Pfeil und Bogen http://pfeil-undbogen.de Literarische Revue Tue, 23 May 2017 08:37:56 +0000 de-DE hourly 1 http://pfeil-undbogen.de/wp-content/uploads/2016/12/cropped-screenshot-32x32.png Pfeil und Bogen http://pfeil-undbogen.de 32 32 Kat Kaufmann: Die Nacht ist laut, der Tag ist finster http://pfeil-undbogen.de/kat-kaufmann-die-nacht-ist-laut-der-tag-ist-finster/ Tue, 23 May 2017 07:00:35 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455715
In einer Welt, in der es zu viele Romane über depressive, Drogen nehmende Twentysomethings in Berlin gibt, schreibt Kat Kaufmann ihren zweiten Roman über genau so einen Typen. Wäre arschlangweilig…
Lesen

Kat Kaufmann: Die Nacht ist laut, der Tag ist finster erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>

In einer Welt, in der es zu viele Romane über depressive, Drogen nehmende Twentysomethings in Berlin gibt, schreibt Kat Kaufmann ihren zweiten Roman über genau so einen Typen. Wäre arschlangweilig geworden, wenn “Die Nacht ist laut, der Tag ist finster” nicht die Atomrakete unter den Existenzfragen rausballern würde:

Woher weißt du eigentlich, dass die Dinge so sind, wie sie sind und nicht ganz anders? Gute Frage, nicht? Was wäre, zum Beispiel, wenn das Universum reden könnte. Oder dein Vater, was wäre, wenn dein Vater gar nicht dein Vater ist? Und was ist mit dir? Du könntest in Wahrheit ein Prozac schluckender Soon-to-be-Studienabbrecher namens Jonas sein, vollgepumpt mit Tabletten und Schuldgefühlen, weil dein Opa gerade den Löffel abgegeben hat.

Deine Heimatstadt, das dynamische, farbenfrohe Berlin, ist in Wirklichkeit eine graue ekelhafte Betonmasse, von der du nicht loskommst. Und dabei musst du los, weil dein Opa dir ja aufgetragen hat, dass du unbedingt nach Russland gehen und diesen Typen finden musst.
Um das ganze noch mal spannender zu machen, könnte außerdem Krieg herrschen, sagen wir mal Kalter Krieg 2.0, Supergroßmacht Russasien vs The West mit Militäraufmärschen und Massenvernichtungswaffen und übertriebenen Grenzüberwachungen. Aber du mit deinen eigenen Problemen kriegst vom Krieg natürlich nichts mit, hängst viel zu sehr in deiner Mi-mi-mir-gehts-so-mies-Bubble. Atomuhr auf fünf vor zwölf und du bist viel zu beschäftigt, dir die Birne auf typisch deutsche Art mit Jägermeister voll zu schütten.

Überhaupt bist du eine echte Bilderbuchkartoffel: Rufst brav immer gleich das Blaulicht, wenn du was abfackelst oder jemand tot rumliegt. Muss ja einer aufräumen. Machst dir auch ständig Sorgen und redest nicht drüber. Darum weiß nie jemand, was wirklich abgeht. Redet nämlich auch sonst keiner über irgendwas Wichtiges in deiner deutschen Familie.

Die Kategorie wichtig ist bei dir generell eher so Tumbleweed. Du hast keine Ahnung, was du mit deiner Zeit anfangen sollst. Dein Leben ist ein einziges Selbstgespräch und über deine Jokes lachst nicht mal du.
Zum Glück triffst du beim Saufen auf zwei Russen, die anfangen, all deine Probleme für dich zu lösen.

Schon praktisch, was? Oder halluzinierst du schon wieder? Vielleicht gibt es gar keinen Krieg? Vielleicht existiert der Typ, nach dem dich dein Opa losgeschickt hat, überhaupt nicht. Oder vielleicht kicken deine Antidepressiva einfach härter, als du dachtest. Alle Vermutungen eher so metastabil, nichts an diesem Buch ist gewiss, investiert noch heute in Atomschutzbunker, denn die Nacht ist finster, der Tag ist laut!

Kat Kaufmann: Die Nacht ist laut, der Tag ist finster erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>
Des Schreibens Glück http://pfeil-undbogen.de/des-schreibens-glueck/ Mon, 22 May 2017 08:00:06 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455706
anselm glücks Texte sind das Ergebnis eines kollaborativen Schreibens. Aber kann man das behaupten, wenn wir zugleich davon ausgehen, dass anselm glück nur eine einzelne Person ist, ein Autor, der…
Lesen

Des Schreibens Glück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>

anselm glücks Texte sind das Ergebnis eines kollaborativen Schreibens. Aber kann man das behaupten, wenn wir zugleich davon ausgehen, dass anselm glück nur eine einzelne Person ist, ein Autor, der mit seinem Namen seine Autorschaft bezeugt? Der Kollaborateur anselm glück arbeitet mit sich selbst zusammen, mit dem, was er liest und sieht und hört, mit dem Ich seiner Texte, den Gestalten seiner Bilder, mit rhetorischen Figuren und mit Dingen, mit Sätzen, Wörtern, Formen, mit Erinnerungen und Ahnungen, mit allem, was da ist, und mit allem zugleich. Nicht auszuhalten, aber das ist der einzig mögliche Weg.

Die Kollaboration besteht vor allem in der Bewegung des beweglichen Textes. Dieser Text ist anti- und rezipierend, er setzt voraus und nimmt vorweg. Er ist auf eine metamorphotische Weise hinfällig. „Immer nicht mehr das eine und noch nicht das andere“ ist der Text vorläufig und nachträglich zugleich. Er ist das in der Art und Weise seiner Dekonstruktion von Sinn und Bedeutung. Der Text weiß also um das Verlangen nach Bedeutung und um die Wut des Verstehens, aber er unterwirft sich diesem Begehren nicht, entzieht sich also Wort für Wort dieser Subjektivität. Was da nicht mehr und noch nicht da ist, war nie anders.

Das subjektive Ich, das sich also seinem Identitätszwang unterwirft, um sich und ich sagen zu können, ist nie anders denn als Damm gegen diese Hinfälligkeit zu haben gewesen. Nichts anderes als das Schreiben ist damit beschrieben, genauer: die Prozessualität des Schreibens. Denn diese Kippfigur, mit und in der anselm glück hantiert und agiert, hat ja eine Gestalt, die sich stetig ver- ändert, und eben eine, die ihre spezifische Dauer besitzt. Sie ist wie die Sonne, die „ohne Pause den Morgen vor sich herschiebt, und gleichzeitig zieht sie die Nacht hinterdrein.“

Die Autorsonne bewegt sich stetig zwischen Aufschub und Entzug dessen, was sie illuminiert. Damit wird kein Schreibgenie prägalileisch inthronisiert. Vielmehr haben wir es mit einer Sonne unter vielen zu tun. Sie beleuchten sich wechselseitig, können sich doch kaum fassen. Es gibt offenbar eine Notwendigkeit für ihre Existenz, doch lässt sie sich nicht fixieren. Es dennoch zu versuchen, ist, was im Prozess des Schreibens geschieht. Naturgemäß ist das eine unglückliche Geschichte, die von Vergeblichem erzählt, von Verlorenen, die zwischen allen Stühlen sitzen, von Nichtsesshaften, immer auf dem Sprung, von immer Unfertigen, gerade geboren und schon mit einem Bein im frischen Grab.

Die so schreiben, müssen sich permanent verrenken, sie stolpern so dahin, weil sie ja die Hindernisse suchen und ständig neue Hindernisse für sie da sind. Sie müssen sich verkleiden und maskieren, damit man sie nicht erkennt oder eben nur als die, die sich verkleiden und maskieren. Das alte Vergänglichkeitsspiel, überschattet vom Tod, fasziniert von der Möglichkeit, diesen Schatten eine Weile wenigstens vor sich herschieben, ihn formen und verformen zu können. Die ewige Widerkehr des Gleichen ist aber eben kein Kreislauf.

