Pfeil und Bogen http://pfeil-undbogen.de Literarische Revue Mon, 24 Apr 2017 08:00:41 +0000 de-DE hourly 1 https://i0.wp.com/pfeil-undbogen.de/wp-content/uploads/2016/12/cropped-screenshot.png?fit=32%2C32 Pfeil und Bogen http://pfeil-undbogen.de 32 32 Herzradikalwurzel. Die Beute: zwölftes Stück http://pfeil-undbogen.de/herzradikalwurzel-die-beute-zwoelftes-stueck/ Mon, 24 Apr 2017 08:00:41 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455468
Unbarmherzig und verführerisch wird geschrien und gefragt, fortgegangen, gestreichelt und gevögelt, so genau und blödsinnig und herzergreifend.

Herzradikalwurzel. Die Beute: zwölftes Stück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Wer das liest, wird an der Herzradikalwurzel gepackt, bis sein Innerstes herausscheppert. Als hätte man es immer schon geahnt, dass sich so lesen und anhören würde, was den Liebesmuskel bewegt. Nie ganz rund, ein rumpeliges basso continuo, das, auf seine Mechanik reduziert, auch nur schlicht atemlos wirken kann. „Ich liebe es nicht, wenn das Lieben so schwer ist, sagt Jane.“ Sagt sie zu Mike und zu uns, die wir mit Birgit Kempkers Mike und Jane neunundneunzigmal in exemplarischen Kapriolen vorgeführt bekommen, wie die Sprachfragmente der Liebenden unfreiwillig zueinander finden, gerade weil sie nicht zusammen passen, weil Mike und Jane sich absichtsvoll und selbstgenügsam, voller Hingabe und komischer Selbstverzweiflung missverstehen.

Wo heute noch zwei unter einem Baum liegen, ohne Adam und Eva zu sein, werden sie reden müssen, ohne Unterlaß. Ihnen bleibt nichts anderes übrig, neunundneunzigmal müssen die Probanden Mike und Jane vorturnen. „Mike liegt unter dem Baum. Jane liebt Mike. Sie liegt daneben.“ Für eine nahezu unendliche Zahl von Komplikationen ist das vermutlich die kürzestmögliche Versuchsanordnung. Schlicht und gemein: daß Jane daneben liegt, soll die Voraussetzung sein für alles, was da in den neunundneunzig kurzen Kapitelchen kommt. Sie liegt und macht und redet, kneift und kreischt und läßt lustvoll geschehen, wie Mike respondiert und reagiert. Und umgekehrt.

Denn Jane liegt daneben. Das heißt eben auch, daß sie nie den Ton trifft, nie richtig und nie wirklich versteht, was gemeint gewesen sein könnte. Statt Mutmaßungen anzustellen, stürzt sie drauf los, auf alles, was sich falsch anhört, was durch bloßes Verhören oder Verlesen eine neue Nebenbedeutung absondert. Birgit Kempker beherrscht das merkwürdige Paradox einer ebenso notorischen wie disziplinierten Eskalationsprosa, einer Lebens- und Liebesprosa. Die Dialoge zwischen Mike und Jane können gar nicht bizarr genug sein, um nicht gerade dadurch ganz genau den Rhythmus der Sprache von Liebenden abzubilden.

„An was denkst du, fragt Jane. An dich, sagt Mike. Jane weint. Warum weinst du, fragt Mike. Man denkt nur an das, was nicht da ist, sagt Jane. An was denkst du, fragt Mike. An die Liebe, sagt Jane. Aus Rache, fragt Mike. Aus Liebe, sagt Jane.“

Wer kennt diese Dialoge nicht, die nervös-gereizte Zwiesprache von Paaren, ein Würfelwurf als Schwerkraftzentrum ihres allzu wortgetreuen Zusammenhalts. Narrenphrasen kreisen umeinander und ihre Wahrheit entspringt der ebenso steten wie alternativlosen Wiederholung solcher Szenen, selbst wenn sie, was ja häufig geschieht und unbedingt dazugehört, plötzlich eine andere Richtung einschlagen. Zärtliches Geraune verwandelt sich unvermittelt in öbszöne Verwünschungen, kalter Zorn erscheint mit einem Mal von bloßem Missverstehen ausgehöhlt.

Um alle nur erdenklichen und dann noch die unwahrscheinlichsten Varianten dieses Sprachspiels in höchster Verdichtung auszufächern, hat sich Birgit Kempker natürlich auch durch alle Alltags- und Weltliteraturtexte geplündert. „Ein Murmeln hebt an“, heißt es in Kempkers Übung im Ertrinken, einem Buch und Hörstück von 1999, „Siehe: Die Altvorderen lassen sich nicht lumpen. Sie winken mit grossen und kleinen Tüchern, aus denen Sätze fallen.“ Ihre Texte und Wortmuster choreographiert Birgit Kempker zu den Stimmenstrudeln einer vergnüglichen, haarsträubenden und akrobatischen Prosa. Eine zugleich zarte und an ihrer überholten Erfahrung zerberstende Kinderlogik mischt ein frei flottierendes Feld der Bedeutungen ganz neu.

