Pfeil und Bogen http://pfeil-undbogen.de Literarische Revue Fri, 24 Mar 2017 17:53:19 +0000 de-DE hourly 1 https://i0.wp.com/pfeil-undbogen.de/wp-content/uploads/2016/12/cropped-screenshot.png?fit=32%2C32 Pfeil und Bogen http://pfeil-undbogen.de 32 32 136b http://pfeil-undbogen.de/136b/ Fri, 24 Mar 2017 17:00:54 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455303
Mein drittes Lebensjahr ist diese Treppe. Von dort fächert sich meine Welt auf. Nur was von ihr aus sichtbar ist, existiert.

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Ich bilde mir ein, mich an hohe Fenster zu erinnern. An Licht, das durch Pflanzen auf der Fensterbank scheint. An sonnengebleichtes Parkett. An mit Bilderrahmen und Leinwänden bedeckte Wände. An den Geruch von Farbe,  verschlissene Kissen, Lampen aus Buntglas. Und an das Gesicht meines Vaters, wie es auf dem Foto auf meinem Nachttisch aussieht.

Das ist alles, was von meinem ersten Zuhause übrig ist. An das Gefühl von Vollständigkeit erinnere ich mich nicht. Nur an dessen spätere Abwesenheit.

Von dem zweiten Zuhause, dem Haus meiner Tante, schält sich aus meiner Erinnerung zuerst die Treppe heraus. Die drei Stufen, die ich noch nicht zählen kann. Die mittlere Stufe, auf der ich sitze, die Füße auf der unteren, den Rücken gegen die obere gelehnt. Die Kerbe im Beton, deren Ränder unregelmäßig sind, spitz und gebirgig wie meine Backenzähne, wenn ich mit dem Finger darübertaste.

Mein drittes Lebensjahr ist diese Treppe. Von dort fächert sich meine Welt auf. Nur was von ihr aus sichtbar ist, existiert. Die Straße, die Nachbarn, das italienische Restaurant nebenan. Der Lieferjunge steckt mir manchmal ein Stück Kuchen zu, das meine Hände klebrig macht. Ich wische sie am Rand der Treppe ab, hinterlasse eine fettige Spur, die den Stein mit jedem Mal dunkler färbt. Ameisentruppen, die zu meinen Füßen vorbeimarschieren und die Reste aufsammeln. Der Briefträger, der mir den Kopf tätschelt. Das Quietschen der Briefkastenklappe, das hohle Auftreffen der Papierkante auf dem metallenen Boden des Kastens. Wieder Quietschen.

Mein drittes Lebensjahr ist diese Treppe. Von dort fächert sich meine Welt auf. Nur was von ihr aus sichtbar ist, existiert.

Nur selten ein Auto. Bei Regen spritzt das von den Reifen aufgescheuchte Wasser fast bis zu mir herüber. Auf der Straße bildet der Regen Pfützen und Bäche, in denen sich abends die Lichter spiegeln. Knapp vor meinen Füßen tropft es auf das rötliche Pflaster des Gehwegs. Die Nässe erreicht mich nicht, nur feuchte Kälte, die mir in die Hosenbeine kriecht.

Den ganzen Tag Beine, die vorbeigehen, laufen, rennen, schlurfen. Schritte auf dem Gehweg. Harte, rhythmische Schritte. Männerschritte. Vertraut klingende Männerschritte. Ein Blick die Beine hinauf ins Gesicht, das zu klein ist und zu blond und zu fremd. Fremd auch die Beine, die an mir vorbei ins Haus gehen, kurz stehen bleiben. Hände auf meinem Haar. Blanke Köpfe, denen mein Gedächtnis wahllos Gesichter aufsetzt. Nachbarn, Verwandte, der Pastor, der damals noch ein anderer gewesen sein muss. Lächelnde Gesichter und lächelnde Stimmen, die mir Süßigkeiten in die Hände drücken. Und immer wieder Hände auf meinem Haar. Mal sanft streichelnd, mal so resolut tätschelnd, dass mein Kopf sich zwischen meine Schultern schiebt. Manchmal hockt sich jemand zu mir. Das Gesicht knapp vor meinem. Meistens Frauen. Die Hand nach mir ausgestreckt, als wollten sie, dass ich danach greife. Um mich mit ins Haus zu nehmen wahrscheinlich. Aber ich bleibe sitzen, warte. Irgendwann gehen sie immer.

Meine Tante lässt mich in Ruhe. Sie ist die Tür, die mittags aufgeht und aus der sich ein Teller mit Brot herausschiebt. Ein Apfel. Ein Glas Milch oder Saft. Sie ist die unsichtbare Präsenz hinter dem Küchenfenster. Erst später, als ich groß genug war, um über die Fensterbank zu schauen, wurde mir klar, dass sie mich von dort aus ständig im Blick hatte. Aber damals nahm ich nur gelegentlich ihr Klappern hinter dem geöffneten Fenster wahr. Und die immer gleiche Melodie, die sie bei der Arbeit summte.

Die Stimmen meiner Cousins und meiner Cousinen auf der anderen Seite des Hauses. Das Kreischen der Jüngeren, das  Lachen der Älteren. Alle vier, die an der Treppe an mir vorbeidrängen, mich anstupsen, mich am Arm mit sich ziehen. Ich, die sich wehrt, sich mit dem ganzen Gewicht zurücklehnt, losgelassen wird, hart auf die Stufe zurückfällt. Mein ältester Cousin, der versucht, mich mit Bonbons zu locken. Meine Cousinen, die an mir vorbei die Treppen hinunterhüpfen, sich nicht umschauen, die Straße hinunter verschwinden.

Das Haus, das ist das Geschimpfe der Tante, das Geschnatter der Cousinen, das Gegröle der Cousins, ihr Gehüpfe und Geheule und das Gejammere und Gezetere der Nachbarinnen, die sich den Tag mit Kaffeetrinken bei meiner Tante verkürzen. Das Haus ist all diese Töne, eingeschlossen in dämmrigen Räumen mit zu großen Sesseln und zu dunklen Möbeln. Und zwischen mir und all dem die schützende, dämpfende Haustür. Und um mich herum das Brummen der Motoren, das Geklapper der Schritte, das Surren der Fahrräder, das Hallo und Wie geht’s und Mach’s gut.

Und dann sind da noch Details, die zusammenhanglos in meinem Gedächtnis kleben. Details wie ausgeschnitten aus einem größeren Bild. Ein Strauß Blumen, weiß mit buttrigem Kern, wie überdimensionale Gänseblümchen. Ein paar ausgetretene Lederstiefel, braun, nur zur Hälfte geschnürt und an den Spitzen hell und abgewetzt. Ein Hemd, blau-weiß gestreift, dem ein Knopf am Kragen fehlt. Kinderschuhe aus schwarzem Lack, die über den Gehsteig hüpfen, immer zwei Hüpfer mit einem Fuß. Tadam. Tadam. Tadam. Ein mit schwarzer Spitze besetztes Kleid. Der platte Reifen eines Fahrrads. Blank polierte Anzugschuhe. Und immer wieder der graue Beton unter meinen Füßen.

Das war mein drittes Lebensjahr. Die Treppe, die Treppe vor dem Haus meiner Tante. Von dort fächerte sich meine Welt auf. Nur was von ihr aus sichtbar war, existierte. Fast ein ganzes Jahr lang war das meine Welt. Meine Welt, die aus Warten bestand, bis abends meine Mutter heimkam, mich von den Stufen auflas und mit ins Haus nahm. Ins Haus meiner Tante, das jetzt auch unseres war. Dann klappte sich die Welt um meine Mutter herum zusammen und blieb bis zum Morgen fest und warm und beinahe vollständig.