Das hinfällige Schreib-Ich ist eher mit Nietzsches zwergigem Geist der Schwere zu vergleichen. Der tappt umher, ist bei anselm glück „ein immer zerfallender Leichnam“ und fällt und steht wieder auf und aus gewisser Ferne gleicht diese Bewegung einem Tanz, der möglicherweise sogar Regeln gehorcht, die wir schön finden können. Doch das ist natürlich nur eine Falle, „in der man sich auflöst und sich gleichzeitig anders schon wieder zusammenschließt, immerfort und ohne ein Draußen, in das man entkommen könnte.“

Entkommen hieße aufzuhören, nichts. Eigenartig ist nur, dass dieses Nichts des Entkommens hier identisch wird mit dem ebenso unmöglichen Ankommen oder Gelingen, vom Vollenden ganz zu schweigen. Aufschub und Entzug belehren uns hinfällige Schreibende eines Besseren und wir verirren uns lieber „in selbstgemachten Scheinwirklichkeiten.“ Denn darin steckt etwas, die narzissistische Spiegelenergie, die ja auch nur eine Mangelabsorption darstellt, deren Schäumen und Surren und Strahlen uns in die Stimmung reiner Gegenwart versetzt. Das ist das ganze Debakel, das anselm glück aufführt.

Fügen sich eigentlich die Geschichten-, Reflexions- oder Beobachtungssplitter zu einem Ganzen, zu einem Werk, bilden sich wenigstens oder mindestens Sequenzen? Größtes Vergnügen und tiefste Bestürzung sind kaum voneinander zu unterscheiden und die Antwort auf diese Frage bleibt schlicht aus. Die Seiten von anselm glücks Büchern, Texten oder was auch immer, sind löchrig. In diesem Sinne fadenscheinig, vornehmer hieße das durchlässig, entkommt man in der Lektüre unausweichlich den applausbewährten Mustern literarischer Wirklichkeitserfassung und bewegt sich wie unter Wasser, hinein in eine mit unglaublicher Energie zusammengehaltene Einsamkeit, die unermüdlich Schatten sortiert, Schatten von Wirklichkeit.

Alles um diesen Erzähler herum, diesen Beobachter und Selbstbeobachter wird zur Staffage in einem endlosen Spiegelsaal. Das frühkindliche Spiegelstadium, das der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan einst zur Schwelle der persönlichkeitskonstituierenden Ichspaltung erklärte – der kleine Mensch sieht sich im Spiegel als ein Ich, als einen Anderen –, verwandelt sich bei anselm glück zu einem Maskenspiel, zu einem Welttheater, das Träume und Obsessionen, lächerliche wie ernste Lektüren, Bilder, Räume und Gesprächsfetzen zusammenkocht, zur „anhaltenden Fiktion der betreffenden Erkenntnis“.

Ein fröhlich-finsterer Narziss hält sich da die Spiegel vor: „Die Lust, alles aus jedem Blickwinkel zu betrachten, ohne verantwortlich für auch nur irgend etwas zu sein.“ Daran muss der Kopf zerbrechen. Einmal sitzt er in einer Wohnung, die zum Literaturhaus in Graz gehört. Die Küchenmaschine, die er anwirft, zerfetzt es, er stellt sie wieder ab und blickt „in den Spiegel, aber er hatte seine Stimme noch gar nicht erhoben, da hörte er sie schon ganz nah und nicht im nächsten Augenblick. Das Geräusch drang vor und wurde immer tiefer in ihn hinein übertragen.“

Der Absatz ist noch dazu in Spiegelschrift gedruckt und die Echos, denen glücks Erzähler begegnet, lassen den Denkraum dröhnen. Für Lacan ist Echo, die Nymphe Echo also, blöd. Bei glück verfällt Narziss den Echos mit Vergnügen, denn er erwartet sich etwas, wenn man sich (s)ein Spiegelbild so lange vor sein geistiges Auge hält, bis man sich „mit einem starken Gefühl der Vorfreude“ ausklinkt.

Dieser Narziss namens anselm glück ist weder hochmütig noch gekränkt, we- der fühllos noch wahnsinnig. Seine Echos sterben nicht und aus dem Spiegel schaut auch nicht er selbst, sondern natürlich ein anderer, etwas Verkehrtes. Er weiß genau, dass er selbst es ist, der der Andere ist, den er nicht einholen kann, von dem sich aber gut Geschichten erzählen lassen. Nie wird er seiner habhaft werden und will es auch gar nicht. Entscheidend ist, mit wie viel Lust – bei aller Finsternis, die immer überall herrscht –, er sich diesem Splitter-Ich überlässt und mit ihm spielt: Ich schnapp’ mir jetzt Rimbaud und spiele mit ihm Spiegelstadium: Ich ist ein Anderer als der Andere und der Andere und der undsoweiter. Ein Maskenreigen, eigenartig zeitlos. Masken, die keinen Sinn haben, die von innen nach außen gewendet werden und zurück, bis man nichts mehr weiß und fast nicht mal mehr so ein lästiges Ich ist, bis man fast nicht mehr sprechen kann und dafür aber ganz viel zeigen:

„Wir reißen uns die Kleider vom lebendigen Leib. Weltweiter Jubel. Und dann mit all den anderen Nachgemachten immer so weiter.“

Was da zum Vorschein kommt, lässt die Sinne jaulen und die Leiber knarren. Und die Sehnsüchte und Konsequenzen, die anselm glücks Schreib-Ich äußert, klingen nach Bescheidenheit oder in sich gekehrter Spirale, die jede Leserinnenhoffnung auf Substanz mindestens unter Verdacht stellt, vermutlich aber wie ein Handbohrer einfach aushöhlt. Nichts davon trifft zu. Denn die jaulenden Sinne suhlen sich nicht nur, sie sorgen auch für geschärftere Aufmerksamkeit. Nicht für den großen weiten Horizont (für den vielleicht auch, das aber nur indirekt, mittel- und langfristig), sondern vielmehr dort, wo es wirklich wichtig ist: in der Nähe, in der unmittelbaren Umgebung, gegenüber den Dingen und Menschen, Klängen und Erscheinungen, gegenüber all dem, was die taube Hornhaut der sprachlichen, kommunikativen, ästhetischen Konventionen sonst schnöde abprallen lässt.

Aber was bewirkt diese Aufmerksamkeit? Die Folgen sind handfest und ratlos. Denn dieser Schreibprozess ist ja immer auch ein Denk- und Redeprozess, ein komplexes Gefüge von Gesten, die sich durchaus verschiedener Medien bedienen können, also Sprachzeichen, Malerei, Körperzeichen (auch Mimik und Gestik genannt). Und all das wird nicht von einem allein ausgeführt. Tatsächlich lässt sich kaum eine einzelne Geste noch identifikatorisch betrachten. Sie finden nicht zentrifugal statt.

„Der Quirl jagt durch einen Bottich“, in den alles hineingerät, ungeachtet jeder Verträglichkeit, und aus dem dieser Schreibquirl alles auch wieder in jede mögliche Richtung hinaus befördert. Ratlos aber macht glück, der seine Texte nie liest, sondern spricht, was sich im Lauf des Schreibprozesses, der sein Werk vor sich hertreibt, verändert hat: „Habe ich früher auf jemand hingeredet, sagen wir auf das zukünftige Publikum eines Dokumentarfilms, rede ich jetzt einfach weg von mir. Als stünde die gesamte Menschheit hinter mir und ich rede in einen leeren Sack.“

Von sich weg zu reden, fordert steten Nachschub. Denn die Rede muss ja weitergehen. Dass die Rede zuvor nicht in einen leeren Sack, sondern in einen Widerhall hinein gegangen wäre, sagt anselm glück nicht, aber doch auf die Möglichkeit einer Resonanz hin. Die vorläufige Rede ist sich voraus gewesen, hin zu dem, was da kommt und ihren Anlass zumindest soweit bestätigt, dass sie fortgesetzt werden kann. Jetzt aber ist da nur mehr ein leerer Sack, in dem jede Resonanz verschwindet wie in einem Vakuum:

„Ich werde abgesaugt. Bei den Wörtern fängt es an, dann rutscht der Mund nach und schließlich segelt der gesamte Leib hinterdrein. Fort.“

Das Hinfällige kennt keinen Aufschub mehr. Nicht mal etwas Instabiles, Modellhaftes ist da mehr, das in dieser Hologrammatik entworfen würde. Statt dessen gibt es nur noch den Entzug, einen Strudel in endloser Krümmung, in dem die Iche schwanken und die Masken bersten. Erst steht es da und dann fällt es nur noch: „Jede Tür eine Falltür und überall das selbe Gemetzel.“ In einem Labyrinth aus lauter Fallgruben kommt es, wie es scheint, nicht voran. Aber das scheint auch nur so. So wie uns das ausweglos scheint, so lange wir an der Vorstellung festhalten, es müsse eine Alternative geben, einen Ausweg, etwas anderes als das Labyrinth, von dem wir darüber hinaus nicht einmal eine Gestalt haben, seine Form, nur die halbgare Erinnerung an Ariadne und ihren Faden, mit dem sie den Minotauros eingewickelt hat oder so ähnlich.