Viele Tränen fließen zwischen Mike und Jane. Unbarmherzig und verführerisch wird geschrien und gefragt, fortgegangen, gestreichelt und gevögelt, so genau und blödsinnig und herzergreifend, dass Kempkers Buch zum nachspielen und fortschreiben einlädt. Das schnöde Ersatzteillager unseres Liebesvokabulars bekommt hier einen nahezu tanzbaren Rhythmus. Nicht zuletzt den einer Geschichte, die Birgit Kempker auch erzählt von Mike und Jane, von einem lustvollen Röschenkrieg. Auf fast jeder der 99 Seiten wird gestorben, gequält und geschlagen.

Das ist vermutlich Realismus, doch den liefert Kempkers extrem kleinteilige Ästhetik, die alles gibt für einen schönen Satz, den Rhythmus oder einen guten Witz, geradezu zwangsläufig: „Jetzt gibt’s einen Neujahrswitz, sagt Mike, asiatisch: Guten Lutsch! Jane stirbt vor Bewunderung. Mike vor Stolz.“ Hitzig und sinnlos führen sie eigentlich Selbstgespräche, sandkastenreif und unendlich. Die Liebeslegastheniker Mike und Jane führen ihr dauerndes Entsetzen vor, nicht der jeweils andere zu sein. Darüber kann man, wenn man liebt, nicht aufhören zu reden. Zu lesen.

 

Birgit Kempker: Mike und Jane. Droschl. 99 Seiten.

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Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo http://pfeil-undbogen.de/kerstin-preiwuss-nach-onkalo/ Sun, 23 Apr 2017 09:00:42 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987453987
“Endlich spritzt es zäh und weiß ins Becken. Danach geht auch das Pissen wieder. Es kommt gelb und langsam aus ihm raus. Die Pisse spült das Sperma weg, bis nichts mehr zu sehen ist. Matuschek riecht nur noch den Urin.”

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Da braut sich mächtig was zusammen – so das Cover von Kerstin Preiwuß‘ Romandebüt Nach Onkalo. Weit entfernt im Hintergrund türmen sich nämlich große Wolken auf. Vorne ein Wildschwein. Daneben angelt einer. Den lässt das wohl kalt. Also das Wildschwein sowieso. Aber auch das Unwetter, harmlos, das sieht er gleich. Vielleicht macht er das beruflich. Wetterbeobachter. Ha! Sicher ist das Hans Matuschek, Protagonist des vorliegenden Romans, der ist nämlich auch Wetterbeobachter. Los, weiter auf der Interpretationsfährte! Angeln – ja, das macht der auch ab und zu, aber als größtes Hobby wäre vermutlich seine Taubenzucht zu nennen. Wildschwein – keine Ahnung. Kommt nur einmal vor, unwichtig.

Viel Natur: Wiese, Wasser, Wald – Matuschek lebt irgendwo im letzten Kaff hinter Meck-Pom oder Brandenburg. Zusammen mit seiner Mutter. Die stirbt aber gleich zu Beginn. Das ist der eigentliche Aufhänger. Denn Matuschek kommt damit überhaupt nicht klar. Also emotional schon, jedoch nicht mit der Waschmaschine, der Gasrechnung und sonstigem Haushaltszeug. Das kann ja lustig werden. Jungfrau (40), männlich, sucht. Es wird aber vor allem eins: erbarmungslos eklig.

“Endlich spritzt es zäh und weiß ins Becken. Danach geht auch das Pissen wieder. Es kommt gelb und langsam aus ihm raus. Die Pisse spült das Sperma weg, bis nichts mehr zu sehen ist. Matuschek riecht nur noch den Urin.”

Kerstin Preiwuß: kompromisslos und konsequent. Nicht wie Charlotte Roche, die von einem Tabubruch zum nächsten wütet. Matuschek spricht und handelt in Nach Onkalo, ohne direkt bewertet zu werden. Dass man während des Lesens unangenehm oft aufstoßen muss, ist Anzeichen dafür, dass die Autorin ihr Handwerkszeug beherrscht. Gekonnt greift sie den Trend “Provinzroman” auf: Dorf im Hinterland, verschrobene Gestalten, idyllische Schönheit (siehe Cover) versus trostloser Verfall (siehe Matuschek). Parallel dazu entfaltet sich das Motiv eines möglicherweise bevorstehenden Weltuntergangs. Die einsame Dorfkulisse bietet den perfekten Raum für Projektionen dieser Art. Andeutungen, die ins Leere laufen, nicht nur auf dem Buchdeckel, zuhauf auch dahinter. Ominöse Postzustellungen des Nachbarn, manische Prepper-Vorbereitungen eines Freundes, ein abgerissenes Atomkraftwerk. Das kann zu Irritationen führen –

„Der Reaktor ist jetzt sowas wie ein Mülleimer. Der schluckt alles, auch das von früher, das von früher gleich mit. Der Schutt fällt, eine Wolke steigt auf und früher und später gibt es nicht mehr.“

– und verlangt Durchhaltevermögen. So ist man während der ersten Hälfte häufiger im Begriff, das Buch zur Seite zu legen, Matuschek in seiner Energielosigkeit, seiner bedauernswerten Abhängigkeit allein zu lassen. Dann aber möchte man ihn packen. Stimmt nicht, man möchte ihn rütteln, ihm sagen: Wach auf, hier gibt es nichts für dich, verschwinde! Und irgendwann erhört er sogar das Flehen der Leser, verlässt das Dorf und überlässt sein Haus den Kunstschaffenden aus Berlin. Nicht nur sein Leid endet, auch das Dorf überlebt, findet zu neuem Leben. Silberstreifen am Horizont. Zumindest zeigt Preiwuß: Irgendwie geht es immer weiter. Ein Ende ist nicht immer absolut. Und ließ sie ihn, Matuschek, zuvor ohne Rücksicht zu Boden gehen, so hilft sie ihm am Ende wieder auf, beinahe so, als tue er ihr plötzlich Leid in seiner Unmündigkeit. Verspielt sie damit ihre Konsequenz? Unentschieden, nicht zu beantworten, quer der Leseerwartung wie das Wildschwein auf dem Cover.