An den letzten Tag erinnere ich mich nicht. Den letzten Tag auf der Treppe. Ein Tag war alle Tage und alle Tage gleich. Und irgendwann vorbei.

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Aus: Larissa Böttcher, Elena Groß, Silvie Lang, Valentin Pretzer, Mara Schepsmeier (Hrsg.): Vielleicht waren wir Kinder. Edition Paechterhaus 2017.

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Ich atme http://pfeil-undbogen.de/ich-atme/ Fri, 24 Mar 2017 09:00:52 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455298
Und dann ist da noch diese eine, diese erste Erinnerung meines Lebens. Sie sitzt, oder beginnt, tief in mir, in meinem Zwerchfell oder meiner Brust. Die Erinnerung, in der ich gelernt habe, zu atmen.

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Wenn ich atme, denke ich an ihn.

Wie meine Eltern wohl auch die ganze Zeit, nein, ununterbrochen an ihn gedacht haben müssen. Mein Vater hatte damals vermutlich noch keine grauen Schläfen. Ich kenne ihn aus der Zeit nur von Bildern. Mit mehr Bauch, einem runderen Gesicht, ohne Falten, noch keine Brille. Sonst sieht er mich aus den Bildern an wie heute. Damals wird er aber nicht gelächelt haben. In meiner Vorstellung sitzt er immer zusammen mit einem Kirchenrat in seinem alten Büro auf dem Sessel oder dem Sofa oder woanders. Weil mir der Kirchenrat das mal so erzählt hat. Der muss damals schon graue Schläfen gehabt haben. Sie beteten gemeinsam. Ich stelle mir vor, beim Beten hatten sie auch Tränen in den Augen, weil der Kirchenrat welche hatte, als er mir davon erzählte.

Jetzt habe ich Tränen in den Augen, wenn ich daran denke. Wie mein Vater mit dem Kirchenrat unter Tränen für ihn betete. Der, an den ich denke, wenn ich atme. Für ihn, der dann mal, später, ich wurde.

Mit ihm hat meine Mutter das durchlebt, was keine Mutter durchleben kann, ohne zu altern. Sie muss sich auch verändert haben. Heute ist sie fröhlich und lacht viel und ist selbstsicher und souverän. Ich kann mir ihre Angst fast nicht vorstellen, in der sie das träumte, wovon sie mir erzählte. Von einem Grabstein mit meinem Namen drauf. Wenn sie eingeschlafen ist an seinem Bett. Auch ihre Kraft scheint unvorstellbar, die sie irgendwie auf ihn übertragen haben muss. Mit ihrer Hand auf seiner Hand oder seinem Kopf oder seiner Brust.

So stelle ich mir das jedenfalls vor.

Ich kenne auch ihn nur von Fotos. Mit Spielzeug. Ein Nilpferd in einem Boot. In der Badewanne konnte man es paddeln lassen. Ich erinnere mich, dass er, oder ich, es geschenkt bekommen hat. Oder ich meine, mich zu erinnern. Vielleicht erinnere ich mich nur an ein Foto. Ich erinnere mich nicht daran, dass es im Krankenhaus war. Ich erinnere mich nicht an die vielen Schläuche, die aus seiner Nase oder meinem Mund oder seinem Arm gekommen sind. Ich kenne nur die Erzählungen. Nur manchmal nachts glaube ich, mich an das Gerät zu erinnern, aus dem die Schläuche kamen. Beige und grau und blinkend.

Und dann ist da noch diese eine, diese erste Erinnerung meines Lebens. Sie sitzt, oder beginnt, tief in mir, in meinem Zwerchfell oder meiner Brust. Die Erinnerung, in der ich gelernt habe, zu atmen.

Und dann ist da noch diese eine, diese erste Erinnerung meines Lebens. Und tief in mir drin weiß ich, spüre ich ihren Anfang und sie ist eine Erinnerung an oder auch von ihm. Die eine Erinnerung sitzt, oder beginnt, tief in mir, in meinem Zwerchfell oder meiner Brust. Die Erinnerung, in der ich gelernt habe, zu atmen. Meine Rippen auszuweiten und ein Vakuum in meinem Körper zu erzeugen. Um Luft in die wenigen noch nicht zerstörten Lungenbläschen zu pressen, die zum Bersten voll sein müssen, trotzdem gerade genug Sauerstoff in ihnen zum Leben. Sauerstoff, den ich gelernt habe, in mir zu halten, nicht mehr herzugeben, aufzunehmen in meinen Blutkreislauf, getrieben von einem Herzen, das nie härter und nie mit mehr Willen pumpen wird, getrieben von einer Sehnsucht nach Leben.

Die Ärzte, so erzählte man es mir, haben gesagt, dass es keine Erklärung dafür gäbe, wieso das Kind noch lebe. Oder wieso es so krank geworden sei. Eigentlich bekomme es weniger Sauerstoff, als es brauche zum Leben. Eigentlich müsse es tot sein. Eigentlich wolle das Kind auch sterben.

Ich kenne den Kampf meiner Eltern gegen sein Sterben nur aus ihren Erzählungen. Ich weiß, dass meine Eltern ihn aus der Kinderklinik in Bayreuth befreit haben, weg von den Ärzten, die ihn sterben lassen wollten. Hin zu anderen Ärzten nach Erlangen, die mit großen Augen über seine, also meine Geschichte staunten. Nach Erlangen, wo ihm das Leben gerettet wurde. Wo man ihm die Möglichkeit gab, weiter zu atmen. Wohin sie alle kamen, um bei ihm, dem kleinen Mir zu sein, und ihn sahen, wie er, kaum noch mehr als ein Skelett, in dem Bett lag, mit all den Schläuchen im Arm und der Nase und dem Mund. Um zu sehen, wie er atmete, um mich zu retten, um mein Leben zu verlängern um einen weiteren Atemzug, der dann wieder der letzte sein könnte, in der Lunge, die er dann nochmal auseinanderzwingt, um noch einen Moment weiterzuexistieren.

Alles, damit er irgendwann zu mir werden konnte. Und ich atme für ihn weiter. Jeder Atemzug heute ist ein Echo von damals. Als wäre jeder Atemzug der eine nächste, der ihn nochmal vor dem Tod bewahrt hatte. Und heute atme ich noch mit dem Wissen, dass ich nur einen Atemzug anhängen muss, an die endlose Kette, die mich direkt verbindet, mit ihm, dem kleinen Ich. Mehr muss ich nicht schaffen. Nur einen Atemzug, nie einen ganzen Tag, oder eine Stunde, oder eine Minute. Ich muss nur stark genug für den nächsten Atemzug sein. Für ihn. Er war ja auch stark genug für mich.

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Kjell http://pfeil-undbogen.de/kjell/ Tue, 21 Mar 2017 18:28:04 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455288
Wir sind wie ein Schiff, treiben langsam durch die schmale Öffnung, wo der Fjord Meer wird, auf den stürmischen Ozean. Und da draußen kann alles geschehen.

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Kjell, sagt sie immer wieder, und ich frage mich, was das sein soll. So viele Geheimnisse lauern da draußen und ich habe nichts als ihre Bilder. Hier ist es so dunkel.