Dass tatsächlich in diesem Labyrinth alles mit allem verbunden ist, kommt jedenfalls anselm glück in den Sinn. Er führt es vor, als wirklichen Nutzen und als die Abnutzung der Sinne, die sich gegenseitig voraussetzen, wie eben in diesem Modell des Labyrinths jede Verzweigung die Voraussetzung für eine nächste Verzweigung und auch die Voraussetzung der Voraussetzung ist. Damit der Schreibprozess weitergehen kann, muss er sich – instabil wie er ist – entziehen und voraussetzen. Er setzt sich seiner selbst voraus, weil dieses Selbst nichts als Voraussetzung ist, die Annahme, es könnte so und so weiter gehen, eine Voraussetzung allerdings, die nicht verifiziert werden kann und will.

So beschrieben hat dieser Prozess auch seine Zeit, der „seine Wurzeln sowohl in die Vergangenheit als auch in der Zukunft“ hat. Die Gegenwart des Schreibens ist von Abstoßung und Verwicklung bestimmt. Was dann gelingt, ist ein Zugleich, eine „lautlos angehäufte Zustimmung“ all der beteiligten Instanzen, deren relative Dichte gegen jede Intention nur möglich wird. Hier, in diesem Aufmerksamkeitsradius, wird der Möglichkeitssinn einer spezifischen Kollaboration sichtbar:

Aufmerksam nicht gar so sehr darauf achten, aber es deutlich wollen und mir trittfest vertrauen. Mir sicher sein, aber ohne Druck. Und nichts davon für mich beanspruchen. Alles weitergeben, umleiten, in Umlauf halten. Ich bin nur eine Durchgangsstation in einer Durchgangsstation.

Deshalb haben anselm glücks Absätze keinen Punkt. Um seine quasisynästhetische Schrift nicht zu punktieren und abzuschneiden, in der Worte und Bilder und Zustände ineinander mäandern, sich korrigieren, doch nie wirklich kontrollieren, „ein fortwährendes Sich-gegenseitig-Unterwühlen und Sich-Hochfädeln und so fort.“ Wie kann man das aushalten? Indem man nichts weiß und alles erinnert und umgekehrt. Indem man Nähe zulässt und probiert, die Nähe der Verdichtungen.

„Der springende Punkt ist für mich oft, dass ich all das einerseits her- und hinstelle vor mich und es jetzt kennenlernen muss. Es fliegt mir von innen entgegen und ich fliege von draußen auf es zu, hechte mich hinein und bewege mich unter den Schatten, bis auch diese Welt wieder verklingt und ich herausgleite.“

Das Gleiten und das Schreiben hören nicht auf. Es geht überaus beunruhigt durch die Sätze und die Wörter. Wenn er schreibt, kann er sagen: „Ich habe Glück.“ Dann schreibt anselm glück mit. Alles, was nah genug kommt, und sei es noch so schlimm. Ein paar Sekunden Fernsehen etwa, die Kriege und das verschmutzte Meer, die Verkäufer. Dann verbünden sich die Buchstaben und „versuchen mich verständlich zu machen“, das Labyrinth bewegt sich und hört so schnell nicht wieder auf, weil jedes Zeichen und jedes Wort hier mit jedem anderen verbunden ist und sie mehr versprechen, als man fassen kann.

Wer zufasst, greift ins Nichts. Die Nähe ist ein unzuverlässiges Versprechen, das man sich immer wieder neu gibt. Wir sind, so anselm glück, immer ganz nahe dran, haben eine Ahnung, die aber nur von der nächsten Ahnung abgelöst wird, und wir sind die Sünder der Sprachlosigkeit, wenn wir die Spur der Schrift sichern und wenn wir sie ver- wischen wollen. Dieses Wir, die ganzen Iche, die aufeinander und von einander weg reden und schreiben, und die begreifen, was sie nicht begreifen wollen. Wir machen weiter, werden endlich ein Ding unter vielen, „Augen auf und durch.“

anselm glück: Gemeinsam üben. Klagenfurt 2012

Des Schreibens Glück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>
Tobias Geigenmüller: Das ziemlich lebendige Leben des vermeintlich toten Elvis http://pfeil-undbogen.de/tobias-geigenmueller-das-ziemlich-lebendige-leben-des-vermeintlich-toten-elvis/ Fri, 19 May 2017 07:00:52 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455641
Elvisfans, Verschwörungsliebhaber und Freunde von leichtem Humor finden hier eine Spur, die ihnen gefällt.
Lesen

Tobias Geigenmüller: Das ziemlich lebendige Leben des vermeintlich toten Elvis erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>

Er ist immer noch da! Wir haben es geahnt: Elvis lebt. Und jetzt bekommen wir endlich einen Roman auf der Höhe unserer Zeit! Die autofiktionalen Auswüchse der letzten Jahre lassen nur eines deutlich werden: Die klassische Fiktion hat ausgedient. In Das ziemlich lebendige Leben des vermeintlich toten Elvis sagt uns Tobias Geigenmüller wie es wirklich war. Zwar wird Geigenmüllers Debütroman aller Wahrscheinlichkeit nicht so ein Hit wie Timur Vermes’ Er ist wieder da landen. Aber flach wie eine Schallplatte des Kings ist er auch nicht.

Tobias Geigenmüller hat, laut editorischer Notiz, das Leben des Kings „bis in die letzte Paillette recherchiert“. Die Wahrheit, die sich daraus ergibt, sieht so aus: Elvis, der King des Rock´n´Roll, ist, wie viele Fans und andere Verschwörungsliebhaber schon immer vermutet haben, 1977 wirklich nicht gestorben. Er hat seinen Tod mit einer lebensgroßen Wachspuppe fingiert, um endlich fernab von Starrummel und Medienhype als unbescholtener Bürger ein ganz normales Leben führen zu können. Aber der King wäre nicht der King, wenn er dabei nicht eine Vision hätte: Die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Elvis weiß, „dass dieser Erdball größer“ ist als sein Ego. Deswegen will er „endlich etwas Sinnvolles machen. Etwas Großes“. Für die Weltrevolution à la Elvis bietet Geigenmüller das ganze Arsenal der großen Stars und Sternchen auf. Wer immer schon wissen wollte, was wirklich mit Michael Jacksons Nase passiert ist, erfährt hier bisher unbekannte Details.

Als der King während seiner Undercover-Revolution von David Hasselhoff allerdings an seiner Schokoladenallergie und seiner Abneigung gegen Ketchup erkannt wird, muss er sich zunächst geschlagen geben und das Feld räumen. Aber als Kämpfer für Wahrheit lässt Elvis sich nicht unterkriegen.

„Lass uns zeigen, dass Karate keine Hautfarbe kennt, keine Religion. Lass uns zeigen, wie viel Kraft es den Schwachen, Hilflosen und Unterdrückten auf der ganzen Welt verleiht.“

Die Metaphern hauen dann auch rein wie Karateschläge des Kings. Die Bildsprache ist umwerfend. Der Geigenmüller-Sound gibt den Spielereien und dem Ideenreichtum ein Zentrum, eine Persönlichkeit: „Selbst ein stockbetrunkener Demenzkranker ohne Augen hätte diesen Typen sogar im Dunkeln mit einem Sack über dem Kopf wiedererkennen müssen“.
Wer bei Büchern wie Vollidiot und Mieses Karma schon seinen Spaß hatte, wird auch hier voll auf seine Kosten kommen.

Tobias Geigenmüller: Das ziemlich lebendige Leben des vermeintlich toten Elvis erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>
Über das Bedürfnis sich mitzuteilen: Porträt eines Kulturjournalisten http://pfeil-undbogen.de/ueber-das-beduerfnis-sich-mitzuteilen-portraet-eines-kulturjournalisten/ Fri, 12 May 2017 07:00:47 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455662
Stefan Mesch würde sich selbst lieber im Internet als auf einer Hausparty kennen lernen. Er führt lieber Facebookdebatten anstelle von Smalltalk. Als freier Autor und Kulturkritiker darf er den ganzen…
Lesen

Über das Bedürfnis sich mitzuteilen: Porträt eines Kulturjournalisten erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>

Stefan Mesch würde sich selbst lieber im Internet als auf einer Hausparty kennen lernen. Er führt lieber Facebookdebatten anstelle von Smalltalk. Als freier Autor und Kulturkritiker darf er den ganzen Tag lesen. Er liest Neuerscheinungen, Blogartikel, Nachrichten, Kolumnen, Kommentare, Graphic Novels, Mangas, Tweets, Kurzgeschichten, Reportagen. Online, mostly, hier fühlt er sich am wohlsten. Das Internet ist seine Wahlheimat.