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Reproductive Realities http://pfeil-undbogen.de/reproductive-realities/ Fri, 21 Apr 2017 08:07:07 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455455
ICH NEHME KONZEPTKUNST WÖRTLICH UND VERFASSE ALSO AUSSCHLIEßLICH KONZEPTE

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Entwürfe, Pläne, Einfälle. Für eine Literatur des Konzepts 1

Theoretische Basis ist Kenneth Goldsmiths Kapitel „Revenge of the Text“ aus Uncreative Writing. Managing Language in the Digital Age. Ausgehend von der darin beschriebenen ästhetischen Praxis einer Textmanipulation auf Programmiersprachen-Ebene (.jpg  .txt  manipulativer Eingriff  .txt(1)  .jpg(1)) – de facto macht er elaborierte Glitch art – sollen unterschiedliche Variationen eines Scans eines von mir annotierten Exemplars von Kurven, Karten, Stammbäume. Abstrakte Modelle für die Literaturgeschichte (Franco Moretti, 2009) angefertigt werden.

In einem weiteren Schritt wird erforscht, ob das modifizierte Material in einem binnenkosistenten Verhältnis zu sich selbst steht, ob also trotz verschiedenartiger Eingriffe eine Sinnhaftigkeit innerhalb des neu hergestellten Gesamtmaterials besteht, oder ob ich als Leserin einem veralteten Rezeptionskonzept aufsitze, das eigentlich von genau dieser Konzeptionierung aufgebrochen werden soll.

Außerdem sollen die einander als zugehörig vordefinierten Ebenen (.jpg + .jpg(1) und .txt + .txt(1)) miteinander verglichen werden, um genauer, anhand also dieser konkreten Parameter, die Sinnhaftigkeit bestätigen oder ablehnen zu können.

„Was ist Konzeptualismus“ (Vanessa Place), Lektüre „Tragodia I“, „Statement of Facts“ 1 und 2

Die Statements von Vanessa Place spiegeln ihre Arbeit als Strafverteidigerin scheinbar unverstellt, indem sie Berichte von weiblichen Gewaltopfern wiedergibt – allein bei der Kurz- Zusammenfassung des Inhalts lande ich unmittelbar in einem taz-Jargon, der die ganze Bräsigkeit des Diskurses darlegt und zeigt, wie im Mainstream durch lose Worte Traumata und Gewalt unzureichend gefasst werden.

Im journalistischen ad hoc kann „das Unaussprechliche“, als das strukturelle Gewalt häufig noch gefasst wird, gar nicht mit Worten gefasst, ihr begegnet und etwas entgegnet werden; ein systemischer (politisierter: systematischer) Ausschluss.

Anders: Ich laufe die Straße entlang und ein Freund läuft neben mir. Er kommentiert die Brüste einer vorbeilaufenden Frau, zu allem hin in deren Hörweite. Frage: Tun.

Weiter: Places Statements erinnern durch Thematik und repetitive Nüchternheit an einige hundert Seiten von Roberto Bolaños 2666. Die Statements werden jedoch, nach initialem Schock, recht uninteressant (Konzept und direkter Kommentar zu Konzept und Produkt sind interessanter als das Resultat selbst). Bolaño bringt den Inhalt (leicht variierende Beschreibungen über aufgefundene Frauenleichen in einer mexikanischen Grenzstadt innerhalb einer Zeitspanne von vielleicht einer Dekade; jede Variation beschreibt eine neue Leiche und lässt Erkenntnisse von Polizei-Protokollen mit einfließen: also wirklich gar nicht so unähnlich zu Places Material-Zugriff) deutlich besser über die Länge von mehreren hundert Seiten. Wie genau er das schafft, frage ich mich schon seit einigen Jahren. Kurz gesagt: Bolaños Resultat funktioniert, Places nicht.

Geht es um Effektivität? Und was war eigentlich die Frage? Anders: Vanessa Place ist clever. Daran erfreue ich mich. (Diese Dinge wollte ich eigentlich vermitteln.) Weiter: Place variiert grammatische Strukturen. Das Geschlecht des Subjekts in ihren Sätzen wird permanent verändert, sie setzt nicht automatisch die erwarteten Pronomen für das Geschlecht des bereits Verhandelten. Ihre poetische Schreibe ermöglicht das: „Jeder Text verdient noch ein Nächstes“; dadurch werden innerhalb der Sprache konkret veränderte Räumlichkeiten geschaffen, ohne dass dies offensiv oder konfrontativ geschieht.

