Faszinieren

Lesen fasziniert mich. Ein guter Text kann mich in seinen Bann ziehen, kann mich ganz für sich vereinnahmen. Faszinieren – darin klingt eine Bewunderung für etwas, eine genüssliche Vertiefung. Aber das Faszinosum muss nicht immer schön sein. Wir können auch von Schrecklichem fasziniert sein, von gleichzeitig Abstoßendem und Anziehendem. Wovon wir fasziniert sind, können wir uns nicht aussuchen, es ist Teil unseres Wesens. Und das gilt auch für die Literatur. Warum der eine Text es schafft und der andere nicht, woran genau es liegt, dass ich fasziniert werde, lässt sich oft gar nicht genau sagen. Bestimmten Texten wohnt etwas inne, eine Qualität, die sich nur bis zu einem gewissen Grad objektiv nachvollziehen lässt, denn sie muss auch immer mit mir persönlich reagieren. Es bedarf also einer Mischung aus handwerklicher Qualität, individuellem Interesse und etwas, das wohl aller Kunst innewohnt – einer archaische Kraft – einem kleinen Teil Unbeschreibbarkeit. Um das zu finden, schreibe ich.

Laut dem Historischen Wörterbuch des Mediengebrauchs leitet sich faszinieren etymologisch vom lat. fascinare (behexen, bezaubern) ab. Dieses wiederum basiert auf dem griech. baskanía, das für die „Verzauberung durch den bösen Blick“ steht.
Diese Bedeutungsebene ist beinahe vergessen und klingt nur noch leise in seinem heutigen, inflationären Gebrauch mit. Man lässt sich gerne faszinieren, die Implikation von Beherrschung, von Bezauberung gegen den eigenen Willen, spielt kaum mehr eine Rolle. Ein anderer Aspekt der ursprünglichen Bedeutung ist jedoch noch immer vorhanden. So definierte Roland Barthes in den Notizen eines Seminars zu Marcel Proust fasziniert sein als „nichts mehr zu sagen haben: Man scheitert daran, über das zu sprechen, was uns fasziniert.“ (Proust und die Photographie. In: Ders.: Die Vorbereitung des Romans, S. 466.)

„Man scheitert daran, über das zu sprechen, was uns fasziniert.“

Das ist leicht ersichtlich. Es ist schwer, beinahe unmöglich, Erklärungen für eine Faszination an etwas zu finden. Es ist beinahe so, als wäre dieses Unerklärbare eine Voraussetzung dafür. Und wo immer Unerklärbares auftritt, ist die Assoziation mit dem Magischen, Okkulten nicht fern.

Es ist spannend, dass in unserer rational erklärbaren Welt, so ein Schlupfloch für Ungewissheit noch besteht. Zwar glauben wir heute bei Faszination nicht mehr an Behexung. Möglicherweise gibt auch es längst neurobiologische Erklärungen für die entsprechenden Vorgänge in unserem Gehirn. Aber das bedeutet nicht, dass es im Alltag deswegen verständlicher wäre. Nur weil wir wissen, dass ein Gefühl eine chemische Reaktion im Gehirn ist, macht es das nicht weniger geheimnisvoll und beeindruckend.

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