Kjell, sagt sie, wenn du erst den Raureif an einem kühlen Wintermorgen siehst, wirst du verstehen, was ich meine. Nichts leuchtet mehr, weißt du. Wie Puderzucker bedeckt er die kargen Äste. Und das dunkle Grün der Fichten ist dann pastell. Selbst der Himmel erstrahlt bleich. Und Kjell, könntest du das Eichhörnchen sehen, das sich geschickt auf den nächsten Zweig schwingt. Könntest du sehen, wie still alles ist. Nur die höchsten Baumwipfel wiegen sanft im Wind. Die Rinde schimmert rot und kein Schnee liegt auf der Wiese in unserem Garten, aber es sieht so aus. Weißt du, wieso es so aussieht? Es ist der Raureif …

Der Raureif. Ich kann ihn vor mir sehen. Er glimmt violett, so wie meine ganze Welt. Und draußen muss es warm sein, so wie alles warm ist. Eichhörnchen schwimmen genauso behände wie ich, sie schweben schwerelos. So muss es sein.

Kjell, Kjell. Es ist ein Zauberwort. Wüsste ich nur, was sie damit beschwören will!

Kjell, sagt sie, wir werden ans Meer gehen. Das musst du sehen! Wie winzige Punkte auf dem azurblauen Spiegel glitzern und niemand weiß, was sie sind! Und wie die Wogen der Wellen das bedrohliche Tief hin und her wiegen wie eine Mutter ihr Kind. Ganz nah beim Strand ist das Wasser heller. Wenn wir dort im Sand sitzen, unsere nackten Füße sich unter die glatt geschliffenen Steine wühlen, die Hände Muster in den Boden malen, dann sehen wir hinüber zu den flachen Bergen, die hinter dem Meer schlafen. Es ist ein Fjord, Kjell. Erst wie ein See, vom Land umrundet, und dann führt er ins Meer. Also, eigentlich ist es das Meer selbst, aber der Name ist anders, Kjell … Kjell … Die Hügel, sie sind moosgrün, sie liegen da wie ein schlummernder Riese, und Riesen, solltest du wissen, die gibt es wirklich. Irgendwann wachen sie auf, genau wie du. Und irgendwann waren sie mal so klein wie du. Alles wächst, Kjell. Ganz langsam, aber es wächst. Nicht immer in die Länge, aber die Dinge wachsen. Die Wolken wachsen. Könntest du sie nur sehen! Sie wachsen vom Westen in den Osten, halten sich, umarmen sich. Sie treiben wie ein Schiff auf dem blassroten Firmament, kitzeln dieses kitschige Licht, ertränken es schwerblau.

Wir sind wie ein Schiff, treiben langsam durch die schmale Öffnung, wo der Fjord Meer wird, auf den stürmischen Ozean. Und da draußen kann alles geschehen.

Könntest du es sehen, Kjell … Wie sie wachsen! Dann drehen wir uns schwerfällig im Sand und legen uns mit dem Bauch in die Dünen. Und da wächst das Schilf. Lange, elegante Borsten, die der Wind miesepetrig in alle Richtungen zerrt. Er ist ein launischer Geselle, genau wie du, Kjell. Das Gestrüpp ist fast schwarz. Kaum zu glauben, dass so etwas an Land existiert. So muss die Welt unter dem Meer aussehen, aber genau weiß ich das auch nicht. Manche Büsche sind groß und eingebildet. Sie recken stolz das Kinn in die Luft und ihre Äste greifen nach dem Himmel. Aber sie sind auch erhaben. Manchmal denke ich, gleich fangen sie an zu singen. Ein Seemannslied vielleicht. Dann strecken sie sich, sie wollen so gern zu den Bergen auf der anderen Seite des Fjords, aber das geht nicht, denn ihre Wurzeln sind nun mal hier. Das ist ziemlich traurig, Kjell. Aber so ist es. Der kleine, dicke Busch gegenüber ist zufriedener mit seinem Platz. Er ist dicht gewachsen, er kann sich besser gegen die Versuchung des Windes schützen. Ach, könntest du es sehen, Kjell! Wenn das Schilf den Sand wie ein Igelfell bedeckt.

Wie der Albatros fliegt! Mit seiner schwarzen Braue, dem dunklen Blick und dem langen, gebogenen Schnabel. Kaum ein Vogel ist so viel in der Luft. Stell dir das vor, Kjell, du würdest dein ganzes Leben lang nur fliegen.

Aber das tue ich doch, denke ich mir. Ich schwimme, schwebe, fliege, mein ganzes Leben. Mit einer dunklen Braue.

Und sein Gefieder weiß wie der Schnee, flauschig wie ein neugeborenes Katzenjunges, mit breiten Flügelkanten, ein kurzer, grauer Schwanz, der im Wind wippt, durch die Himmelsströmung steuert. Stundenlang gleitet er über dem Wasser, ohne ein einziges Mal mit den Flügeln zu schlagen. Und irgendwann findet er sein Gegenstück. Seine zweite Hälfte. Sie umtanzen sich, kieken freudig, finden sich, lieben sich und bleiben beieinander. Ein Leben lang. Nur so ist das kalte, raue Land erträglich, in dem sie fliegen, schweben und kieken.

Ich weiß nicht, warum sich die Geschichten dann verändern. Aber das tun sie. Alles ist verkehrt. Vielleicht habe ja nur ich mich gedreht und damit auch die Welt.

Kjell, sagt sie. Kjell. Irgendwann zeige ich dir alles. Es gibt so viel. Dann werde ich dir eine Orchidee zeigen.

Sie klingt anders. Ihre Stimme ist wie der Raureif. Wie das dunkle Meer. Ich würde sie gerne trösten, aber ich weiß nicht wie. Meine Äste haben keinen Raum, um sich auszubreiten, dabei würde ich sie gerne umarmen.

Ich kann so wenig. Nur zuhören.

Kjell. Die Orchidee lässt ihren Kopf hängen. Ganz oben hängt sie an dem langen, giftgrünen Stiel, sie muss furchtbare Angst davor haben, herunterzufallen. Und sie hängt da ganz alleine. Wartet ihr ganzes Leben, bis sie verblüht. Sie kann nicht weg. Sie wartet. Aber worauf, Kjell? Sie hat ja keine Wahl.

Ein Schütteln geht durch ihre Stimme, und es schüttelt auch mich. Wir sind ganz stark verbunden. Alles, was sie sagt, trifft mich tief, weil ich ohne sie gar nicht bin. Jetzt schüttelt die ganze Welt uns hin und her. Wir sind wie ein Schiff, treiben langsam durch die schmale Öffnung, wo der Fjord Meer wird, auf den stürmischen Ozean. Und da draußen kann alles geschehen.

Wir sind allein, Kjell, sagt sie.

Dann hören die Geschichten ganz auf. Das Meer zieht sich zurück, mit dem wehmütigsten Seufzen, das ich je gehört habe, das Schiff landet auf hartem Grund und zerbricht in der Konfrontation mit dem Stein. Ein Gebirge, das vor langer Zeit hier gewachsen sein muss und eines Tages vom Meer überspült wurde. Der Riese, der ertrank. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er tot ist, denn er sagt nichts. Er erzählt keine Geschichten. Alles, was wächst, erzählt aber Geschichten. Ich denke inzwischen, dass Kjell Geschichte bedeuten muss.