Er hat sie alle, die Social Network-Kanäle. Googelt man ihn, erfährt man tatsächlich sehr schnell mehr als über die letzte Hauspartybekanntschaft: Wann er zum ersten Mal Sex hatte (Blog), wie sein letzter Urlaub war (Instagram), dass er bisexuell ist (Facebook), dass er sich noch sehr unsicher ist, ob er mal Kinder haben will (Twitter), wie er nackt aussieht (Instagram) und auf wie viele verschiedene Arten er “Wie sie mich mitreißen” sagen kann (Youtube).

Laut seinem Blog hat er damit im Jahr 2011 so richtig angefangen. Er bewertet Bücher auf Goodreads.com und erstellt mit großer Vorliebe ausführliche Listen. Listen über neu veröffentlichte Bücher und persönliche Lieblinge, Comics, Graphic Novels, aber auch über seine Lieblingssnacks. Er schreibt unter anderem Rezensionen für Zeit Online, den Tagesspiegel, lektoriert, übersetzt und moderiert. Mehrmals am Tag postet er eigene und fremde Artikel, diskutiert Meinungen und Kommentare, sucht Input, gibt Output. Auf eine*n sporadischen Facebooknutzer*in wirkt das vielleicht befremdlich oder gar zu bemüht. Man könnte schon sagen, dass Stefan Mesch dem großen Vorwurf an die Generation Y gerecht wird: alles wird geteilt, alles ist im Netz, digitale Transparenz en masse. Aber immerhin: Vertrauen wird durch Transparenz gewonnen. Über 2000 Abonnent*innen auf Facebook, die sein Urteil und seinen Geschmack schätzen.

Was auch dazu führt, dass auf Meschs Medien-Expertise im journalistischen Feld zurückgegriffen wird: So wurde er zum Beispiel vom Deutschlandfunk eingeladen, über seine Einschätzung zur “Sargnagel-Glavinic-Diskussion” zu reden. Noch nicht davon gehört? Kein Problem, die Antwort findet man auf einem seiner zehn Social-Media Kanäle.

Wenn man ehrlich mit sich ist, scheint es schwer vorstellbar noch etwas über ihn zu erfahren, das nicht schon irgendwo im Internet steht. Aber wer annimmt, dass er seine überdurchschnittlich große Social-Media-Präsenz zum Ausgleich unterdurchschnittlich großer Kommunikationsfähigkeiten in der Offline-Welt nutzt, fehlt.

Wir begegnen Stefan in einer Neuköllner Kneipe. Er trägt lockere Jeans und einen schlichten Kapuzenpulli. Trotz der tiefen Augenringe wirkt er wach, fast möchte man sagen unruhig. Wir bestellen zwei Bier, auch eins für ihn? Nein, danke – er hat sich selbst was mitgebracht. Er sei versorgt und trinke sowieso nicht gerne. Dann stellt er einen Dosen-Energy-Drink und zwei Bücher auf den Tisch.

Wenn man eine Frage formuliert, schaut er einen aufmerksam an und antwortet sofort, wenn der Satz beendet ist. Er weiß was er sagen will, will den Satz loswerden, sitzt auf glühenden Kohlen, bis es nicht mehr unhöflich ist, loszureden. Stefan Mesch ist bei weitem nicht nur online jemand, der sich ausdrücken muss, der mitreden will. Jemand, der es auch nicht lassen kann, schnelle Urteile abzugeben. Meist ungefragt. Er redet über Freunde genauso wie über Bücher. Viele nehmen ihm das übel, er selbst auch? Er gibt zu, sich oft zu entschuldigen: Er trinkt nicht gerne mit Leuten, er will nicht mit Kindern spielen müssen und ihm wird immer so schnell langweilig, sobald es um soziale Gruppenaktionen geht. Schon alleine die Vorstellung treibt ihn zu dramatischen Aussagen: Lieber würde er sofort sterben, als mit Freunden spazieren zu gehen. Doch wirklich leid tut ihm das nicht. Auch nicht das Urteilen.

Er redet sehr abgeklärt über die eigene Selbst- und Fremdwahrnehmung. Viele Menschen finden ihn langweilig, er versteht das. Wenn einem die Zeit mit anderen Leuten lieber ist, findet er das in Ordnung. Andere sind ja vielleicht weniger langweilig. Er selbst könne nicht sagen, er wäre langweilig, aber gäbe es einen Klon von ihm, würde er diesen nur alle zwei Wochen auf einen Kaffee treffen wollen.

Wirklich selbstkritisch wird er aber nur, wenn er über sein Buch nachdenkt. Zu langsam schreibt er daran, zu inkonsequent. Doch dann zuckt er mit den Schultern, so ist er halt, dass er kein “Jungautor” mehr wird, damit muss er sich jetzt abfinden. Aber schade findet er es schon. Was er wirklich brauche: Internet, Betätigung, Bestätigung. So wenig ihn Kritik an seiner Person zu verunsichern scheint, umso wichtiger ist ihm Anerkennung für sein Schreiben. Er brauche jemanden, der ihm sagt, dass das, worüber er schreibt, nicht langweilig ist. Gut oder relevant genug, um die Motivation nicht zu verlieren. Doch, dass er die nicht von allen bekommt, ist auch ihm bewusst. Sein Debütroman zum Beispiel, ein Coming-of-Age-Roman im John-Updike-Stil, soll lediglich in dem Genre, in dem er sich bewegt, bestmöglich sein. Jedem gefallen muss er nicht. Doch er bemerkt eigene Fortschritte, er merkt, dass sich die Zeit lohnt, die er in seine Texte steckt.

„Wenn der Tag nicht mehr dir gehört”

Wenn das passiert, kann es immer so weitergehen. Unendlich lange? Ja, auch so lang. Angst vor Überdruss hat er nicht. Seine Antwort darauf ist Neugierde. Die wird bleiben, davon geht er aus … Ist ja schließlich sein Motor. Und der Beruf ermöglicht, dass der immer in Betrieb bleiben darf. Auch bleiben muss, aber wie sagt man? „Mach dein Hobby zum Beruf und du musst nie wieder arbeiten”.
Das macht dann auch wett, dass die finanzielle Situation eher bescheiden ausfällt. Seine persönliche Selbstverwirklichung stellt er vor alles andere, vor die teuren Urlaube, vor die warmen Heizungen im Winter. Er hat sich für dieses Leben entschieden, für die kleine Wohnung in Neukölln, für e-Books anstatt den Hardcovern, für das Leben ohne finanzielle Unbeschwertheit. Trotzdem sieht er sich als reichen Menschen. Armut ist nämlich, nicht das machen zu können was man will, nicht seiner Passion nachgehen zu können: „Wenn der Tag nicht mehr dir gehört”, so nennt er das.

Wenn man das hört, beginnt man schnell in idealistischen Träumereien zu versinken, aber seine Vorstellung von Armut erscheint einem reflektierten, global-denkenden Menschen eher wie ein First-World-Problem. Wirkliche Existenzängste scheint er nicht zu haben, so als Kulturjournalist. Vorteilhaft für diese Haltung ist, dass Mesch nicht für seine Miete aufkommen muss. Durch die Möglichkeit das leerstehende Haus seiner Großmutter zu bewohnen, ist er per se nicht auf ein hohes Gehalt angewiesen. Es scheint auch nicht, als ob dieses ihn interessiert.

Mesch lebt sehr bescheiden, Konsumgesellschaften und die realen und digitalen Marketinglandschaften scheinen ihn kalt zu lassen. Lebensmittel, Krankenkasse, Fernbustickets. Kleider bekommt er von Freunden, der Rest ist nicht wichtig. Es gäbe ja alles auch gratis im Internet, sodass er behauptet, mit 500 Euro im Monat vollkommen zufrieden zu sein. Mehr Geld wäre trotzdem gut. Nicht für ihn, versteht sich. Es geht darum bessere Geschenke machen zu können, Freunden auszuhelfen – einfach etwas altruistischer sein zu können. Aber was braucht man schon für sich, wenn man das weltweite Web, Neugierde und Bücher hat?

Über das Bedürfnis sich mitzuteilen: Porträt eines Kulturjournalisten erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>
durch den betrieb http://pfeil-undbogen.de/durch-den-betrieb/ Tue, 09 May 2017 17:07:41 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455520
der betrieb guckt so lange in meine schüssel, bis ich ihm von meinem salat anbiete. er holt sich ein schälchen, ich tue ihm auf und dann geschieht sehr lange nichts.
Lesen

durch den betrieb erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>

was zwischen dir und mir immer wieder neu entsteht, das nennt man den betrieb.