„Es ist die Poesie der Leute, unsere Sprache für uns und von uns – dabei erfüllt es jedoch das poetische Mandat, Geschichte innerhalb der Kunst der Sprache zu bezeugen sowie das Diktat der Avantgarde, es solle keine Trennung von Leben und Kunst geben.“

Nicht so sehr anders: Konzeptuelles Schreiben ist Angewandte Soziologie in einer besten aller Welten, denn: „Konzeptuelles Schreiben fügt den fehlenden Schmerz hinzu.“

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Herz im Halbschlaf. Die Beute: elftes Stück http://pfeil-undbogen.de/herz-im-halbschlaf-die-beute-elftes-stueck/ Mon, 17 Apr 2017 08:00:06 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455439
"Das zerstörte Herz des Häuptlings". Da passt alles hinein. Davon kann man leben und zehren. Nicht nur allein. Denn auch andere haben daran Anteil und schwimmen durch den Herzpool ihrem Schicksal entgegen.

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Die Fragen, die mir kommen, bei der Lektüre von Steffen Popps 118, muss ich mir erst mal selbst beantworten. Und dafür muss ich lernen, frei zu reden. Freestyle ohne Speicherbegrenzung. Alle Elemente, die der Sprache zur Verfügung stehen, können vorkommen. Das können auch Geräusche sein. Etwas, das vor oder jenseits von Bedeutungskonventionen liegt. Man kann das archaisch nennen, weil wir in der Regel vermuten, individuell- oder evolutionsbiographisch oder für die Zeitspanne des Anthropozäns, dass, was sich dem Diskursgebot der Verständlichkeit entzieht, von heute aus älter, also eigentlich jünger sein müsste. „I was so much older then, I’m younger than that now“, sagt der Nobelpreisträger, den wir nicht verstehen.

Man kann Texte, die zu Gedichten werden, im Halbschlaf improvisieren. Im vielstöckigen Gebäude des Bewusstseins gilt es dann, hinunter zu kommen, mindestens einzwei Etagen. Im Liegen, sitzend, lehnend, still oder in Bewegung, zerfusselnd. Wichtig ist nur die Intensität des Absackens, mit der es dann ans Herz geht, in „das zerstörte Herz des Häuptlings“. Da passt alles hinein. Davon kann man leben und zehren. Nicht nur allein. Denn auch andere haben daran Anteil und schwimmen durch den Herzpool ihrem Schicksal entgegen.

Derweil schreibt der Dichter mit, was diesem Herz passiert. Schmeißt weg, was überflüssig ist, was überschwappt und sich nicht mehr halten lässt, verdichtet erst und bläht die Mitschrift dann wieder auf zu einem Text, der in Druck gehen kann, der eine Druckgestalt erhält, die dann wieder verflüssigt werden kann, gesprochen und vielleicht sogar auch wieder improvisiert. Alles findet jetzt auf einer ganz neuen Etage statt.

Da sind Kräfte am Wirken, kein Sprechen. Es dampft, ohne dass jemand zu sagen wüsste woher. Meine Fragen kann ich nicht mehr finden. Was mich trägt, überall, sind die Reime, die inwendigen Reime, wie Eingeweide, die dampfen in einem Raum, den es nicht gibt. Ein prosodisches Sprechen mit ein wenig Ironie, leicht zu brechen.

Ein Selbsterzeugungsmechanismus für Ideen, die neben all der Recherche, der Durchdringung eben auch aufs Lauschen gründen. Das ist der Raum, der sich hier öffnet. Der Sound öffnet den Sinn. Der Sound im, aber dann auch vor und hinter dem Schema, das für viele, für die meisten Wörter konventionalisiert ist. Ein Sound der Praxis des Sprechens und Hörens, der nicht allein lexikalisch orientiert ist und Referenzen aufbaut, sondern auch Identität aufbaut, die, selbst ohne dass man sprechen muss, funktioniert. Weil dieser Sound ein spezifisches Gewicht hat, das Textkerne anlockt, Satzstrukturen, auch agrammatische Strukturen. Ein schöneres, ein elementares Sprechen.

Steffen Popp: 118. Gedichte. kookbooks, 144 Seiten.

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Y wie Youtube http://pfeil-undbogen.de/y-wie-youtube/ Fri, 14 Apr 2017 08:00:57 +0000 http://pfeil-undbogen.de?p=987455406&preview=true&preview_id=987455406
YouTube gilt als Plattform für kreativste Ergüsse in jeglicher Form. Und leider auch als Plattform für deutsche Unterhaltung, selbst auf der Buchmesse.

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Man kann Buchmesse nicht ohne YouTuber buchstabieren. Die beiden gehen Hand in Hand, so wie es sonst nur Hunde und Nutella tun. Ein weiser Mönch sagte mir einst in der Mangahalle, dass die MrTrashpacks heute das seien, was die Rockstars gestern gewesen sind: scheiße. Wer waren diese Menschen? Hatte er Recht? Scheinbar hatte ich den Anschluss an die nächste Generation schon längst verloren, doch konnte ich das nicht auf mir sitzen lassen. Einer musste Deutschlands Jugend auf den Zahn fühlen. Für die Kunst.