Aber es bleibt still. Bis auf das Seufzen des Meeres. Dabei bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob es das Meer ist, das seufzt, oder sie, die Geschichtenerzählerin. Es macht mich traurig.
In dieser Zeit stelle ich mir alles noch einmal genau vor. Den Raureif, die Fichten, das Eichhörnchen. Den Himmel. Das Meer, den Sand, die Berge und die Büsche. Das Schilf. Es ist wie ein Igelfell.

Kjell. Hast du je gesehen, wie Bücher fallen? Nein. Irgendwann zeige ich es dir. Es sind so viele Bücher, dass man sie gar nicht zählen kann. Es ist dunkel. Sie fallen. Die roten Buchrücken breiten sich aus wie ein Fallschirm und die weißen Seiten rascheln wie Blätter im Wind, flattern wie Schmetterlingsflügel, Zitronenfalter vielleicht. Was für ein Tohuwabohu! Rambazamba! Kannst du sie hören? Rsch … Rsch … Rsch … Sie stoßen gegeneinander, flüstern sich Buchstaben zu, Sprachen vermischen sich und du stürzt dich mit hinein, springst vom höchsten Regal, von oben, denkst du dir, sehen die Bücher aus wie eine Stadt, Dächer, die schief und schräg überall hinwachsen, wo noch Platz ist. Dann siehst du, dass du aufprallen wirst, dass du zerschellen wirst, zerbrechen wie eine Schneeflocke. Hörst du das Eis knacken? Die Zeit steht still.

Es tut nur kurz weh, Kjell. Dann bist du da.

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Aus: Larissa Böttcher, Elena Groß, Silvie Lang, Valentin Pretzer, Mara Schepsmeier (Hrsg.): Vielleicht waren wir Kinder. Edition Paechterhaus 2017.

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Das Spiegelstadium, das bist du http://pfeil-undbogen.de/das-spiegelstadium-das-bist-du/ Tue, 21 Mar 2017 18:09:33 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455277
Wer von sich, von einer Kindheit erzählen will, legt sich in das „Bett des Imaginariums“ und schaut in die eigenen Augen, wenn sie etwas anderes erblicken. Ich ist immer mindestens zwei Andere.

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Etwas, das ganz und gar fest war, muss aufgebrochen und dann, irgendwann, meist zu spät und unter Mühen und Schmerzen, wieder rekonstruiert werden. Das Feste aber war nur fest gemacht, nicht selbst gewählt. Davon ließen sich Bilder machen, anhand derer später erzählt werden kann, was gewesen sei. Nur davon lassen sich für Schreibende Bilder machen, von diesem Festen, Unerschütterlichen, Fixierten. Das, was von der Schrift nicht mehr erfasst werden kann, wird im Bild festgehalten. Alles, was über das Bild hinausgeht, überschreitet die Körpergrenze und verlangt nach einem Medium, das sich dem Imaginären, von dem erzählt werden soll, anpassen kann. Wer von sich, von einer Kindheit erzählen will, legt sich in das „Bett des Imaginariums“ (Barthes) und schaut in die eigenen Augen, wenn sie etwas anderes erblicken. Ich ist immer mindestens zwei Andere.

Ein Semester lang haben wir Texte gelesen, in denen von Kindheit erzählt wird, von einer „abgesonderten Welt, deren Bestandteile in Form und Farbe aus der realen Welt hervorstechen und zur gleichen Zeit das darstellen, was sie vielleicht an Schärfstem besitzt.“ (Leiris) Dazu gehört eine geheime Sprache, mit einer Innen- und einer Außenseite. Ein ständiger Balanceakt zwischen Kurzschlüssen und Schlüsselwörtern, die den Bruch nicht verdecken, sondern als Realität sichtbar machen. In nahezu allen Texten ist die Suche nicht nur nach dieser sprachlichen Balance gegenwärtig, etwa nach der Wiedererinnerung der Kindersprache, sondern immer auch die Suche nach einer Kindheit der Sprache, nach den Missverständnissen und Irrtümern, nach Lautähnlichkeiten, Unebenheiten, aus denen sich eine zerbrechliche, aber ebenso leid- wie lustvoll erfahrene Wirklichkeit verdichtet.

Dazu gehören vor Fenster schwebende Väter, die bald verschwunden sein werden (Nabokov), Wut und Beschämung des Davongekommenen (Eribon) oder die Kunst der Erregung: „Ich kann nach Herzenslust kotzen!“ (Céline). Mit Perec haben wir auf die traurigste aller Geschichten geschaut und auf eine Kunst, die, verzweifelt um Ordnung bemüht, gerade hier alles schweben lässt, auf große Wünsche, halbe Leben und die Initialzündung des „Ich habe keine Kindheitserinnerungen.“ Oder Raymond Federman, der vom Anfang und vom Ende erzählen kann, aber von dem, was dazwischen war, nichts; nur von einem Flüstern, mit dem sich alles auflöst.

„Ich habe keine Kindheitserinnerungen.“

Im Bild, das es noch gibt, ist ein Wesen zu sehen, das wie versteinert ist und das nicht weiß, warum das so ist. Das Wissen um diese Unwissenheit markiert die Schwelle, von der an erzählt werden kann. Das ist die „Ahnung entfernten Schmerzes, von der Kinder leben, ohne es zu wissen“ (Aichinger). Was wir sehen, wenn wir das Bild anschauen, das wir haben von der Kindheit, oder auch das, welches wir uns machen wollen, ist eine Konstruktion, eine Geschichte, die wir erzählen wollen. Obwohl wir wissen, dass die Selbstidentifikation immer verkennt, dass so ein Zusammentreffen nie geschehen wird. „Kindheit ist eine Lüge der Dichtung.“ (Gass)

Zwischen Aufruhr und Unterwerfung wie bei Peter Weiss rast diese Suche nach einem Ich, danach, wie es wirklich war, hin und her. Die schreiben und erzählen, müssen ein Paradox gestalten. Denn das Kind, das sie vielleicht waren, ist, wenn die Sonne in den Händen zerplatzt (A.F.Th. van der Heijden) oder Kugeln im Knie stecken (Cosic), nur um den Preis seiner Derealisierung zu finden. „Wenn ich frei war, dann war ich frei von Wirklichkeit.“ (Hilbig) Ein Traum vielleicht, ein abgelöstes Wesen, das nicht weiß, aber eben ahnt, wie ein Leben zusammen hängt. Wir gehen nun nur noch in die entgegengesetzte Richtung.

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Aus: Larissa Böttcher, Elena Groß, Silvie Lang, Valentin Pretzer, Mara Schepsmeier (Hrsg.): Vielleicht waren wir Kinder. Edition Paechterhaus 2017.

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Strategien der Wirtsfindung. Die Beute: siebtes Stück. http://pfeil-undbogen.de/strategien-der-wirtsfindung-die-beute-siebtes-stueck/ Mon, 20 Mar 2017 09:00:18 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455080
Wer ist wessen Beute? Im parasitären Rausch kann und will das niemand mehr entscheiden. Wer Wirt geworden ist, ist keine Beute mehr.

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Nichts, auf das wir uns verlassen müssen. Nichts, das ganz ist oder vollständig, das Fülle repräsentiert oder Normalität, das standardisiert und sagt, was üblich sein soll, wie man schreiben oder sprechen oder lesen muss. Nichts, das uns oder mir oder wem gehört, nichts, das klar und rein wäre. Nichts, von dem so zu reden wäre, nur damit wir das Andere ausstellen können, das einfach nur anders ist und nicht normal, das nicht repräsentativ, nicht ernsthaft oder hohl sein soll. Die Prozesse, in denen wir schreiben oder sprechen oder lesen, brauchen diese Strategien nicht.