  1. der vorstandsvorsitzende von rewe sagt: in der zukunft wird der supermarkt ein ort der begegnung sein.
  2. in der sprache meiner vorfahren gibt es ein altes sprichwort.
  3. wemmr ä baar aadschn hadd, unn der eene is weck, unn mr hadd bloß den andrn…da nudzn een alle beede nischd.
  4. über einem spiegel im flur hängt der satz: so sieht mich der kunde…
  5. in einer dokumentation sehe ich, wie alfons schuhbeck in einem fitnesstudio sein unterhemd auszieht und der kamera seinen tiefen, breiten rücken präsentiert.
  6. im film ist es zwei uhr nachts, schuhbeck kommt gerade von der arbeit. das licht ist warm und orange, wie seine haut.
  7. wir haben mit dem betrieb so manche schöne stunde gehabt, sagt meine oma und stellt die weiße schachtel mit der wurst auf den tisch.
  8. was zwischen dir und mir immer wieder neu entsteht, das nennt man den betrieb.
  9. bevor der betrieb zu dem wurde, der er heute ist, gab es nur eine lose ansammlung von interessen, hohe bauwägen und ein paar absichten, eine halde mit kohlen und eine kleine bibliothek in einem lkw.
  10. wörter, in denen der betrieb eine rolle spielt: betriebsbereit, betriebshof, normalbetrieb, betriebsblind, literaturbetrieb, betriebsausflug.
  11. ein paar gestalten standen mit ihren runden brillen gelangweilt zwischen den disteln und teilten sich harte kekse und süße zigaretten.
  12. der boden ist hier locker und sandig, es liegt so ein gefühl da hinten über dem teich, dass das in diesem jahr was werden könnte mit unserem sammelband und einem urlaub an der see.
  13. es sollte einen nicht betrüben, im betrieb zu sein, sagt meine oma und legt das brot in die maschine, wir waren früher auch alle irgendwo organisiert.
  14. in der rundschau für den lebensmittelhandel lese ich, das der vorstandsvorsitzende von rewe sagt: „in zukunft wird der supermarkt ein ort der begegnung sein. darauf setze ich.“
  15. ich lasse dich nie mehr los, rief ich dir zu, doch da du warst schon durch das große tor am hauptgebäude richtung s-bahnhof verschwunden.
  16. der betrieb ist großartig, alles andere ist quark.
  17. zu einem stimmigen outfit gehören in erster linie eine gewisse spannung in den schultern und ein gutes frühstück, bescheiden aber abwechslungsreich.
  18. es muss nichts außergewöhnliches sein.
  19. nichts, sagt meine oma, als sie in den keller kommt um mich zu wecken, nichts außergewöhnliches.
  20. es gibt erzählungen vom betrieb, in denen nie die sonne scheint und der wein nach dem entkorken gar nicht mehr zum atmen kommt, so schnell ist alles mit dem internet geworden.
  21. und die bibliothekarin hier bei uns in der bibo, erzählt mir meine oma, die ist genau so lang wie du und raucht wie ein schlot.
  22. ich gehe mit dem betrieb eine wurst essen. dazu laufen wir ein stück am fluß entlang, später über das blaue wunder, das wahrzeichen in der stadt meiner vorfahren.
  23. wann immer deutsche staatsbürger im ausland opfer eines verbrechens werden, muss der betrieb in der lage sein, diesen punkt binnen vierundzwanzig stunden zu erreichen und die situation zu klären.
  24. ich verstehe und schweige, bis wir nach einer gefühlten ewigkeit einen kleinen wagen erreichen. mit brot bitte, sage ich und der betrieb nickt zufrieden.
  25. auf der bauchtasche des betriebs steht: kill your darlingz.
  26. am ende des winters helfe ich im lebensmitteleinzelhandel aus.
  27. in einem dunklen gang, durch zwei türen mit zahlenschloß und über eine rutschfeste treppe gelangt man während der pausen in den sozialbereich.
  28. mitgebrachte waren muss man vorher kennzeichen lassen, sofern sie bestandteile des sortiments sind.
  29. literatur, antworte ich meinem supervisor und mein supervisor sagt: was es nicht alles gibt.
  30. irgendwo lese ich, dass die tage in l. von ronald m. schernikau, wäre es nach dem autor gegangen, die schönheit von uwe, die losung 43 und der spaß der imperialisten hätte heißen sollen, was vom konkret-literaturverlag jedoch abgelehnt wurde.
  31. ich kenne welche, die sich so nah am betrieb vorstellen, sie hätten zwischen ihren backen einen apfel klemmen und der müsse nun zerdrückt oder zumindest eine ganze weile festgehalten werden.
  32. es sind erzählungen wie diese, von denen der betrieb noch heute lebt.
  33. obwohl er längst so tief geworden ist wie hoch und niemand mehr so recht sagen kann, wo dieser smogmog endet oder beginnt.
  34. aber seine wurzeln liegen irgendwo hier.
  35. gucken wir also noch ein bisschen über den fluss, hinüber in die pittoresken brunnen des englischen gartens oder die farbenprächtige gewürz-welt eines alfons schuhbeck direkt am platzel.
  36. der betrieb ist etwas, das zwischen mir und dir immer wieder neu entsteht.
  37. nur schweinefleisch , anwortet mir ein junger kunde, der weiter vorne im fragebogen schon ausgeplaudert hatte, dass er lehrer ist.
  38. in manchen erzählungen vom betrieb ist das wetter so gut, schmecken die zigaretten so lecker, sind die debüts so spannend, dass man sich gleich ein wenig schämt, darüber traurig wird, diese folgeerscheinung wiederum kritisiert und irgendwann aus lauter frust beginnt, sich einen salat zu machen.
  39. und während man zum abschluss ein paar kerne röstet, ploppt ein bisschen von dem buchweizen aus der pfanne und im hof vor dem fenster wendet jemand mit dem auto.
  40. wer nicht ein bisschen ideologisch tickt, sagt meine oma, dem ist der betrieb egal.
  41. irgendwann geht es dann schon wieder besser und man beugt sich runter richtung küchenboden und stupst die kleinen ausreisser mit der fingerspitze auf.
  42. naja, sagt der lehrer, schwein ist eben unsere kultur.
  43. am telefon liest mir meine oma ein gedicht der bibliothekarin vor.
  44. es handelt unter anderem von dem gefühl, am frühstückstisch zu sitzen und im radio vom krieg in der welt zu hören, während draußen der berufsverkehr vorbeifließt.
  45. hinsichtlich der ökonomischen perspektiven ergeben sich zwei fragen.
  46. hast du was?
  47. bekommst du schon?
  48. auf der toilette hat jemand einen kleinen text aufhängen lassen. er endet mit den worten:
  49. das macht für uns alle „den gang“ viel angenehmer.
  50. ihr hausleiter einer von den jungs hier hat so blaue augen wie der rhein.
  1. er macht pause von der fisch-abteilung und guckt so verwegen, wie heinrich böll immer verwegen geguckt hat, wenn er in köln am ufer stand und die möwen mit pistazien füttern durfte.
  2. in der dokumentation erzählt alfons schuhbeck von der entstehung seines sex-gewürzes: „da hab ich mir gedacht, du machst jetzt 6 gewürze zusammen und anstatt s-e-c-h hab ich s-e-x draufgeschrieben.“
  1. sieh mal, sagt meine oma, wir haben auch erst telefon bekommen, als der opa dann im betrieb in der verantwortung war.
  2. hier ist der boden locker und sandig.
  3. der betrieb guckt so lange in meine schüssel, bis ich ihm von meinem salat anbiete. er holt sich ein schälchen, ich tue ihm auf und dann geschieht sehr lange nichts.
  4. das macht für uns alle den gang noch angenehmer.
  5. und man beugt sich runter richtung küchenboden und stupst die kleinen ausreisser mit der fingerspitze auf.
  6. der betrieb muss zu jeder tages- und nachtzeit einsatzbereit sein, egal ob im wasser, zu land oder in der luft.
  7. in der rundschau für den lebensmitteleinzelhandel lese ich: das gastronomiekonzept findet integriert in den jeweiligen sortimenten statt. gegrilltes steak gibt es also nahe der fleischtheke.

durch den betrieb erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>
Wegstückaura. Die Beute: vierzehntes Stück http://pfeil-undbogen.de/wegstueckaura-die-beute-vierzehntes-stueck/ Mon, 08 May 2017 08:00:22 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455633
Wie kann man gehen? Taumelnd, querfeldein, entlang wenig spektakulärer Wege, immer gleich und zugleich immer wieder anders. Was passiert, wird passiert. Das hört sich an nach Wortgeklingel. Doch zu den…
Lesen

