Die Fragen, die mir kommen, bei der Lektüre von Steffen Popps 118, muss ich mir erst mal selbst beantworten. Und dafür muss ich lernen, frei zu reden. Freestyle ohne Speicherbegrenzung. Alle Elemente, die der Sprache zur Verfügung stehen, können vorkommen. Das können auch Geräusche sein. Etwas, das vor oder jenseits von Bedeutungskonventionen liegt. Man kann das archaisch nennen, weil wir in der Regel vermuten, individuell- oder evolutionsbiographisch oder für die Zeitspanne des Anthropozäns, dass, was sich dem Diskursgebot der Verständlichkeit entzieht, von heute aus älter, also eigentlich jünger sein müsste. „I was so much older then, I’m younger than that now“, sagt der Nobelpreisträger, den wir nicht verstehen.

Man kann Texte, die zu Gedichten werden, im Halbschlaf improvisieren. Im vielstöckigen Gebäude des Bewusstseins gilt es dann, hinunter zu kommen, mindestens einzwei Etagen. Im Liegen, sitzend, lehnend, still oder in Bewegung, zerfusselnd. Wichtig ist nur die Intensität des Absackens, mit der es dann ans Herz geht, in „das zerstörte Herz des Häuptlings“. Da passt alles hinein. Davon kann man leben und zehren. Nicht nur allein. Denn auch andere haben daran Anteil und schwimmen durch den Herzpool ihrem Schicksal entgegen.

Derweil schreibt der Dichter mit, was diesem Herz passiert. Schmeißt weg, was überflüssig ist, was überschwappt und sich nicht mehr halten lässt, verdichtet erst und bläht die Mitschrift dann wieder auf zu einem Text, der in Druck gehen kann, der eine Druckgestalt erhält, die dann wieder verflüssigt werden kann, gesprochen und vielleicht sogar auch wieder improvisiert. Alles findet jetzt auf einer ganz neuen Etage statt.

Da sind Kräfte am Wirken, kein Sprechen. Es dampft, ohne dass jemand zu sagen wüsste woher. Meine Fragen kann ich nicht mehr finden. Was mich trägt, überall, sind die Reime, die inwendigen Reime, wie Eingeweide, die dampfen in einem Raum, den es nicht gibt. Ein prosodisches Sprechen mit ein wenig Ironie, leicht zu brechen.

Ein Selbsterzeugungsmechanismus für Ideen, die neben all der Recherche, der Durchdringung eben auch aufs Lauschen gründen. Das ist der Raum, der sich hier öffnet. Der Sound öffnet den Sinn. Der Sound im, aber dann auch vor und hinter dem Schema, das für viele, für die meisten Wörter konventionalisiert ist. Ein Sound der Praxis des Sprechens und Hörens, der nicht allein lexikalisch orientiert ist und Referenzen aufbaut, sondern auch Identität aufbaut, die, selbst ohne dass man sprechen muss, funktioniert. Weil dieser Sound ein spezifisches Gewicht hat, das Textkerne anlockt, Satzstrukturen, auch agrammatische Strukturen. Ein schöneres, ein elementares Sprechen.

Steffen Popp: 118. Gedichte. kookbooks, 144 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Andreas Töpfer
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