabulars bekommt hier einen nahezu tanzbaren Rhythmus. Nicht zuletzt den einer Geschichte, die Birgit Kempker auch erzählt von Mike und Jane, von einem lustvollen Röschenkrieg. Auf fast jeder der 99 Seiten wird gestorben, gequält und geschlagen.

Das ist vermutlich Realismus, doch den liefert Kempkers extrem kleinteilige Ästhetik, die alles gibt für einen schönen Satz, den Rhythmus oder einen guten Witz, geradezu zwangsläufig: „Jetzt gibt’s einen Neujahrswitz, sagt Mike, asiatisch: Guten Lutsch! Jane stirbt vor Bewunderung. Mike vor Stolz.“ Hitzig und sinnlos führen sie eigentlich Selbstgespräche, sandkastenreif und unendlich. Die Liebeslegastheniker Mike und Jane führen ihr dauerndes Entsetzen vor, nicht der jeweils andere zu sein. Darüber kann man, wenn man liebt, nicht aufhören zu reden. Zu lesen.

 

Birgit Kempker: Mike und Jane. Droschl. 99 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Droschl Verlag
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