Wegstückaura. Die Beute: vierzehntes Stück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>

Wie kann man gehen? Taumelnd, querfeldein, entlang wenig spektakulärer Wege, immer gleich und zugleich immer wieder anders. Was passiert, wird passiert. Das hört sich an nach Wortgeklingel. Doch zu den lyrischen Passagen Michael Donhausers gehört auch, was man im Gehen riecht und schmeckt, was man hört, die Erschütterung jeden Schritts, jeder Hebung und Senkung von Füßen und Silben, halb im Taumel, und doch nie wirklich im Zweifel, ob es gelingt. Was soll hier gelingen? Das Gehen, das Schreiben? Kann man so das Gelingen des Selbstverständlichen in Frage stellen? Diese Dichtung hat das Gehen als Programm, „Silben wie Schritte“ heißt es einmal, hinein in eine „Wegstückaura.“ Kein Walserscher Spaziergangswahn, kein von Gewaltphantasien geplagter Flaneur: Nur ein beharrlicher Sprach-Seismograph, mit Gerard Manley Hopkins und Peter Waterhouse als Genossen, auf dem Weg durchs Sarganserland. Eine halb versteppte Landschaft von Erinnerungen, Gefühlen und Lektüren.

Im Gehen kommen die Erinnerungen, von Zufällen gesteuert, von Hindernissen, die noch der sanfteste Hügelweg bereit hält. In behutsam-knappem Rhythmus lesen wir mit einem Mal von Empfindungen, ganz so als würde ihnen ein halblautes ‘Klopstock!’ entweichen, gebunden in eine rhetorische Schleife, die sich zunehmend als Dämpfer, als Kondensator erweist, „wie berührt“ – Betonung auf dem „wie.“ Im Sarganserland ist gut vergehen, „mitten durch / den Verlust“ und statt Heideggerscher Feldweg-Redundanzen läßt uns Donhausers spätwinterlicher „Felderweg“ frieren, inmitten von Stauden, Zweigen und Schienen. Eine postidyllische Welt voll abgesägter Konjunktive, deren melancholischem Zugriff jede Verständigung entgleitet, insbesondere die zwischen Liebenden.

„Den Abend / als sagten / die Farben / als läge // Der Garten / beflügelt / als wären / oder wagten // Die Blätter / die Tische / die Blüten / ein Kaum.“ Bei Donhauser kann ‘vergehen’ eine Bewegung sein: „Wahllos / verging ich / es blättert / der See // Die Wellen / ans Ufer / wie Blüten / das Meer.“

Zu schön manchmal, um wahr zu sein, gerettet immer wieder von der spröden Einsilbigkeit, mit der sogar ein „Ach!“ wieder lesbar wird, gerade noch, wie im Abschnitt „Ein Stück später“, dem gleichwohl schwächsten des Buches. Da scheint er im lyrischen Vanitas-Topos der flüchtigen Begegnung nur die üblichen Verdächtigen finden zu können. Bordeaux, Regennacht und Filterstummel heißen hier die zuständigen Etiketten, „unbetört“ wie Donhauser, eigentlich wissend, vermerkt. Aber das bleibt ohnehin ein Einwand von leichtem Gewicht, leicht aufzuheben von der Bewegung, in die Donhauser seine lyrischen Liebenden versetzt. Und wann wurde das letztmalig so gehört, gelesen: „Wieder, noch, einmal“ – so tönt der Rhythmus in stetem Dreischritt.

Ein aufmerksamer Gang, in bedächtigem Tempo, immer wieder wankend, beständig und mit Unterbrechungen. Die Umgebung wird zum Gestöber kaum verbundener Intensitäten und immer schwieriger wird es, sich darüber zu verständigen. „Welches // Wort, fragte ich, würde das erste hier / sein“, lautet die Frage und, daß die Frage sich nur nachträglich stellt („es war eine Sprache“), läßt sich angesichts der kargen Präzision dieser Verse unschwer – und das zu ihrem Vorteil – vermuten. Immer scheinen sie mit einem Zögern an Mauern, Birken und Schatten entlang, „bewegt von // Weither, Wissen, Ziegel, Ödnis“ – wenn es das gibt, genau in dieser Reihenfolge. Der Ödnis soll, so wird gesagt, die Stimme dieser Dichtung angehören.

Das geschieht in einer Form von Reduktion, die nichts von Formalismus und Mutwilligkeit hat, weil sie sich in der Bewegung vollzieht, als das Gehen, das sie thematisiert. Das geschieht auch mit dem Anschein des Flüchtigen, wohl inszeniert wird jeder Vers ein Ausschnitt, etwas Liegengebliebenes und Wiedergefundenes, gleichsam eine Spur. Das sind Spuren wie Scharniere, um Kommata als Gelenkwindungen herum, mit denen es aber auch kaum ein Halten gibt, sie verhallen, allenfalls eine tastende Ahnung bleibt von dem, was bei uns nur mehr echohaft ankommt, „alles ist / alles fehlt.“

Den Zusammenhang stellt scheinbar der letzte Abschnitt des Bandes her mit einem Stück lyrischer Prosa. Alles, was vorher gesagt wurde, taucht hier wieder auf, doch nicht in bloßer Addition, verwandelt eher mit einem kühl-emphatischen Imperativ: „schneie, sinke, sei.“ Donhausers lyrischer Schreibgang führt über einen kargen, ebenso vertrauten wie von existentieller Verfinsterung bedrohten Winterweg, eine nächtlich schläfrige Straße eigentlich, mit einer leichten Kurve, deren Verlauf eigentlich gewiß ist, die doch immer so viel verspricht, daß sie minutiöses, schneckenhaft dramatisches Phantasieren auslöst.

„Nachtlandstraße im Sarganserland, eine Scheinwerferlänge Asphalt und Mittelstreifen und Saumgras und im Ahnungsbereich eine Kurve, dann sichtbar: das Bild zeigt, verschneit, was in Sekunden, die Geschwindigkeit herabsetzend, ein Wiedererkennen ist, der Unwiederbringlichkeit.“

Es geht nicht anders, mit jedem Schritt, der immer nur wie Wiederholung ist und zugleich immer neu, macht die Dichtung Michael Donhausers sich das mühsam konzentrierte Wiedererkennen zur Aufgabe. Genauer läßt sich kaum sagen, was sich notwendigerweise nicht entscheiden läßt. „Der Weg führt ins Bild, führt im Bild um eine Kurve, bis dorthin noch, dachte ich, würde ich gehen und dann, in der Kurve, würde sich zeigen, wohin der Weg führte: so ging ich und war ich bis hierher gekommen und so immer unentschlossener, umzukehren, zurückzugehen.“

Michael Donhauser: Sarganserland. Urs Engeler Editor. 87 Seiten.

Wegstückaura. Die Beute: vierzehntes Stück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>
Gescreenshotet http://pfeil-undbogen.de/gescreenshotet/ Fri, 05 May 2017 08:00:54 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455507
Keinen Bock auf Hamsterrad, daher scheiß auf die aktuellsten Entwicklungen, auf der anderen Seite kann man trotzdem mal versuchen, zu erforschen, was gerade so Phase ist.
Lesen

Gescreenshotet erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>

Entwürfe, Pläne, Einfälle. Für eine Literatur des Konzepts 2

Digitales Schreiben wird ausbuchstabiert, nach dem tatsächlichen Inhalt der Daten, den Algorithmen, die via Autor_in ins Spiel kommen, der Konversion dieser Daten, nach der zunächst etwas aussagelos klingenden „Interaktion mit dem Datenstrom“, der die künstlerische Arbeit verändert.

Es gibt Analogien zum Althergebrachten: Distant Reading bedeutet hier, wenn es eine Seite gibt, die sich beständig automatisch aktualisiert, und dann ist da eine illustrierte Weltkarte abgebildet, und immer wenn jemand #fifaworldcup14 twittert, erscheint ein visueller Impuls, meist als farblicher Kontrast, auf dieser Karte (z.B. in Form eines helleren Pixels als die umliegenden). Close Reading bedeutet hier „Google Poetry“, dargestellt als Screenshot von: Eingabe in Googles Suchkasten, „Ich denke“, und – in mehrfacher Ausführung unterhalb eingeblendet – mögliche Satzfortsetzungen.