Alles begann mit der „Kunstfigur“ Jilet Ayse. Ein Name im Wind. Wenn 42-jährige Frauen in ihrem Act 18-jährige Kreuzberger Türkinnen parodieren, dann wissen wir, dass Comedy mit einem Presslufthammer an unsere Haustür klopft. Noch als Integrationsschreck angekündigt, so sollte sie gesellschaftliche Vorurteile im Mantel eines Vortrags über Europa entlarven und ironisieren. Was folgte, waren 30 Minuten Hirnzellenmassaker in Form von gebrüllten Worten wie „Wallah“, „Kanacke“ und „Habibi“.

Humor ist tot.

Witze über Hartz 4 und muslimische Frauen mündeten in faulen Gesprächen mit dem, aus was für Gründen noch immer existierenden, Publikum. Im Laufe dessen wurden diverse Karrierewege kritisiert. Haha. „Isch bin asozial!“. Haha. Es wurde geklatscht, doch wieso? Eine solche Witzdichte haben für gewöhnlich nur Flugzeugabstürze. Humor ist tot. Die Moderatorin dankte Frau Ayse noch dafür, den Finger in die Wunde gelegt zu haben. Aber sie war die Wunde.

MrTrashpack, Nachrichtensprecher für die deutsche YouTube-Community, hat ein Buch geschrieben. Niemand weiß, warum. Was wir wussten: „Endlich wieder Montag, Zeit für den Flashback. YouTube-News mit MrTrashpack. Daumen hoch, abonniert, wenn ihr Bock habt, das war das Intro und jetzt kommt Wuzzup.“ Ein Intro, das sich tumorartig in meine Synapsen brannte. Zusammen mit Heiner Bachmann geschrieben, einem „Medienmogul“ vom Unterhaltungswert eines nassen Toastbrotes, war das Buch dazu da, mit nützlichen YouTube-Tipps zur Seite zu stehen. Schließlich will jeder MrTrashpack sein.

Auf einem sechs Euro teuren Q&A-Panel wurde deutlich, dass wirklich jedes Kind MrTrashpack sein will. Tricks wie „Überlasst den unkreativen Teil wem anders!“ müssten wohl für die Miete genügen. Spätestens bei der Frage, wie er auf seine Ideen komme, nahm ich mir den imaginären Strick. Wer hochwertigen Content von jemandem erwartet, dessen Ideen zu Videos wie „Sind unrasierte Männer sexy?!“ führen, dem darf niemand mehr helfen. Ausdruckskunst schön und gut, doch was, wenn sie absolut scheiße ist? Aber scheinen nette Leute zu sein.

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Stand and deliver. Ameisenschrift. Die Beute: zehntes Stück http://pfeil-undbogen.de/stand-deliver-ameisenschrift-die-beute-zehntes-stueck/ Mon, 10 Apr 2017 08:00:03 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455423
Don’t tread on an ant he’s done nothing to you There might come a day When he’s treading on you Don’t tread on an ant you’ll end up black and…

Stand and deliver. Ameisenschrift. Die Beute: zehntes Stück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Don’t tread on an ant he’s done nothing to you
There might come a day
When he’s treading on you
Don’t tread on an ant you’ll end up black and blue
You cut off his head
Legs come looking for you
Adam & the Ants, Antmusic

Die Ameisen erkennt man nur von oben. Wir gehen ganz weit weg, sind jetzt Könige und können sagen: „Es sind Ameisen.“ Die Perspektive ist eindeutig, das Urteil klar. Einer spricht über das Viele und kann es identifizieren, ihm einen Namen geben. Die Klassifikation ersetzt die Ordnung, die niemand versteht, weil sie Ordnung jenseits jeder Klassifikation ist und in jedem Moment eine neue, eine andere Gestalt einnimmt. Indem das Viele benannt wird, ist die Drift gebannt, die jedes Einzelne seiner Bedeutsamkeit beraubt.

Das Viele ist vergänglich, der Eine aber göttlich und erhaben. Aus der Höhe scheint es dann auch bald so, als sei dieses Viele, das Gewimmel, die Schöpfung selbst, die größte Beruhigung, die sich denken lässt. Denn die Unruhe des Gewimmels könnte ja daran erinnern, dass das, was wir erhaben nennen, der blinde Fleck ist, in dem wir die prozessuale Konstruktion, die stete Störung unseres Perspektivs verschwinden lassen. Darin geht auch die Möglichkeit der Bescheidenheit gegenüber der Macht des Gewimmels mal eben verloren.

Vordergründig geht es um eine Positionsbestimmung und vielleicht auch noch um eine Machtdemonstration: dort die Ameisen und hier wir. Tatsächlich regiert hier aber – in Intention wie Selbstverblendung – ein begrifflicher Extremismus, wie er schärfer kaum ausfallen kann. Da die Masse der Vielen, die keine Einzelnen sind, sondern anonyme Teile einer Menge, deren einziges herausstechendes Merkmal ihre unabsehbare Zahl sei, und hier der Eine, der allein den Überblick behält und sich als einzigartiges Wesen erlebt.

I’m the dandy highwayman who you’re too scared to mention
I spend my cash on looking flash and grabbing your attention
The devil take your stereo and your record collection!
The way you look you’ll qualify for next year’s old age pension!
Adam & the Ants, Stand and deliver

 

Lisa Spalt: Ameisendelirium. Czernin Verlag 2015. 128 Seiten.