Das Sirren war nur ein Geräusch. Eine Botschaft, die für Unordnung sorgt, vielleicht auch für eine neue, andere Ordnung, die wiederum nicht lange hält. Das Geräusch interveniert, unterbricht. Das Ziel ist ohne Belang. Gleich, ob es getroffen wird oder nicht. Alles, was geschieht. Nur darum geht es, um den Prozess. Es geht um eine Übertragung. Immer zwei Pfeile, die zu verschiedenen Punkten gelangen.

Immer zwei Pfeile, die zu verschiedenen Punkten gelangen.

Das Material arbeitet ebenso parasitär wie das Schreiben selbst. Seine Konstitution droht immer infiltriert und von innen zerstört zu werden. Aber je nachdem, wo Material und Schreiben sich im Prozess befinden, versuchen sie selbst in das einzudringen, was ihnen vorausgeht oder vorausgegangen ist. Eindringen heißt, Teil zu haben und zu nehmen, sich zu laben, um dann wachsen zu können, selbst groß und fett zu werden, damit die nächsten Parasiten auch wieder etwas haben, das sich lohnt.

Parasitäres Schreiben heißt, vom Teller eines anderen zu essen. Das ist kein Austausch, sondern Übertragung, Missbrauch. Wörter und Sätze, manchmal auch nur Buchstaben werden anders verwendet, als sie zunächst in Gebrauch waren. Intentionen sind zu vernachlässigen. Entscheidend ist, dass der Kontext verändert wird.

Nicht jedes missbräuchliche Schreiben ist wie das andere. Es gibt auch Kontexte, die empfänglicher sind für die Infiltration als andere. Und nicht immer lässt sich der Missbrauch vom bloßen Gebrauch unterscheiden, weil nicht mehr zu rekonstruieren ist, wer von wessen Teller nimmt und ob er was dafür gibt oder einfach nur frisst und vertilgt und aufsaugt, nicht mal mehr verdaut, sondern nur noch schlingt bis er nicht mehr kann, bis er platzt.

Wer ist wessen Beute? Im parasitären Rausch kann und will das niemand mehr entscheiden. Wer Wirt geworden ist, ist keine Beute mehr. Strategien, einen Wirt zu finden, gibt es, wie Brigitta Falkner zeigt, viele. Eine schöner als die andere. Wirt zu sein und zu werden dagegen, ist ungefragt. Einmal Infiltrant gewesen zu sein, scheint jedenfalls dafür eine gute Voraussetzung. Anders als in der sogenannten Natur ist hier der Rollentausch von Bedeutung, wenn nicht gar Regelfall.

Die kulturelle Konstruktion des Parasitären zielt immer auf die Ränder, auf die Minoritären, die Armen und die Farbigen, die queeren und die behinderten Menschen, auf Frauen. Autor°innen, die sich ja von dem bedienen, was geteilt wird, und dafür nichts Nützliches zurückgeben, müssen daraus lernen. Ihr Schreiben eignet sich etwas an, zitiert, es ist derivativ, vampirisch. Was keine Schande ist, sondern eine Strategie im sinne appropriativer Opposition. Dieses Schreiben ist, als prinzipielle Übertragung, unmenschlich.

Was geschrieben oder erzählt wird, ist nicht, was es ist. Nicht, was es bedeutet, nicht das Wesentliche oder eine Repräsentation, sondern lediglich etwas dazwischen. Etwas, das nicht im Zentrum steht, sondern von den Rändern her, sozusagen bis zum Äußersten, sein Schmarotzertum auslebt. Da ist alles Lüge und Heuchelei und Simulation. Also die Wirklichkeit, das Leben. Beides gehört zusammen, die Wahrheit und die Untreue gegenüber dem Beobachteten, dem Leben. Was das parasitäre Schreiben produziert, ist ein Versprechen, das nicht ausgeschlossen werden kann.

Es geht um Zumutung, Infektion, eine Art Juckreiz. Das Schreiben saugt sich an, gräbt sich ein, sorgt für ständige Verstörung, ist durchlässig, verletzlich, nicht souverän, unrein. Eine Möglichkeitsform, die mehr verlangt und nimmt, als sie gibt. Es will auf nichts hinaus. Nicht vor oder zurück. Der Wirt, der andere Text wird einfach gezwungen, sich zu verwandeln, ohne eine bestimmte Richtung. Es geht darum, eine weiche, dünne oder süß schmeckende Stelle zu finden, und dann zu saugen, bis der neue Text zu einem eigenen Text angeschwollen ist. Was der Wirt schrieb, wird extrahiert, verschlungen. Zurück bleibt ein infizierter Wirt. Der neue, fast schon wieder welkende Text lässt los und sucht sich einen neuen Wirt.

Beim Lesen von Brigitta Falkner: Strategien der Wirtsfindung. Matthes & Seitz 2017, 204 Seiten, durchgängig illustriert.

 

Strategien der Wirtsfindung. Die Beute: siebtes Stück. erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Ich schreibe nicht, kann nur tippen http://pfeil-undbogen.de/ich-schreibe-nicht-kann-nur-tippen/ Sun, 19 Mar 2017 06:55:42 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987454777
1.Ich schreibe fast nie mit der Hand. Handschriftlich schreibe ich nur Notate, Erinnerungen an mich selbst. Ich schreibe / kritzele sie nieder als Grundlage für etwas, das noch getippt werden…

Ich schreibe nicht, kann nur tippen erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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1.Ich schreibe fast nie mit der Hand. Handschriftlich schreibe ich nur Notate, Erinnerungen an mich selbst. Ich schreibe / kritzele sie nieder als Grundlage für etwas, das noch getippt werden muss. Wenn (kausal / temporal) ich ein Autor bin, dann ein tippender Autor, kein schreibender – kein Schriftsteller, eher ein Tipper, ein Tippser. Ich tippe mich heran, ich tippele ungeschickt, lösche, überdenke, arrangiere, kopiere. Ich bin ein Autor, dessen Arbeit in der Suche nach einer Konstanz / einer Konstanten besteht, die über die unaufhörlichen (und viel öfter aufhörlichen) Ausschläge / Aufschläge meiner Fingerkuppen hinausgehen. Mein Tippen ist ein defizitärer Zustand, es bleibt Versuch.

Der Wunsch ist Vater des Gedankens (in) einer Muttersprache, meiner Muttersprache. Die Familienverhältnisse sind kompliziert. Der Geist, dem ich nachspüre / nachschleiche ist mein eigener. Ich bin ein Kind des Problems / problematisches Kind. (In einem Stück Rolf Zuckowskis heißt es: „Tipp-Tapp-Tipp-Tapp-Tippe-Tippe-Tipp-Tapp / Seht mal wie er laufen kann“; es geht um Kinder, die in der Nacht aufwachen, geheimnisvollen Geräuschen in die Küche folgen und den Vater am Kühlschrank überraschen.) Ich suche ruhelos auf der Stelle tippe(l)nd nach einem Zustand der Dauer / Ausdauer – tippe mich an einen Satz heran, der (nur von mir) geschrieben werden könnte.