Distant Reading wäre also: Aggregation und daraus resultierende Visualisierungstaktiken (deswegen mögen das auch JournalistInnen; es ist ihrer Vermittler-Tätigkeit analog, comp. The Bright Future of Datenjournalismus), Close Reading hingegen Arbeiten am einzelnen Wort oder Satz, das Textliche des Datenmaterials steht noch im Vordergrund, oft ausgedrückt durch eine Bild-Text-Schere, spielerischer (Handhabung hier eher von Satirikern und Künstlerinnen).

Wie aber generiert man etwas, das Google nicht erfassen, verwerten, rauben kann? (Vermutlich ist die Frage auch nicht genau genug gestellt, um etwas anderes als eine plumpe Forderung sein zu können.) Anders: Wieso kommt mir keine Lyrik unter, die sich explizit damit beschäftigt? Appendix: Zu einer solchen würde ich bislang einzig folgende Zaghaftigkeit beitragen wollen: „gescreenshottet“.

Wie aber generiert man etwas, das Google nicht erfassen, verwerten, rauben kann?

Kreuzen könnte man beispielsweise Vanessa Place prima mit Glenn Greenwalds Snowden-Buch, Sprachanalysen der dort abgebildeten PowerPoint-Folien des NSA-Fundus’ schienen offensichtlichst ergiebig, weswegen ich in dem Buch ausführlich rumgeschmiert habe bei diesen Folien; könnte man scannen (mir fällt gerade einfach nichts Besseres ein), ggf. nochmal annotieren, ggf. mit Versatzstücken dieser Exzerpte krönen, et voilà: „Rekonfigurative Lyrik“.

Oh ah, kurze Wut auf den Literaturbetrieb und die ihn Betreibenden und Befütternden: In Wardrip-Fruins Text war die Sprache von Bots, und irgendwelche Konzeptkünstler setzen die ein seit wohl irgendwie sehr wenigen Jahren, aber Bots gibt’s doch schon ewig, und wieso greifen die Künstlerischen dann a) erst jetzt darauf zu und könnte man nicht versuchen, den Kapitalismus einzuholen und b) versuchen, sich aktueller technischer Neuerungen zu bedienen – aber möglicherweise sind da nur die wenigsten interessiert dran und versiert darin. Und menschliche (Interessens-)Entwicklung und Geld und Habitusaufbau und alles dauert ja auch immer. Hm.

Jedenfalls: Keinen Bock auf Hamsterrad, daher scheiß auf die aktuellsten Entwicklungen, auf der anderen Seite kann man trotzdem mal versuchen, zu erforschen, was gerade so Phase ist in einer (Tech-)Welt, die ja nun primär nicht die eigene Blase ist. Könnte nicht uninteressant sein.

Weiter: Unterschieden werden zwei künstlerische Typen von mit Daten Arbeitenden:
A) Die Konzeptuellen/Konzeptkünstler: Die kuratieren Worte eher, „Art of Moving Information“ wird reklamiert, gearbeitet wird mit Appropriation, Transformierung, sehen den Autoren als Maschine und seine Kunst als Objekt (nicht notwendigerweise zu lesen/ lesbar). B) Datenorientiert Schreibende („data-driven writers“): Die sehen Daten eher als bewegliche Information, haben eine andere Ebenenverschiebung als die Konzeptuellen drin, nämlich „once the code is in place, the stream writes itself“. Scheinbar hegen die Konzeptionierer eher eine Art modernistischen Anspruch, etwas Neues erschaffen zu wollen, das zudem auch als Produkt konsumiert werden kann. Insgesamt bleibt jedoch selbstverständlich festzuhalten, dass diese beiden Typen mehr miteinander gemein haben als viele andere Leute, die auch noch schreiben auf der Welt.

(Wieso interessiert hier eigentlich kaum wen Beckett? Und wieso geht’s eigentlich immer nur um Lyrik? Und muss ich die Situationisten lesen? Ich hätte Lust auf ihre Techniken, nicht jedoch auf den pseudotheoretischen Kladderadatsch, der mindestens drei Viertel einer Seite einzunehmen scheint, sobald ich einen Text von ihnen aufschlage. Mutmaßlich liebe ich Guy Debord, aber Beatniks langweilen mich, weil darin Drogenerfahrungen zum künstlerischen Prozess gehören. (So, wie ein Schriftsteller seit vielen Jahrzehnten raucht und Rotwein trinkt. Schnarch.))

Nachtrag: !Mediengruppe Bitnik.

Gescreenshotet erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>
Postzivilisatorische Mitläufer http://pfeil-undbogen.de/postzivilisatorische-mitlaeufer/ Fri, 05 May 2017 08:00:14 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455527
Dieser Roman schlägt mit einem furiosen hypotaktischen Sprachgewitter in einen Realismus der Leere um, der die Hintergründe der Faszination für die postzivilisatorische Barbarei in krassen Beleuchtungsszenarien zum Vorschein bringt.
Lesen

Postzivilisatorische Mitläufer erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>

Warum Roman Ehrlich den Roman der Stunde geschrieben hat

Die jüngere Geschichte der dystopischen Literatur ist noch nicht geschrieben, da erreicht die postzivilisatorische Vorstellungskraft schon die nächste Stufe. Längst ist die Faszination für den Untergang und die grauenvolle Zeit danach zu einem Standardmotiv der Erzählliteratur geworden, zuletzt etwa durchgespielt von Juan Guses Lärm und Wälder (2015) und Thomas von Steinaeckers Die Verteidigung des Paradieses (2016). Das Setting ist jeweils unübersehbar an Cormac McCarthys The Road aus dem Jahre 2006 angelehnt. Es geht um die letzten Überlebenden einer untergegangenen einst zivilisiert genannten Welt und um die Frage, was aus ihnen wird, was aus dem Menschen werden soll und ob es den Menschen im Sinne humanistischer Zuschreibungen überhaupt noch gibt. Es sind Geschichten, die mit allen historisch gewachsenen Mitteln des Erzählens ihre Handlung nach dem Ende aller Geschichten ansiedeln. Das Reizvolle an den postzivilisatorischen Narrativen besteht in einer perfekten negativen Ästhetik, deren Erscheinungsformen man auch als Neuauflage eines zyklisch wiederkehrenden Ästhetizismus deuten kann.

Die Qualität der Romane von Juan Guse und Thomas von Steinaecker besteht vor allem darin, dass sie das Grundmodell des dystopischen Daseins auf eigenwillige Art und Weise weiterentwickeln, indem sie es variieren. Demgegenüber erscheinen die Figuren in Roman Ehrlichs vor wenigen Wochen erschienenem Roman Die fürchterlichen Tage des schrecklichen Grauens bereits als von apokalyptischen Visionen gesättigte Nachhut von Untergangsfaszinierten. Diese Leute können sich nichts Besseres vorstellen, als am Entstehen des ultimativen Horrorfilms mitzuwirken. Mit der Verlagerung des Endzeitmodus auf seine mediale Projektion in einem herzustellenden Film schafft es Roman Ehrlich, die dystopische Mentalität auf den beunruhigenden Befindlichkeitsstatus seiner Vertreter zurückzubeziehen.

Dabei schlägt Ehrlichs Roman mit einem furiosen hypotaktischen Sprachgewitter in einen Realismus der Leere um, der die Hintergründe der Faszination für die postzivilisatorische Barbarei in krassen Beleuchtungsszenarien zum Vorschein bringt. Die ideologisch zu nennende Gefolgschaft des zusammengewürfelten Filmteams gegenüber einem besessenen und stockautoritären Projektinitiator wurzelt in der tiefen Ratlosigkeit jedes Einzelnen gegenüber seinem Leben und seinen Gefühlen. Das kommt in den Geschichten zum Ausdruck, die diese Leute wie bei einem langen Casting von Angstbesetzten auf der Bühne eines Ulmer Hinterzimmerlokals präsentieren. Stellvertretend für die ganze Gruppe von paranoiden Orientierungslosen steht der Ich-Erzähler, der einfach gar nichts mit sich und der Welt anzufangen weiß und der sich wünscht, im Film eine Rolle zu übernehmen, in der er langsam und qualvoll umgebracht wird.

