Fatma Aydemir: Ellbogen

Unsere liebsten Coming-Of-Age-Romane haben uns zu Komplizinnen gemacht. Wir haben mit ihren Helden geliebt, gehasst und gelitten. Uns auf Haut und Haar mit ihnen identifiziert. Mit Maik Klingenberg sind wir mutig geworden, mit einem, der namenlos bleibt, sind wir durch die zerfaserte Republik gereist, selbst mit Mifti wollten wir weiter durch die Berliner Nächte ziehen. Standen da Sätze wie: »Ich streiche mir durch das blonde Haar«, lasen wir unsere eigene Haarfarbe hinein. Bei Sätzen wie »Ich stehe auf dem Klodeckel, um drei Lines Speed auf der Trennwand zurechtzumachen« fühlten wir uns selbst ein wenig high.

Und jetzt begegnet uns Hazal, die Heldin aus Fatma Aydemirs Debüt Ellbogen. Hazal Akdüzgün. Schon der Name hallt wie ein Fremdkörper durch unseren Kopf. Hazal ist 17, Türkin, wohnhaft im Wedding, aufgewachsen in einem Milieu, das wir nur aus RTL-Reality-Shows kennen. Sie ist laut, aggressiv und Teil einer Mädchen-Crew, der wir unter gar keinen Umständen begegnen wollen. Vor allem nicht nachts auf den Gleisen. Genauso wenig wie Hazals kleinkriminellen Bruder Onur, wie ihren erzkonservativen Eltern, ihren bigotten Tanten, (Semra, die Coole, mal ausgenommen), ihrem Istanbuler Junkie-Facebook-Freund. Bereits die minutiös geschilderten Lebensumstände zeigen unserem identifikatorischen Lesebedürfnis eiskalt die Schulter. Und dann, wenn Hazal, Elma und Gül so richtig die Ellbogen ausfahren: Aua, schmerzt! Spätestens ab – Achtung Spoiler – Seite 123 ist es dann endgütig vorbei mit dem Wir-alle-sind-doch-ein-bisschen-Hazal-Gefühl.

Und doch, und das ist das Grandiose: Irgendwo, und zwar mit einem ziemlich großen Teil unseres Herzens, sind wir trotzdem auf Hazals Seite. Bangen und hoffen mit ihr. Dass sie doch noch die Kurve kriegt. In Berlin oder der Türkei oder wo auch immer. Dass sie ihr Leben nicht Fatih-Akin-like gegen die Wand krachen lässt. Wir wollen ihr helfen. Sie packen. Schütteln. Sie anschreien (mit schreckensgeweiteten Augen): WAS LOS, MÄDCHEN?! KOMM RUNTER! KRIEGS MAL GERAFFT!

Wie Fatma Aydemir das schafft? Durch ihren Drive. Ihren Sound. Ihr Tempo. Durch ihre harte, verzweifelte Komik. Durch die überraschenden Twists im Plot. Vor allem aber durch ihre frische, unverbrauchte, rotzige Sprache. Wedding-Slang, scheinbar superauthentisch, in Wirklichkeit hochartifiziell und bis in die letze Silbe hinein zum Funkeln gebracht. Dabei subtil selbstironisch: »Alter!«, rutscht es mir heraus. Alter. Mir ist, als müsste ich kotzen, und zwar direkt vor die Füße des Ladendetektivs.« Durch ein paar Türken-Klischees, ja, das auch.

»Und wenn sie dich erwischen: Ellbogen raus und ab durch die Mitte. Lauf, Süße, lauf!«

Ellbogen ist ein Buch, das schreit und flucht und flüstert und wütet und säuselt. Alles zugleich. Und uns trotz aller Identifikationsbarrieren unter die Haut geht wie nur selten eins. Deshalb sagen wir jetzt mal ganz frei, mit einer Stimme, die nicht die unsere ist (das heißt, ein bisschen inzwischen schon): »Alter, wieso liestn du grad ne Kritik vom Buch statt das Buch? Keine Kohle? Dann geh dir eins klauen. Und wenn sie dich erwischen: Ellbogen raus und ab durch die Mitte. Lauf, Süße, lauf!«

Fatma Aydemir: Ellbogen. Hanser 2017. 272 Seiten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Hanser Berlin
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