„Sie erzählt von einem belanglosen Roman, den sie gerade schreibt, in dem es viel um Sex und Drogen geht. Die Hauptfigur ist ein Versager, der von einer Krise in die nächste rennt. Klingt nach einer dieser Trash-Pop-Storys, von denen es genug gibt, aber ich bekunde: Toll, würde ich kaufen!“

Patricia Hempel gibt sich reflektiert und fasst ihr Debüt im Roman selbst zusammen. Kennt man ja, könnte man jetzt sagen. In Hildesheim Schreiben studieren und dann einen stark autobiografischen Roman über das studentische Vegetieren in deutschen Großstädten schreiben, in dem es um nichts anderes geht, als den verzweifelten Versuch eine innere Leere und Perspektivlosigkeit mit einem Maximum an Drogen und zwischenmenschlichen Beziehungen zu füllen.

Die handlungsarme Banalität wird dann mit Eloquenz und Zynismus garniert, mit scharfsinnigen Beobachtungen versehen und mit einem Haufen altkluger Herablassung gegen die Gewöhnlichkeit der dummen Mitmenschen, die Kaputtheit der Welt und die Verzweiflung, in einer Gesellschaft leben zu müssen, der es an nichts mangelt, außer einem Grund. Das alles ist Zeitgeist, könnte man jetzt sagen, noch ein überflüssiger Roman über die Verbitterung an einer satten, langweiligen Welt. Man könnte das alles bescheuert finden und abgeschmackt und hohl, schon zigfach dagewesen, da hilft auch die ironische Selbstreferenz nichts – tut man aber nicht, weil es aus irgendeinem Grund hier einmal richtig gut funktioniert.

Auch Hempels namenlose Ich-Erzählerin watet durch den Sumpf des Berliner Nacht- und Studentenlebens, unglücklich verliebt, leidet sie an ihrem Umfeld, weiß über alles und jeden Bescheid und findet auch immer die richtigen Worte für ihre Ablehnung. Ein paar Tage vor und nach Weihnachten, Party, WG, Uni, ein Blick hierin, ein Blick dorthin, sie beschreibt, was sie sieht, reflektiert, kommentiert, dann wandert der Blick weiter. Was auch immer ins Blickfeld tritt, es wird sich selbst überlassen. Eine Lösung gibt es nicht.

Als moderne Minneklage ist Metrofolklore aber kein Stück glatte Schreibschulprosa, die ständig an der jungen, deutschen Literatur beklagt wird, tatsächlich wird hier alles verklappt, was einem creative-writing-Kurse einzutrichtern versuchen. Es gibt keine Dramaturgie, keinen Spannungsbogen, keine kausale Notwendigkeit, überhaupt kaum Handlung, mehr tell als show, wenig Entwicklung, Figuren, die auftauchen und untergehen, ohne eine Rolle gespielt zu haben, und trotzdem oder gerade deshalb erzeugt der Roman das bessere Bild eines Milieus, als es eine zwanghaft über den Inhalt gestülpte Erzählstruktur überhaupt könnte.

Es handelt sich bei dem Roman viel mehr um einen emotionalen Lagebericht. Die Abwesenheit jeder bemühten Konstruktion macht die Sache nur glaubwürdig: das ist das Leben der Erzählerin, das ist ihr Versuch sich darin einzurichten und zurechtzufinden, das ist die Leere, das die Verzweiflung, und das ist die Perspektive, die dieses Leben schafft. Da will niemand die Geschichte in einen Rahmen pressen, in den sie nicht passt. Metrofolklore ist eine Momentaufnahme, der Versuch, den Schmerz sichtbar zu machen, ohne ihn auszuerzählen.

 

Patricia Hempel: Metrofolklore. Roman. Klett-Cotta. 207 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Klett-Cotta