Per Hand zu schreiben, würde voraussetzen, dass ich beim Schreiben eines Satzes schon weiß, welcher der zweite sein wird, welcher der richtige zweite sein wird und dass der erste der richtige gewesen sein wird. Aber das wissen höchstens meine Finger (Niemand hat sie je fragen können). Ich vertraue auf sie / muss auf sie vertrauen.

 

2.

Ich habe mir meine Nägel vorgestern geschnitten. Sie haben keine weißen Ränder, glaubt man der medizinischen Volksweisheit, leide ich also keinen Mangel an lebensnotwendigen Mineralien. Seit einem Ferienjob als Schüler habe ich an der linken Hand zwei Narben. Mein rechtes Handgelenk ist seit einem Armbruch minimal weniger belastbar als das linke. Ich nutze nur sehr selten Handcreme. All das lässt sich aus diesem Text nicht herauslesen. Das Tippen nivelliert Merkmale. Ich kann voller Elan an die Arbeit gehen, oder zögerlich sein oder mein Arm könnte sogar immer noch gebrochen sein. Das Tippen (englisch für „leicht berühren“) könnte ein Hämmern sein, kein An-stoßen sondern Stoßen, ein schmerzhaftes Anrennen mit dem Kopf durch die weiße Wand. Von nichts davon wären hier Spuren / Beweise zu finden. Ich müsste schon so stark bluten, dass einzelne Tasten der Tastatur nicht mehr funktionstüchtig wären, um ein auch für den Leser merkliches Handicap in den Text hineinzutragen.

Die Blutrünstigkeit / Gefährdung dieses Beispiels liegt nahe, da eine der ersten großen Produzenten von Schreibmaschinen die Firma Remington war. Schreibmaschine und Maschinengewehr: zwei Seiten eines vollgeschriebenen Blatts der Geschichte unserer Gegenwart. Das Maschinengewehr löscht Körper aus, ver-nichtet seriell. Die Schreibmaschine ersetzt die Spur des Körpers. Die Handschrift (die vor Gericht Identitäten und auf Jahrmärkten Seelen entblößt) weicht der Typographie, der Standardisierung.

 

3.

Der Druck auf eine Schreibmaschinentastatur vollzieht automatisch das Zeichen, es ist eine zwingende Beziehung. (Die Vollziehung einer Ehe folgt durch ein Wort: Ja. Die gesprochene Sprache ist affirmativ, ist gegenwärtig. Der Text dagegen verneint die Anwesenheit (s)eines Schöpfers, des Autors; er ist immer schon abwesend. Dieses Durchstreichen positiver Sprache gelangt mit der Software an sein vorläufiges Ende. Die Form verhindert meine Anwesenheit. Den Beweis eines Daseins gibt es nur für den Preis seiner Gewesenheit / Vergangenheit. Literatur wird immer Präteritum sein.) Im semiotischen Sinne fungiert es nicht nur als Buchstabe, Ziffer, Satzzeichen odersoweiter, sondern auch als Index. Indizes verwiesen darauf, dass einmal jemand da war, dass jemand Tasten gedrückt hat(te). Die Referenz als notwendige Bedingung einer vergangenen Gegenwart. Nur glaubt niemand an diese Vergangenheit. Sie ist wie Literatur, die nicht berührt, also keine. Hilft nicht. Maschinengeschriebene Seiten könnten von jedem stammen oder von niemandem. „Wer mit der Hand schreibt, befindet sich in den Außenbezirken der Schriftkultur, nämlich dort, wo noch die Kalligrafie und Grafologie, diese mittelalterlich anmutenden Lesarten, walten.“ (Flusser, Die Schrift)

Die Schreibmaschine und noch viel mehr mein MacBook Pro erfordern die Literatur, den eigenen Stil, einen Text (den nur ich schreiben kann), weil ich sonst dem Gerät nur folgend einen Text schriebe, an dem mein Blut nicht klebt / der nichts von mir aussagt, wegen dem niemand an meinen Körper glaubt. (Mein Leser, Mein Leser, warum hast du mich verlassen?) Wie kann ich mich in die Tastatur hereinholen? Wie kann ich die Standardisierung überwinden? Wie werde ich präsent? (Endlich lebendig, nach allen den Zeilen.) Ich muss einen Text schreiben heißt: Ich muss mich in ihn hineintippen, qwertz muss micha werden.

 

4.

Das Tippen an der Maschine unterscheidet sich zwar vom Tippen am Computer, jedoch: die Anordnung der Zeichen ist dieselbe geblieben. Die qwertz-Tastatur richtet sich nach Sholes Idee, „in Texten häufig vorkommende Buchstabenkombinationen zu trennen, um ein Verhaken der Typenheber einzuschränken“ (Historisches Wörterbuch des Mediengebrauchs; Christians et al 2015). Ein solches Verfahren ist in digitalen Zeiten nicht mehr nötig. Dem Tippen ist also eine Unvernunft eingeschrieben, eine Überkommenheit, eine Trägheit, unter der die Mediengeschichte trotz aller Revolutionen ächzt und von der sie zehrt. (Das Telefon wäre womöglich nie erfunden worden, hätte es nicht die Telefonie als Vorstellung / Wahn der Möglichkeit, mit den Toten oder weit entfernten Menschen sprechen zu können, bereits viel früher gegeben.) Ich tippe also einem unvernünftigen Programm folgend auf einer Tastatur. So produziere ich Zeichen, die diskret und diskontinuierlich sind. Alles ist entzifferbar und alles ist rechenbar. Unter meinen Fingern trennt die Maschine Welt in 1 und 0. Der Unterschied entwirrt den ganzen Zülles und gewährleistet so den totalen Zugriff. (Wer sogar durch Null teilt, macht vor nichts Halt.)

Ich berühre mit meinem Text dem Programm folgend (dem einzigen, das ich beherrsche / das mich beherrscht wie kein anderes) nichts. Das Blatt ist glatt, der Bildschirm ist neu und kein Pixel tot. Niemand betrauert mich. Nichts verletzt. Ich müsste einen gefährlichen Satz schreiben, weil Papierschnitte zu selten sind. Ich muss das Barthessche Punctum kalkulieren, müsste es kalkulieren können, um zu schreiben. Solange tippe ich, um es in der Retrospektive gesetzt zu haben. Ich tippe, damit ich geschrieben haben werde.

 

5.

In diesem Satz drücke ich 26 mal mit dem kleinen linken Finger auf eine Taste, 3 mal mit dem linken Ringfinger, 65 mal mit dem linken Mittelfinger, 67 mal mit dem linken Zeigefinger, 14 mal mit dem linken Daumen, mal mit dem rechten kleinen Finger, 21 mal mit dem rechten Ringfinger, 43 mal mit dem rechten Mittelfinger, 98 mal mit dem rechten Zeigefinger und 72 mal mit dem rechten Daumen.

Ich schreibe nicht, kann nur tippen erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Anna Basener: Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte http://pfeil-undbogen.de/anna-basener-als-die-omma-den-huren-noch-taubensuppe-kochte/ Fri, 17 Mar 2017 08:00:58 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455208
Bettelnde Obdachlose vor Sexshops und von Bling-Bling-Schildchen beleuchtete Pfützen Erbrochenes. Tut dat Not, dat dat so dreckig is' hier? Da muss ma' wieder ordentlich geputzt werden.