Stand and deliver. Ameisenschrift. Die Beute: zehntes Stück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Niah Finnik: Fuchsteufelsstill http://pfeil-undbogen.de/niah-finnik-fuchsteufelsstill/ Fri, 07 Apr 2017 16:01:24 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987454061
Vorbei sind die Zeiten, in denen Literatur Kinder beim Namen genannt hat. Inzwischen sind alle Namen hunderte von Malen vergeben worden.

Niah Finnik: Fuchsteufelsstill erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Plakativ war gestern. Vorbei sind die Zeiten, in denen Literatur Kinder beim Namen genannt hat. Inzwischen sind alle Namen hunderte von Malen vergeben worden. Jetzt kommt Fuchsteufelsstill daher, und mit ihm eine Ich-Erzählerin, die allein auf Grund ihrer Eckdaten schon Gefahr läuft, für sich zu sprechen: Juli ist Asperger-Autistin, hat einen gescheiterten Selbstmordversuch hinter sich und ist 27 Jahr alt. Ja, auch das noch. Wir begleiten sie, wie könnte es anders sein, auf ihrem Weg in und durch die Psychiatrie. Dort trifft sie exemplarische Figuren mit exemplarischen Krankheitsbildern.

Da hätten wir die manisch-depressive Sophie, den schizophrenen Philipp, Mia aus der Galaxie Anorexie“ – Alles Gängige ist dabei! Soweit, so gut, denken wir, um auch ja nichts Falsches zu denken, und wappnen uns schon mal mit einem friedlichen Lächeln für eine dieser Geschichten, deren Botschaft uns nach einer Reihe im Grunde austauschbarer Eskapaden, inklusive Anecken und Anfeindungen rund ums Anderssein, mit dem Zaunpfahl erschlägt: Krankheiten machen keine Menschen.

Krankheiten machen keine Menschen.

Aber spätestens nach der ersten Hälfte des Romans wird klar, dass Fuchsteufelsstill alles andere ausdrücken möchte als das Altbekannte. Während Juli mit Philipp und Mia an ihrer ungewohnten Seite aus der Psychiatrie aus –und Richtung Norden aufbricht, ahnen wir, dass der Roman den Schritt in die entgegengesetzte Richtung wagt. Doch, sagt er nämlich entschieden. Krankheiten machen Menschen. Weil jeder Mensch krank ist. Irgendwie.

Fuchsteufelsstill zeigt Charaktere, die sich nicht nach Akzeptanz sehnen. Weder von Anderen, noch von sich selbst. Und das ist ungemein erfrischend. Es geht hier nicht um eine Reise zur Erkenntnis, noch nicht einmal um Flucht. Es geht um einen Ausbruch, präsentiert in einer Sprache, die nicht aus alten Mustern ausbrechen kann.

In Julis Welt gibt es nicht nur „dreiundzwanzig Fahrräder“ und „sieben Vorgärten“, wenn sie morgens die Wohnung verlässt, es geht ihr nicht nur „zu zweiundfünfzig Sekunden schlecht“. Da warten auch Bilder, abstrakt wie gemalt, hinter jeder Straßenecke. Scham wabert wie ein gelber Klumpen, Gedanken werden zu einer Pfütze, in der sie mit den Füßen stochert, und ihre immer wiederkehrende Angst meldet sich mit den Klauen eines Tieres. Die ganze Welt stellt sich ihr, und damit auch uns, dar wie ein immer wieder neu geformtes Spektrum, das sich mal vollständig, mal gar nicht sinnlich erfassen lässt, dabei manchmal keinen Sinn ergibt und das vielleicht auch gar nicht muss.

Gut möglich, dass es während der Lektüre misslingt, irgendwas zu greifen, aber genau das ist das Besondere an diesem Buch. Wir erfahren eine realitätsferne Realität ohne Zugang, aber dafür beschrieben mit den buntesten Farben und explosivsten Eindrücken, mit Bildern von einem gefluteten Berlin, dem Fußweg zur Sonne und fremden Galaxien.

Niah Finnik: Fuchsteufelsstill erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Code und Konzept http://pfeil-undbogen.de/code-und-konzept/ Thu, 06 Apr 2017 07:00:17 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987454883
Konzeptuelle Literatur ist nicht bloß Copy-und-Paste-Literatur, die man mal kurz zusammenknallt, sondern an den Avantgarden und der Moderne geschulte, sprachkritische Literatur.

Code und Konzept erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Mit schöner Regelmäßigkeit wird im Feuilleton, auf der Buchmesse oder auf Literaturwissenschafts-Podien gefragt: „Wie verändert das Internet die Literatur?“ Viel interessanter als die betrieblichen Diskussionen rund ums Ebook, Copyright und Amazon ist dabei natürlich die Frage, wie sich „das Digitale“ in der literarischen Ästhetik niederschlägt. Da waren die Hypertext-Experimente in den 90ern, in den späten Nuller Jahren wurde dauernd der große Facebook-Roman gefordert, bei Jonathan Frantzen twittern die geschundenen Familienväter jetzt, und Jarett Kobek ist in I hate the Internet mit der Planierraupe einmal durch’s Silicon Valley gerast. Aber die interessanteste literarische Bewegung, die sich mit den gegenwärtigen Umwälzungen kritisch und innovativ auseinandersetzt, ist in Deutschland bisher kaum beachtet worden. Der von Hannes Bajohr herausgegebene Band Code und Konzept will das nun ändern.