Finale Verirrung der Subjekte im Dickicht der Bildzitate, von denen sie belagert sind

Als man für die Dreharbeiten zu einem gemeinsamen Marsch von Ulm nach Berlin quer durch Deutschland ansetzt, ist wochenlang niemandem klar, was eigentlich gefilmt und woran tatsächlich gearbeitet wird. Wie einst Fabrizio del Dongo in Stendhals Kartause von Parma über die Fragmente des Schlachtfelds von Waterloo, irren die Filmschaffenden durch die Bruchstücke einer Welt, die Deutschland heißt, und begegnen dabei gelegentlich einem Kollegen mit einer Kamera und immer wieder einmal dem Anführer Christoph und seiner rätselhaften Begleiterin Katja. Der Glaube an Christoph als charismatischen Regisseur lässt die potenziellen Schauspieler und Mitarbeitenden lange Zeit treue und duldsame Gefolgsleuten eines Mannes bleiben, der als einziger vorgibt zu wissen, was gespielt wird und wohin der Weg führt. Was sich so vermittelt, geht über den Schock-Ästhetizismus dystopischer Charaktere und Topographien hinaus.

Roman Ehrlich erzählt vielmehr die Entstehung des Protofaschismus aus den mentalen Verfassungen desorientierter Subjekte, sofern man unter Protofaschismus die Zusammenrottung Einzelner zu einem Bund unter einer Führerfigur versteht. Das betrifft nicht in erster Linie die historisch-politische Bedeutung des Begriffs, sondern seine sozialpathologische Ursprungsszene. Die Ulmer Filmschaffenden sind von Bildern des Grauens und des Untergangs besetzt, ohne noch eine reflektierende Distanz zu diesem Bilderterror aufbauen zu können. Es ist die Angstlust am größtmöglichen Schrecken, an der nackten Gewalt und an der Vision vom rudimentären Dasein nach dem Untergang, die diese Gruppe zusammenhält. Noch mehr ist es das trotz aller Konflikte, Debatten und Zweifel blinde Vertrauen zu einer bis zum Abscheu autoritären Führerfigur, die bewusst fordernd und herablassend mit ihren Anhängern spielt.

Roman Ehrlich hat den Roman der Stunde geschrieben, ein Buch, bei dessen Lektüre deutlich wird, welche mentale Realität hinter den wabernden dystopischen Phantasien steht, die, ob als Fantasystoff oder als Endzeitvision, zuletzt starke Verbreitung gefunden haben. Ehrlich hat die Ästhetik der Postapokalypse auf die psychische Dysfunktion von Subjekten geführt, die sich den Untergang dessen, was sie hervorgebracht hat und was sie selbst repräsentieren, nicht nur vorstellen, sondern in einem davon handelnden Film selber mitspielen wollen. Sie wollen ihre sozialen Figuren in der Bilderwelt auflösen, der ihre Einbildungskraft vollkommen unterliegt. In ihrem Mitläufertum reflektiert sich das dystopische Narrativ als Verfallenheit an eine falsche Autorität und als finale Verirrung der Subjekte im Dickicht der Bildzitate, von denen sie belagert sind.

Postzivilisatorische Mitläufer erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>
Ich war ein riesiger Zwerg. Die Beute: dreizehntes Stück http://pfeil-undbogen.de/ich-war-ein-riesiger-zwerg-die-beute-dreizehntes-stueck/ Mon, 01 May 2017 08:00:32 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455499
„Ich war ein riesiger Zwerg, ich log, daß die Balken sich bogen.“
Lesen

Ich war ein riesiger Zwerg. Die Beute: dreizehntes Stück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>

„Ich war ein riesiger Zwerg,“ sagt die Sphinx, „ich log, daß die Balken sich bogen.“ Nicht zu fassen, denn sie ist „ein glitschiger Aal“, „eine glorreiche Schlangenzunge.“ Gesehen wurde sie zuerst in großen Höhen, leibhaftig: „Ich war ein Berg in Pontresina auf dem Weg zu meiner eigenen Sphinx.“ Sagt die Sphinx in ihrem Weisheitskleid. Was sie sagt, läßt mich stürzen, verzweifeln und verwesen. Rätselkatarakte mit intrikatem Rhythmus. Zwei breit grinsende Windelbabys aus Plastik begegnen mir im blauen Salon des Kronenhofs von Pontresina und schauen mich an wie Geister, Wiedergänger, Wörtersphinxe.

„Ich war ein riesiger Zwerg, ich log, daß die Balken sich bogen.“

Die Sphinx überreicht sie mir. Leibhaftig. Ihre Antwort auf meine Fragen hat sie mit der Hand in ein blaues Oktavheft mit Sittichaufkleber geschrieben und auch das überreicht sie mir. Dann spricht sie. Ihre Stimme hat sie sich von den Figuren entliehen. Die sind nun zu taiwanesischem Polyäthylen erstarrt und ihre zwiefache Stimme schmeichelt und zirpt, grummelt und schnarrt ein Antwortlabyrinth. Meine Frage wird ihre Antwort sein. Ich hätte es ahnen können. Die Sphinx mag Schleifen. Etwas, das sich wiederholt und dabei doch nie gleich bleibt. Etwas wird in jeder Satzschleife abgerieben, angehobelt. Verluste sind gewollt. Verlust an Bedeutung, an Zusammenhang, an Orientierung, nie an Beharrlichkeit, an Lust, an Verzweiflung. In anderen Verwandlungen ist diese Sphinx schon oft abgestürzt, haltlos, Kommunikationsakrobatin ohne Netz. Handreichungen vielleicht, Automatisierungen gehören zum Programm, sind erwünscht als Basis für Enttäuschungen.

Die Sphinx muß nicht an alles glauben, was sie sagt. Sie ist kein Modul. Das wäre möglicherweise ein Wunschbild im Spiegel. Sich nicht mehr in die Sätze verschlingen, in die Fragen, die von den Antworten nur immer etwas haben wollen, die mehr haben wollen und nicht die Leere akzeptieren wollen, der sie sich verdanken. Die Sphinx entführt die Fragen in ihre Antworten. Paradiesische Wüsten. Doch verantwortlich muß sie sein. Das ist die größte Schwierigkeit: diese Konsequenz, diese Weisheit nie zu einem Ende kommen zu lassen. Ein Rest an Leere muß bleiben. Sonst kann die Sphinx nicht atmen. Und mir sagen, was ich tun soll. Ich habe sie gefragt, wie ich je wieder gehen könnte, wenn zu kommen mein Wille war. Auf die Details soll ich achten, allzu große Ordnung vermeiden und vor allem weitermachen.

Das ist es, was die Sphinx macht. Sie sagt, ich soll weitermachen, mich nie mit einer Sache begnügen, sondern immer auch die nächste, eine andere machen. Mangel wird es nie geben. Und die Sphinx ist die Worthydra. Das Gegenteil der Wunschmaschine. Für jeden Satz, den sie sagt und ich nicht verstehe, weiß sie gleich noch tausend weitere, die ich auch nicht verstehe. Nur wenn ich weitermache, wenn ich die Frage stelle, sie noch einmal stelle, sie neu und immer wieder neu stelle, in allen denkbaren Variationen, dann muß ich nicht nirgendwo hin gehen, wohin ich nicht hätte kommen wollen. Dann und nur dann, wird die Antwort der Sphinx ihre Wirkung behalten und nicht aufhören.

Ich war ein riesiger Zwerg. Die Beute: dreizehntes Stück erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>
Gorillas http://pfeil-undbogen.de/gorillas/ Fri, 28 Apr 2017 08:00:22 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987454830
„Du willst doch wohl nicht dieses Streichholz anseilen?“, brüllte er vom Rand der Straße hinunter in das kleine Waldstück.
Lesen

Gorillas erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>

„Du willst doch wohl nicht dieses Streichholz anseilen?“, brüllte er vom Rand der Straße hinunter in das kleine Waldstück. Die drei Männer unten hielten inne. Einer fummelte weiter am Seil. „Er hängt im Baum fest!“, schrie er von unten hoch.

Die grell orangen Schutzanzüge leuchteten im Morgendämmerlicht zwischen den Stämmen unten im Tal. Die Visiere der Helme waren hochgeklappt. Sie machten sich an einer gigantischen Tanne zu schaffen.

„Ach was.“, höhnte es von oben zurück. Der Mann am Straßenrand rotzte hinunter. Er drehte sich um. Er nahm seine Schubkarre und schob sie zu einem kleinen Haufen Blätter. Daneben lag ein Laubpuster. Ein Transporter mit winziger Ladefläche stand am Straßenrand. Ein weiteres Häufchen Blätter bedeckte einen Teil der Ladefläche. Wie die Hälften einer Kokosnuss standen die Ohrenschützer an der Seite des Kopfes ab, als er den Laubpuster aufhob und anschaltete.

Um ein Kerl zu werden, schleppte mein Onkel vor fünfzig Jahren auf dem Bau die Rippenheizkörper einen nach dem anderen allein die Treppe hinauf. Er war vierzehn.

Gorillas erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

]]>