Anna Basener: Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Zwischen Seidenstrings und Samtkragen

Der Kiez: Trubel vor der Showbar, gegenüber bahnt sich Streit mit dem Türsteher an. Bettelnde Obdachlose vor Sexshops und von Bling-Bling-Schildchen beleuchtete Pfützen Erbrochenes. Tut dat Not, dat dat so dreckig is‘ hier? Da muss ma‘ wieder ordentlich geputzt werden. Ein klarer Fall für die Omma, ihres Zeichens Kiezlegende.

Anna Baseners Debütroman Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte portraitiert besagtes Milieu. Gespickt mit pseudoromantischen Beziehungsdramen zwischen Huren und ganz speziellen Freiern sowie detailliert geschilderten Sexszenen gewährt der Erstling Einblick in die zerfahrene Gefühlswelt der Protagonistin Bianca.

Das Rezept Basener Art für eine Gratwanderung zwischen Seidenstrings und Samtkragen:

  1. Eine Hauptfigur, die sich doch bloß mit ihrer eigenen Schlüppi-Kollektion selbstständig machen will.
  2. Zu ihr zieht die Omma aus Essen-Rellinghausen, im Gepäck eine Vergangenheit als Puffmutter („Wirtschafterin“) und Mörderin („Notwehr“) sowie ein ausgewachsenes Verlangen nach Schnaps und Zigaretten.
  3. All das kräftig würzen mit dem Mysterium um eine totgeglaubte Hure und Seelenverwandte.
  4. Abschließend bereitet eine komplizierte Vaterfigur noch mehr Salz in die ohnehin schon versalzene Tauben-Suppe. Voilà.

Obwohl leicht zu lesen, ist Baseners Roman keine feelgood-Lektüre. Schuld daran ist sowohl das mehr als unappetitliche Milieu als auch die Streckung der Handlung auf über 300 Seiten. Gewöhnungsbedürftig ist besonders der aus Provinz und Großstadt gemischte Klamauk-Hybrid der zusammengepatchworkten Familie. Wir haben uns auf den ersten 30 Seiten gerade an ihn gewöhnt, so fühlen wir uns in der Plotmitte geradezu von ihm erschlagen; wenn die über allem thronende Matriarchin sukzessiv Biancas Berliner Leben beschlagnahmt. Bianca kommentiert das so: „Omma, du kannst nicht immer alle Menschen frigide nennen, die gegen Huren und Bordelle sind.“

Da tauchen totgeglaubte Huren auf und B-Movie-Bösewichte.

Was erst nach beinharter Milieu-Studie klingt, entpuppt sich als romanlanger Witz. Unterfüttert mit Parodien anderer Genres, wie dem Krimi oder Ekelfeminismus a la Charlotte Roche.

Demgegenüber steht eine durchaus intelligente Erzählweise mit gelungenen Überraschungen und einigen witzigen Pointen. Biancas Rollenprosa ist knapp und oft elliptisch, sie erzählt ihr Umfeld über dessen Äußeres. An Versprechen, intelligent zu unterhalten, mangelt es wirklich nicht. Aber sie erfüllen sich nur dann, wenn Basener nicht auf Lacher spielt, wie es im Theater heißt. Also keinen Slapstick erzählt. Das ist leider die Ausnahme. Besonders die letzten 100 Seiten wirken wie eine einzige Verbeugung vorm Trash. Da tauchen totgeglaubte Huren auf und B-Movie-Bösewichte.

Sicher wäre der Roman völlig unerträglich, hätte er nur dieses lustige Gesicht. Aber er hat ja noch ein zweites, ein ernstes und trauriges. Und beide Gesichter ineinander verschränkt, ergeben diesen doppelten Boden, der einen stolpern lässt und stockend lachen. In den gröbsten Szenen liest es sich ganz sanft, von den Huren und der alten Zeit. Es ist wie mit dem Lebensraum, der so lebendig porträtiert wird: wenn man sich erst mal drauf eingelassen hat, geht’s.

Anna Basener: Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte. Eichborn, 2017. 316 Seiten.

Anna Basener: Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Begegnung http://pfeil-undbogen.de/begegnung/ Fri, 17 Mar 2017 08:00:46 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455220
Heute war der Tag, das hatte sie sich geschworen.

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Tag

Sie hatte den dunkelroten Lippenstift aufgetragen, das teure Parfum rausgesucht, das bunte Sommerkleid aus dem Schrank geholt und gebügelt, stundenlang ihre Haare geglättet, vorm Spiegel ein verführerisches Lächeln eintrainiert, die reizende Unterwäsche extra für heute gekauft – denn heute war der Tag, das hatte sie sich geschworen.

Heute war der Tag. Heute war der Tag. Heute war nicht irgendein Tag. Heute war der Tag. Heute war ihr Tag.

„Hi,“ sagte sie.

„Hi,“ sagte er, nickte, blickte auf die Uhr, machte eine Bemerkung über das Wetter und ging weiter.

Begegnung

An der Ecke Theresien / Augusten trat sie ihm auf den Fuß. „Oh,“ sagte sie.

„Oh,“ sagte er.

„Entschuldigung,“ sagte sie.

„Entschuldigung,“ sagte er.

„Warum-?“, sagte sie.

„Ich weiß nicht,“ sagte er.

„Oh,“ sagte sie.

„Oh,“ sagte er.

Sie sahen einander nie wieder.

Begegnung erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern http://pfeil-undbogen.de/olga-grjasnowa-gott-ist-nicht-schuechtern/ Fri, 17 Mar 2017 08:00:39 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987454077
Der Leser muss sich dann mit einem Buch begnügen, das sich eher wie die Skizze zu einem noch nicht abgeschlossenen Roman liest. Das Feuilleton wird diesen Roman aller Voraussicht nach trotzdem lieben.

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Dinge, die das deutsche Feuilleton gerade liebt: junge Autoren, die endlich wieder politisch schreiben. Junge Autoren, die über den Tellerrand ihrer social bubble hinausblicken und deren Horizont jetzt weiter als von Kreuzkölln bis zu irgendeinem ostdeutschen Provinznest reicht. Die ihre eigenen Erfahrungen verarbeiten, im besten Fall noch dazu solche, die über die existenziellen Krisen des Arztsöhnchens hinausgehen. Die ihr Schreiben vielleicht sogar aus biografischen Ereignissen speisen, die ihnen einen persönlichen Zugang zu Themen wie Flucht und Vertreibung ermöglichen.

Vorhang auf für Olga Grjasnowa, die in ihrem dritten Roman Gott ist nicht schüchtern die syrische Flüchtlingskrise aufgreift. Doch so lobenswert ihr Ansatz auch ist – im Versuch, die deutschen Grenzen hinter sich zu lassen und das politisch Bedrängende unserer Epoche literarisch darzustellen, verheddert sie sich trotz bester Voraussetzungen gewaltig. Ihr Buch illustriert in der Konsequenz, dass gewissenhafte Recherche und gute Absichten allein nicht ausreichen, um die komplexen Auswirkungen eines globalen Konflikts ausreichend darzulegen sowie gleichzeitig einen Roman zu schreiben, der auch als literarisches Werk bestehen kann.

Im Fokus der Erzählung stehen die zwei Protagonisten Amal und Hammoudi. Beides junge, schöne, aufgeklärte Syrer, die im Laufe der Handlung politisch aktiv werden müssen, sich gegen Assads Schergen stellen, schließlich fliehen und nebenbei auch noch in familiären, amourösen und beruflichen Zwickmühlen stecken. Auf 311 groß bedruckten Seiten versucht sie außerdem, eine umfassende Analyse des Gesamtkonflikts vorzunehmen. Doch gerade wenn sich der Roman darum bemüht, Diktatur, Krieg, Flucht und Entwurzelung mit allen dazugehörigen politischen und gesellschaftlichen Implikationen aufzufächern, scheitert er am Versuch, diese Themenvielfalt im Schnelldurchlauf abzuhandeln.