Konzeptuelles Schreiben ist eine literarische Avantgarde-Bewegung, die Appropriation und Plagiat, De- und Rekontextualisierung oder Schreiben nach vorformulierten Regeln als Verfahren experimenteller literarischer Textproduktion nutzt. Das berühmteste Beispiel ist Kenneth Goldsmiths Day (2003), für das er eine gesamte Ausgabe der New York Times von vorne bis hinten abtippte und als 700-seitigen Roman, als Blocktext in Times New Roman, Schriftgröße 12, gesetzt, unter seinem eigenen Namen wiederveröffentlichte und sich damit ein Verfahren wegen Copyright-Verletzung einhandelte. Das er gewann. Solche konzeptuellen Texte sollen dabei natürlich nicht im klassischen Sinne „gelesen“ werden. In der Tradition der Conceptual Art der 1960er Jahre liegt der ästhetische Fokus auf dem Konzept:

„Conceptual writing is made to engage the mind of the reader rather than her ear or emotions.” Oder: “Books […] better thought about than read”.

So stellt das Conceptual Writing Fragen nach den Konzepten des literarischen Feldes, etwa nach dem Wesen des literarischen Kunstwerks, der Autorschaft, des Copyrights, der Originalität, des Mediums Buch, der Rezeption und Distribution von Werken, oder der Rolle von Institutionen. Damit positioniert sich das Conceptual Writing strategisch gegen vermeintlich überkommene Traditionen, die von den Protagonisten karikaturartig als „romantic subjectivism in contemporary poetry und psychological realism in prose writing“ verkürzt werden, und präsentiert sich selbst als avantgardistische Alternative – am Besten versinnbildlicht vielleicht im Selbstmarketing-Begriff des „Unkreativen Schreibens“, mit dem Goldsmith den ganzen Literaturbetrieb der USA in Unruhe versetzte.

„Nötig“ wird Konzeptuelles Schreiben, da das neue textuelle Ökosystem mit seiner nie zuvor da gewesenen Verfügbarkeit an kopierbarem und verlustfrei manipulierbarem Text eine Adaption der literarischen Epistemologie und Ästhetik erfordert. In den Experimenten konzeptueller Literatur im digitalen Zeitalter erweitert sich der Schreibbegriff und umfasst auch „techniques traditionally thought to be outside the scope of literature, including word processing, databasing, identity ciphering and intensive programming“.
Genau an dieser Stelle setzt Code und Konzept ein.

Bajohrs Band stellt die Frage, wie man Konzeptuelles Schreiben und digitale (also algorithmisch hergestellte) Literatur zusammendenken kann. Dabei ist Bajohrs These: Verbindet man Konzept und Code miteinander, erfolgt eben kein „De-Skilling“ der Autorinnen und Autoren, die nur noch copy-pasten, sondern im Gegenteil ein „Re-Skilling“ – nun aber im Bezug auf die Entwicklung von tragfähigen Konzepten und praktischen Fähigkeiten des Programmierens, um diese umzusetzen.

Code und Konzept erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Meins und Deins. Die Beute: neuntes Stück http://pfeil-undbogen.de/meins-und-deins-die-beute-neuntes-stueck/ Mon, 03 Apr 2017 08:00:44 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455387
Meins ist groß und Deins ist grün / Meins kann ich am Faden ziehn // Deins lässt sich nicht gerne finden

Meins und Deins. Die Beute: neuntes Stück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Nur, was sich ohnehin nie erraten läßt, hält, was es verspricht. Das ist ein Spiel, das nie aufhört, dessen Ziel allein ist, einen Faden zu spinnen, der sich windet und wendet und wickelt, ohne je an ein Ende zu kommen. Ein kindermurmellautes Sprachspiel, lichte Bilder. Zwei Koboldkinder in Pastell spazieren durch eine Riesenwelt, zwar einst von den großen Leuten gemacht, doch hier spielen sie gerade mal keine Rolle. Vielmehr geben Wände und Flure, immer wieder hier und da mit kleinen Kritzeleien, Klecksen und Tapsern versehen, Raum für ein phantastisches Ratespiel, für träumerische Abenteuer.

Immer begleitet von ihrem Lieblingsspielzeugtier staunen sich die beiden mit aller Selbstverständlichkeit durch eine Welt, in der alles einzigartig ist und wie gleichzeitig da. Ihr roter Phantasiefaden führt sie durch Tag und Nacht, umwickelt das Sofa, von dem aber nur interessant ist, was sich alles darunter findet, zeigt Schränke, Fenster, Türen wie zum ersten Mal, kann auch ein Gartenschlauch sein, eine Wäscheleine, eine Drachenschnur, ein Faden, mit dem man Herzen ins große Daunenkissen sticken kann. Diese Träume sind hell und voller Zutrauen. Sie wandern ins Alltägliche und verwandeln es zur Bühne, auf der alles möglich ist: telephonierende Frösche, Pinguine und Schnecken auf Leitern, eine kleine dunkelnasse Wolke, mit dem Lasso gefangen, als Gießkannenersatz, beflügelte Zahnbürsten, warum nicht. Wer die Bilder betrachtet, an dem Spiel teilnimmt, wird bald nicht mehr so genau wissen, was er tatsächlich gesehen hat.

Das Spiel heißt Meins und Deins, seine Regeln orientieren sich an dem Paarreim von Peter Geißlers Gedicht: „Meins ist groß und Deins ist grün / Meins kann ich am Faden ziehn // Deins lässt sich nicht gerne finden / Meins kann ich zusammenbinden // Deins ist jeden Abend still / Meins kommt wieder, wenn ich’s will.“ In Zwischen den Zeilen gab es von Geißler den Zyklus mit Liedern „ich geh mir einen vogel fangen“: „wir kennen keine lieder mehr / wir sind in einem kleinen haus / und bleiben nicht mehr lange hier.“ Die Grenzen sind aufgehoben. Es ist gleich , wer Recht behält. Das Gleichgewicht ist eine Frage von Kühnheit und Schönheit. Es kommt nicht darauf an, ein Rätsel zu lösen. „Deins kann seinen Namen schreiben / Meins soll mein Geheimnis bleiben.“

Peter Geißler (Text) / Almud Kunert (Bilder): Meins und Deins. Hanser Verlag. 34 Seiten

Meins und Deins. Die Beute: neuntes Stück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Drei historische Minuten http://pfeil-undbogen.de/drei-historische-minuten/ Sun, 02 Apr 2017 10:00:43 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455039
Ich habe jede Menge Trolle auch hier, die mich versuchen aufzuhalten. Mich konnte noch nie einer aufhalten. Mich wird auch keiner aufhalten.

Drei historische Minuten erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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In der Kabine 665 der Fähre zwischen Portsmouth und Le Havre, auf der glatten Wasserfläche des Ärmelkanals, unter dem eisklaren Winterhimmel, noch war kein Frankreich in Sicht, rollte die leere, fiel die letzte Tequilaflasche auf den hellblauen Kunstfaserteppich. In der Spiegelung des Flaschenbauches sah Margerie Bonner, auf verbrannten Handballen und Knien kauernd, ihren Mann, den Jahrhundertromancier Lowry, sich aufrichten. Er hält sich die hohe, gerade Stirn und seine engstehenden, lebensmüden Augen beginnen zu tränen, der besoffene Körper zu zittern, zu schluchzen. Dieses Jahr hat er zwei Mal versucht sie zu erwürgen.

Sie liebte die Hippies! So nackt, so frei, so frisch, wie wir damals. Zu irgendeinem Zeitpunkt hatte das Schicksal sich von ihrem Körper abgewendet und sie in eine Aura ewiger Dreißigjährigkeit entlassen. Vielleicht war es in dem Moment, als sie das Begehren vom Hitler bemerkte und nicht zurückwies. Sie hatte die Jahre nach dem Krieg bis 68 verachtet. Die spruchkammerbeschlossene Mitläuferin und Meisterregisseurin trocknete sich die gefärbten Haare. Das Hippiepärchen warf sich Handtücher um, die Neoprenanzüge lagen am Schiffsboden, gallertartig, der stille Schiffsjunge nahm ihr die Gasflasche ab. Patrick, eine afrikanische, eine archaische Schönheit machte die Faust zum Gruß: Congrats Leni! Brilliant. Sie setzte sich mit ihm auf die wankende Schiffsreling und rauchte eine Zigarette, sie schämte sich für die tiefen Abdrücke der Tauchmaske in ihrem sonst faltenfreien Gesicht. Patrick bemerkte es nicht. Der kenianischen Sonne war es egal.

Der echte Außerirdische Sigfried Norra sprach auch an jenem Abend mit einem Headset in seiner Wohnung in Porz per Livestream zur gesamten Menschheit: „Seid clever genug, ihr wisst was los ist auf der Erde. Ihr spürt es alle hier. Alle sagen es mir, ich bin hier jede Nacht im Skype. Ich habe jede Menge Trolle auch hier, die mich versuchen aufzuhalten. Mich konnte noch nie einer aufhalten. Mich wird auch keiner aufhalten. Ihr habt keine Vorstellung von einem Außerirdischen. Lasst den Versuch, mich irgendwie zu behindern. Ihr habt ja keine Ahnung. Die könnt ihr kriegen. Macht mit! Macht mit uns mit! Nicht mit denen. Das Geld ist Papier, das die haben. Und die nehmen keine Rücksicht auf euch. Gar nix. Die verbrennen euch. Die verheizen euch. In Kriegen. Oder sonstwo. Hört euch das ma alles an, was wir haben. An Informationen. Die benutzen euch nur. Die zerstückeln euch. Die schlachten euch. Die erzählen euch nix, was wahr ist, was modern ist, von freier Energie und so weiter. Ihr schuftet noch mit alten Kohlen und heizt noch mit Öl und Gas und was weiß ich. Wacht auf, sag ich euch. Und wenn ihr noch. Und, wenn ihr noch nie Außerirdische gesehen habt, dann wird das Zeit, dass ihr in den Himmel guckt. Der Himmel ist voll davon, aber die machen Chemtrails, damit ihr nix seht. Nicht nur, dass die euch vergiften, ihr dürft auch nicht sehen, wenn Raumschiffe am Himmel stehen. Alles verbergen die. Alles. 60 Prozent der Menschen sind da, um alles Mögliche zu verbergen.“

„Drei historischen Minuten“ ist ein Auszug aus dem im 1%ofOne-Verlag erschienenen Buch Goodbye Weekend, mit Photographien von Mitko Mitkov.

Drei historische Minuten erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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