Böse werden böser, die Helden zu selbstlosen Humanisten.

So viel sich Gott ist nicht schüchtern auch vorgenommen hat, so sehr verliert sich die auktoriale Erzählstimme zudem immer wieder in detaillierten Nichtigkeiten. Ob ein unbedeutende Kellner nun eine breite Nase hat, wie viele Warzen die nächste Nebenfigur bevölkern oder ob die Bettdecke hellgelb ist, verkommt angesichts des großen Erzählvorhabens zu einem befremdlichen Fokus. Mit der Entscheidung für einen allwissenden Erzähler hätte Grjasnowa versuchen können, der Komplexität des Geschehens auch inhaltlich gerecht zu werden. Stattdessen bleibt alles, wie es zu erwarten war. Assads Schergen, Grenzsoldaten und Schleuser sind allesamt böse Männer mit noch böseren Absichten, während die Helden der Erzählung angesichts des erlebten Grauens in bester Hollywood-Manier zu selbstlosen Humanisten werden.

So entsteht der Eindruck, dass hier engagiert zusammengetragene Informationen zum Syrienkonflikt mit halbgarer Prosa garniert wurden, um möglichst zeitnah den Hunger eines aufgeklärten Buchmarktes stillen zu können. Der Leser muss sich dann mit einem Buch begnügen, das sich eher wie die Skizze zu einem noch nicht abgeschlossenen Roman liest. Das Feuilleton wird diesen Roman aller Voraussicht nach trotzdem lieben.

Während man Gott ist nicht schüchtern aber zugutehalten muss, die inhaltliche Auseinandersetzung mit einer dringlichen Situation zu suchen, unternimmt er keinesfalls den Versuch, dem Diskurs neue Betrachtungsweisen hinzuzufügen oder bestehende Standpunkte der Debatte herauszufordern. Stattdessen belässt er es dabei, den aktuellen Diskurs in seinen Positionen und Betrachtungsweisen zu reproduzieren und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, Affektkunst zu bleiben.

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern, Aufbau Verlag, 309 Seiten.

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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Clemens Meyer: Die stillen Trabanten http://pfeil-undbogen.de/clemens-meyer-die-stillen-trabanten/ Thu, 16 Mar 2017 08:00:58 +0000 http://pfeil-undbogen.de/?p=987455196
Immer breiten die zwölf Geschichten, die größtenteils aus der Ich-Perspektive erzählt werden, ein ganzes Leben aus.

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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„Die Menschen, die dort am Bahnhof standen, sahen anders aus . . . Obwohl die Grenze seit fünfundzwanzig Jahren keine Grenze mehr war“. Der Triebwagenführer fährt aus Sachsen-Anhalt Richtung Westen. Er ist einer der Vagabunden, deren Geschichte Clemens Meyer in seinem Buch Die stillen Trabanten mit feinem Faden zu einem dichten Stoff verwebt. Immer breiten die zwölf Geschichten, die größtenteils aus der Ich-Perspektive erzählt werden,  ein ganzes Leben aus. Mal knapp, wenn sich die Arbeiterin der Bahnreinigung an das Gespräch mit der Kontrollkommission erinnert. Dann wiederum zoomt Meyer so nah ran, dass der Abdruck des Maschendrahtzauns im Gesicht spürbar wird, an den sich der Wachmann lehnt, weil er auf die Frau aus dem Wohnheim wartet. Die Kirschkerne, die bei der Reinigung vergessen wurden, die Vergeblichkeit des Wartens am Zaun, das schwarz glänzende Brikett im Regal der Witwe, die Söhne und Mann durch den Staub der Kohle verliert, sind Verdichtungen der Traurigkeit zwischen Plattenbauten in Trabantenstädten.

Immer wieder taucht blitzlichtartig das Bild von Frauen und Männern auf, die aus dem Fenster blicken, gestützt auf verblichene Kissen in der Fensterbank. Sie warten auf etwas, das nicht kommt.

Aus Meyers erstem Erzählband Die Nacht, die Lichter sind uns die großen Lebensthemen vertraut: Einsamkeit, sozialer Abstieg, Krankheit, Alter, Tod, verlorene Freundschaften, komplizierte Familienverhältnisse, Sehnsucht nach Kindheit und Heimat, unerfüllte Liebe. In dieser geballten Form ziemlich schwere Kost. Wer sorgenfrei in geordneten Verhältnissen lebt, hat Mühe, sich direkt einzufühlen. Zu fern die eigene Realität und zu bruchstückhaft die Schilderungen, um auf Anhieb einen Zugang zu finden. Je mehr wir uns jedoch einlassen, desto eher gelingt es, in dem zusammen gefegten Scherbenhaufen eine Botschaft zu erkennen.

Herunter gekommene Gestalten stehen in abgewetzten Mänteln mit speckigen Schiebermützen auf dampfenden Bahnsteigen in der Dämmerung und der Himmel leuchtet rot glühend über Plattenbauten und öden Straßen. Manche Figuren, die wir aus Meyers Büchern kennen, treffen wir wieder. Er ist diesen Menschen begegnet.

Gebannt  werden wir selbst zum entwurzelten Streuner an kalten, unveränderlichen Orten

Meyer hat die Gabe, den schrecklichsten, banalsten, unbelebten Dingen dieser Welt eine unbändige Leuchtkraft zu verleihen. Plötzlich fühlen wir uns weich und verletzlich, neben einem bloßen Betonmülleimer, der seltsam unantastbar vor „Objekt 95“ steht. Die Geschichten sind von großer Intensität, bildgewaltig, mit Tempo voran getrieben, tragisch, todtraurig, tief bewegend, aber nie sentimental.

Meyer entwirft mit wenigen, hochpoetischen Worten expressive Bilder. Seine Charakterdarstellungen und Situationsbeschreibungen sind zwar schonungslos, jedoch nie bewertend. Auf schmerzhafte Weise seziert Meyer die Risse, die unsere Gesellschaft spalten. Ihn interessieren die Brüche im Leben durch Kriege und Wiedervereinigung. Nicht zuletzt deshalb, weil Meyer, 1977 in Halle geboren und aufgewachsen in Leipzig, mit diesen Brüchen lebt. Selten flimmert in einer Biografie Hoffnung auf oder gar Glück. Wenn der alte Jockey in der Flughafenbegegnung einen Freund findet, hoffen wir bis zum Schluss der Erzählung, dass sie ein gutes Ende nähme.

Clemens Meyer ist ein politischer Dichter. Er beendet  Die stillen Trabanten mit der Geschichte des Arbeiterschriftstellers Willi Bredel und dessen Werk über Klaus Störtebeker, den Piraten und Robin Hood der Hanse. Der Legende nach ging Störtebeker in die ärmlichen Hütten der Fischer, wusste, wie sie lebten und kämpfte für ihre Rechte. Am Ende ist Meyer selbst mit seinen Geschichten ein Störtebeker der Postmoderne.

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten. S. Fischer,  2017. 272 Seiten.

Clemens Meyer: Die stillen Trabanten erschien zuerst bei Pfeil und Bogen.

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